„Bis zum Bahnhof kann ich Euch bringen, aber weiter rein in die Stadt fahre ich heute nicht“, sagte der Fahrer des Minibusses entschieden, der jeden Tag morgens und abends die Dozenten und Studenten der Universität Durrës von Tirana nach Durrës und zurück bringt, „das ist mir wirklich zu riskant!“. Alle Mitfahrer nickten verständnisvoll. Ein nervöses Schweigen hatte sich ausgebreitet. Ein Wirtschaftsdozent in der ersten Reihe hatte die Antenne seines Handys herausgezogen und verfolgte die Nachrichten. Eine Horde junger Männer in schwarzen Lederjacken machte vor dem Ministerratsgebäude auf dem zentralen Boulevard der albanischen Hauptstadt Randale.
Am Abend zuvor hatte eine Kollegin von der Universität Tirana berichtet, dass viele Studentinnen nicht zum Unterricht kommen würden, weil sie Angst hätten. Angst vor den Demonstrationen der Opposition? Aber die Opposition streikte und demonstrierte seit mehr als 18 Monaten, und niemals war etwas Besonderes passiert. Noch war jemals etwas dabei rausgekommen. Die Regierung stellte sich taub, oder ging mit persönlichen Beleidigungen gegen die Opposition vor. Europa und die USA drängten auf Verständigung, hatten zu Gesprächen nach Brüssel eingeladen, aber erfolglos. Vor ca. einer Woche war nun ein Video im Fernsehen aufgetaucht, in dem ein Gespräch zwischen dem ehemaligen Wirtschaftsminister und dem ehemaligen Vizepremierminister, darauffolgendem Wirtschaftsminister und inzwischen ehemaligem Wirtschaftsminister zu sehen war. In diesem Gespräch ging es darum, bestimmten Leuten Jobs zu beschaffen „Es braucht Dich nicht zu interessieren, ob diese Person qualifiziert ist, oder nicht. Wenn es von mir kommt, muss Dich nicht einmal der Name interessieren. Finde einfach eine Stelle für ihn!“. Außerdem wurde in rätselhaften Formeln scheinbar ein Geschäft besprochen, bei dem durch den Abschluss eines staatlichen Auftrags mehrere Hunderttausend Euro fließen sollten. Korruption also, genau wie man sie sich eben so vorstellt, bzw. genau wie man sie von den Albanern beschrieben bekommt. Dennoch löste dieses Video einen Aufschrei der Empörung in Albanien aus, führte zum Rücktritt des besagten Politikers aus der Koalitionspartei und dazu, dass die Opposition erneute Proteste ankündigte und noch vehementer nach vorgezogenen Neuwahlen verlangte.
Mittags im Büro hatte uns eine warnende Rundmail erreicht: „Im Zentrum von Tirana schmeißen junge Männer mit Pflastersteinen. Wir hoffen, dass sich die Lage nicht verschärft. Bitte meiden Sie unnötige Ausflüge in die Gegend und teilen Sie uns umgehend Ihre Adresse und Festnetznummer mit, damit wir sie im Notfall auch ohne Mobilfunknetz erreichen können.“ Wirklich ernst erschien die Lage trotz derartiger Warnungen nicht. „Die ganze Angstmache wird doch eine Masche der Regierung unter Sali Berisha sein, um die Leute von der Teilnahme an den Protesten abzuhalten“, vermutete man, und zustimmend wurde hinzugefügt „Die Albaner haben seit den Unruhen 1997 die Schnauze voll von Gewalt. Alle wissen, dass man auf diesem Wege nichts erreichen kann. Wir sind schließlich nicht Tunesien! Außerdem sind die Proteste keine Bewegung des Volkes, sondern von der Opposition ins Leben gerufene, künstliche Inszenierungen. Die Teilnehmer sind größtenteils entweder von der sozialistischen Partei bezahlt oder verpflichtet worden auf die Straße zu gehen. Alle anderen interessiert das hier nicht, sie wollen nur ihre Ruhe von der Politik!“
Zu Beginn, im Sommer 2009, hatten einige von uns Ausländern die Proteste der Opposition mit Begeisterung beobachtet. Erst nach einer Vielzahl ähnlicher desillusionierender Kommentare von albanischen Bekannten und Kollegen, hatte die Euphorie der Erkenntnis Platz gemacht, dass es sich lediglich um ein politisches Manöver der Oppositionspolitiker und nicht um einen Volksaufstand handelte. Und schließlich hatte man die Protestaktionen gar nicht mehr ernst genommen. Zumindest bis zu diesem Freitagnachmittag.
