Montag, 24. Januar 2011

Inszeniertes Aufbegehren – Proteste in Albanien

„Bis zum Bahnhof kann ich Euch bringen, aber weiter rein in die Stadt fahre ich heute nicht“, sagte der Fahrer des Minibusses entschieden, der jeden Tag morgens und abends die Dozenten und Studenten der Universität Durrës von Tirana nach Durrës und zurück bringt, „das ist mir wirklich zu riskant!“. Alle Mitfahrer nickten verständnisvoll. Ein nervöses Schweigen hatte sich ausgebreitet. Ein Wirtschaftsdozent in der ersten Reihe hatte die Antenne seines Handys herausgezogen und verfolgte die Nachrichten. Eine Horde junger Männer in schwarzen Lederjacken machte vor dem Ministerratsgebäude auf dem zentralen Boulevard der albanischen Hauptstadt Randale.


Am Abend zuvor hatte eine Kollegin von der Universität Tirana berichtet, dass viele Studentinnen nicht zum Unterricht kommen würden, weil sie Angst hätten. Angst vor den Demonstrationen der Opposition? Aber die Opposition streikte und demonstrierte seit mehr als 18 Monaten, und niemals war etwas Besonderes passiert. Noch war jemals etwas dabei rausgekommen. Die Regierung stellte sich taub, oder ging mit persönlichen Beleidigungen gegen die Opposition vor. Europa und die USA drängten auf Verständigung, hatten zu Gesprächen nach Brüssel eingeladen, aber erfolglos. Vor ca. einer Woche war nun ein Video im Fernsehen aufgetaucht, in dem ein Gespräch zwischen dem ehemaligen Wirtschaftsminister und dem ehemaligen Vizepremierminister, darauffolgendem Wirtschaftsminister und inzwischen ehemaligem Wirtschaftsminister zu sehen war. In diesem Gespräch ging es darum, bestimmten Leuten Jobs zu beschaffen „Es braucht Dich nicht zu interessieren, ob diese Person qualifiziert ist, oder nicht. Wenn es von mir kommt, muss Dich nicht einmal der Name interessieren. Finde einfach eine Stelle für ihn!“. Außerdem wurde in rätselhaften Formeln scheinbar ein Geschäft besprochen, bei dem durch den Abschluss eines staatlichen Auftrags mehrere Hunderttausend Euro fließen sollten. Korruption also, genau wie man sie sich eben so vorstellt, bzw. genau wie man sie von den Albanern beschrieben bekommt. Dennoch löste dieses Video einen Aufschrei der Empörung in Albanien aus, führte zum Rücktritt des besagten Politikers aus der Koalitionspartei und dazu, dass die Opposition erneute Proteste ankündigte und noch vehementer nach vorgezogenen Neuwahlen verlangte.


Mittags im Büro hatte uns eine warnende Rundmail erreicht: „Im Zentrum von Tirana schmeißen junge Männer mit Pflastersteinen. Wir hoffen, dass sich die Lage nicht verschärft. Bitte meiden Sie unnötige Ausflüge in die Gegend und teilen Sie uns umgehend Ihre Adresse und Festnetznummer mit, damit wir sie im Notfall auch ohne Mobilfunknetz erreichen können.“ Wirklich ernst erschien die Lage trotz derartiger Warnungen nicht. „Die ganze Angstmache wird doch eine Masche der Regierung unter Sali Berisha sein, um die Leute von der Teilnahme an den Protesten abzuhalten“, vermutete man, und zustimmend wurde hinzugefügt „Die Albaner haben seit den Unruhen 1997 die Schnauze voll von Gewalt. Alle wissen, dass man auf diesem Wege nichts erreichen kann. Wir sind schließlich nicht Tunesien! Außerdem sind die Proteste keine Bewegung des Volkes, sondern von der Opposition ins Leben gerufene, künstliche Inszenierungen. Die Teilnehmer sind größtenteils entweder von der sozialistischen Partei bezahlt oder verpflichtet worden auf die Straße zu gehen. Alle anderen interessiert das hier nicht, sie wollen nur ihre Ruhe von der Politik!“


Zu Beginn, im Sommer 2009, hatten einige von uns Ausländern die Proteste der Opposition mit Begeisterung beobachtet. Erst nach einer Vielzahl ähnlicher desillusionierender Kommentare von albanischen Bekannten und Kollegen, hatte die Euphorie der Erkenntnis Platz gemacht, dass es sich lediglich um ein politisches Manöver der Oppositionspolitiker und nicht um einen Volksaufstand handelte. Und schließlich hatte man die Protestaktionen gar nicht mehr ernst genommen. Zumindest bis zu diesem Freitagnachmittag.


Als der Minibus auf die Umgehungsstraße von Tirana einbog, die de facto inzwischen direkt durch die Stadt führte und immer hoffnungslos überfüllt war, sah man schwere schwarze Rauchwolken aus dem Zentrum aufsteigen. Alle hielten erschrocken den Atem an. Erst nach einigen Minuten wurde noch eine weitere Ungewöhnlichkeit bemerkt. Die Straße war leer. Alle hatten damit gerechnet, an diesem Freitag länger als gewöhnlich nach Hause zu brauchen, da der für die Demonstration gesperrte Boulevard die vorhergehenden Male stets zu einem Verkehrschaos in ganz Tirana geführt hatte. Heute jedoch kam man gut voran, nur wenige Autos fuhren.


Auf dem darauffolgenden Fußmarsch im Herzen von Tirana, konnte man vermutlich den besten Eindruck von Albanien im Kommunismus erhalten, der heutzutage noch möglich ist. Es fuhr kein einziges Auto auf dem breiten Boulevard und auch am Skanderbegplatz vor der Oper, wo sich gewöhnlich Stoßstange an Stoßstange reihte, wo man nicht atmen und vor lauter Hupen sein eigenes Wort nicht verstehen kann, herrschte Leere und Stille.


Es wäre ein traumhafter Anblick gewesen, wären nicht auch die Gesichter der Menschen in seltsamer Weise verändert gewesen. Es waren viele Fußgänger unterwegs, die sich größtenteils aus dem Zentrum in die Peripherie Tiranas bewegten. Im Gegensatz zum gewöhnlichen albanischen Schlendertempo war ihre Gangart jedoch gehetzt und unruhig, zu schnell bewegten sie sich, zu wenig wurde gesprochen, begrüßt und links-rechts-links Küchen verteilt, zu konzentriert blickten alle Passanten um sich, offener und aufmerksamer als gewöhnlich waren die vielen Augenpaare. Irgendwie schien das Lachen der Stadt erstickt, die bunten Häuser, von Oppositionsführer, Tiraner Bürgermeister und Künstler Edi Rama initiiert, taten heute nicht ihre übliche Wirkung. Dicker schwarzer Rauch stieg vom Gelände der Pyramide auf – dem ursprünglich als Museum und Mausoleum für den stalinistischen