Als der Minibus auf die Umgehungsstraße von Tirana einbog, die de facto inzwischen direkt durch die Stadt führte und immer hoffnungslos überfüllt war, sah man schwere schwarze Rauchwolken aus dem Zentrum aufsteigen. Alle hielten erschrocken den Atem an. Erst nach einigen Minuten wurde noch eine weitere Ungewöhnlichkeit bemerkt. Die Straße war leer. Alle hatten damit gerechnet, an diesem Freitag länger als gewöhnlich nach Hause zu brauchen, da der für die Demonstration gesperrte Boulevard die vorhergehenden Male stets zu einem Verkehrschaos in ganz Tirana geführt hatte. Heute jedoch kam man gut voran, nur wenige Autos fuhren.
Auf dem darauffolgenden Fußmarsch im Herzen von Tirana, konnte man vermutlich den besten Eindruck von Albanien im Kommunismus erhalten, der heutzutage noch möglich ist. Es fuhr kein einziges Auto auf dem breiten Boulevard und auch am Skanderbegplatz vor der Oper, wo sich gewöhnlich Stoßstange an Stoßstange reihte, wo man nicht atmen und vor lauter Hupen sein eigenes Wort nicht verstehen kann, herrschte Leere und Stille.
Es wäre ein traumhafter Anblick gewesen, wären nicht auch die Gesichter der Menschen in seltsamer Weise verändert gewesen. Es waren viele Fußgänger unterwegs, die sich größtenteils aus dem Zentrum in die Peripherie Tiranas bewegten. Im Gegensatz zum gewöhnlichen albanischen Schlendertempo war ihre Gangart jedoch gehetzt und unruhig, zu schnell bewegten sie sich, zu wenig wurde gesprochen, begrüßt und links-rechts-links Küchen verteilt, zu konzentriert blickten alle Passanten um sich, offener und aufmerksamer als gewöhnlich waren die vielen Augenpaare. Irgendwie schien das Lachen der Stadt erstickt, die bunten Häuser, von Oppositionsführer, Tiraner Bürgermeister und Künstler Edi Rama initiiert, taten heute nicht ihre übliche Wirkung. Dicker schwarzer Rauch stieg vom Gelände der Pyramide auf – dem ursprünglich als Museum und Mausoleum für den stalinistischen Diktator Enver Hoxha errichteten Gebäude – auf dem Menschen zu sehen waren, die das Geschehen wohl aus sicherer Höhe beobachteten. Die durch das Fehlen der Autos entstandene Stille wurde von Schüssen durchbrochen. Die meisten dieser Schüsse klangen wie Feuerwerkskörper, doch einige waren erschreckend scharf. In der Luft lag der Geruch von Sylvester und verbranntem Gummi.
Neugier und die naive westeuropäische Gewissheit, dass schon nichts passieren würde, hätten einen wohl direkt in das Geschehen hinein laufen lassen können. Aber die Passanten zog es wie von selbst zurück auf die Umgehungsstraße, am Parlament vorbei, auf dessen Dach sich vor den dunkelgrauen Rauchschwaden schwarz gekleidete Scharfschützen abhoben, und nach Hause. Die Erleichterung beim Zuziehen der Haustür war einem jeden aufs Gesicht geschrieben. Aber woher das plötzliche Herzklopfen und die Angst? Ein wenig so wie auf diesem Nachhauseweg musste man sich im Krieg fühlen. Was war nur mit dem friedlich lethargischen Tirana geschehen?
Zu dieser ersten Frage, was geschehen sei, gesellten sich in den darauffolgenden Stunden viele weitere Fragen. Wie konnte die Opposition Menschen aus allen Teilen Albaniens zu Protesten nach Tirana schaffen, die ärmsten Menschen des Landes, Menschen ohne Arbeit, ohne Bildung, ohne Hoffnung, und sie dann ohne Führung, ohne Beteiligung derjenigen, die sie aufgehetzt hatten, auf das Ministerratsgebäude loslassen? Wie konnte die Regierung ihre Polizisten einer solchen Meute aussetzen, ohne klare Einsatzanweisungen, ohne das klare Verbot Pflastersteine auf die Demonstranten zurück zu schleudern oder mit scharfer Munition auf sie zu schießen? Wie konnte es zu 60 verletzten Zivilisten und Polizisten kommen?
Warum sind vier Menschen tot?
Diese Fragen hallten das ganze Wochenende durch Albanien, nur unterbrochen von den Klagegesängen der Frauen für die Verstorbenen: Wie konnten Regierung und Opposition es soweit kommen lassen, dass Menschen in deren grausamen politischen Spiel zu Tode kamen? Wieso ist es wieder so weit gekommen, dass Albaner von der Politik für ihre Ziele geopfert werden? Und die wichtigste Frage: Wie soll es jetzt weiter gehen?
Bei einem nächtlichen Spaziergang an den Ort des Geschehens wird man überwältig von einem Geruchsmix aus aufgewühlter Erde und Verbranntem. Die ausgebrannten Autowracks liegen unberührt auf dem Vorplatz der Pyramide. Die Garde des Premierministers vor dem Ministerratsgebäude ist mit Taschenlampen auf der Suche nach irgendetwas. Exakt an der Stelle, von der aus die Demonstranten erschossen worden waren. Vielleicht wollten sie die Patronenhülsen und Spuren verschwinden lassen? Wer konnte schon ahnen, dass ein Journalist seine Kamera exakt auf das Mordgeschehen gerichtet hatte? Leugnen und Vertuschen half ausnahmsweise nichts.
Projekte und Veranstaltung mit ausländischen Gästen sind für die kommende Woche abgesagt. Berisha und Rama verstricken sich in der üblichen Beschuldigungsrhetorik und gegenseitigen persönlichen Beleidigungen. Nicht einmal vier tote Zivilisten in einem Land, das erfolgreich Mitglied der NATO geworden ist und bereits einen Antrag auf Kandidatenstatus für einen E.U. Beitritt gestellt hatte, sind ausreichend, um die rivalisierenden Parteien zu Verhandlungen an einen Tisch zu bringen. Es werden Vorwürfe gemacht. Es wird im besten Fall erschrocken geschwiegen. Oder hilfesuchend in die U.S.A. und nach Europa geblickt. Es wird gedroht. Von Oppositionsseite wird stolz ausgerufen, dass sie keinen Rückzug antreten würden, koste es so viele Menschenleben wie nötig. Von der Regierungsseite wird es abgelehnt, trotz Beschlusses der Generalstaatsanwaltschaft, die Einsatzleitung der Polizei wegen der Todesfälle vor Gericht zu stellen.
Keiner der leitenden Politiker ist bereit einzulenken. Einzulenken für das Wohl des Landes, für das Wohl des Volkes. Keiner von ihnen hat die geringste Vorstellung davon, dass Politik bedeuten könnte, das Beste für das eigene Volk erreichen zu wollen. Dass ein Mandat das Recht darstellt, im Namen der Bürger und für sie zu sprechen. Dass Politik nicht bedeutet, die eigenen Taschen vollzustopfen, sich selbst zu bereichern und das Volk – bis hin zum Tod – für seine eigene Machtgier zu missbrauchen.
Und die Albaner? Eine Wut hat sich ausgebreitet an diesem Wochenende. Wut und Trauer und Angst. Die Wut, die vor diesem schwarzen Freitag künstlich von Opposition und Regierung erzeugt wurde, ist jetzt wirklich spürbar als Wut über die Korruption und den grenzenlosen Egoismus der Politiker beider Seiten. Trauer empfinden die Menschen, neben dem Entsetzen über die Toten, vor allem über die Alternativlosigkeit ihrer Situationen. Keine der drei politischen Parteien genießt mehr Respekt in der Gesellschaft, niemandem wird mehr ein ernsthaftes Interesse am Wohl des Landes und des Volkes zugetraut. Die Menschen sind traurig und verzweifelt, weil sie die Farce der politischen Wirklichkeit in ihrem Lande sehr wohl erkennen, aber keine Alternative verfügbar sehen. Und sie haben Angst, dass die kleinen Fortschritte, die seit den Unruhen 1997 in Albanien erzielt worden sind, der kleine Wohlstand und die große Freiheit, die seit dem 15. Dezember vergangenen Jahres in Form der Visafreiheit nun endlich auch für die normalen Bürger erfüllt zu sein scheint, die ihre Kinder und Familien nun im Schengenraum besuchen können, dass all dieses durch einen Haufen unverantwortlicher Politiker wieder in Gefahr geraten könnte.
Die Menschen haben die große Hoffnung, ein wenig an der europäischen Freiheit zu schnuppern, ein wenig vom Wohlstand des Kapitalismus zu kosten und die Gerechtigkeit der Demokratie zu spüren. Sie wünschen sich Frieden, Ruhe, ein wenig Komfort für sich selbst und die Chance auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder. Und dennoch wird ihnen immer wieder in den Rücken gefallen, oder geschossen, von ihren eigenen Anführern.



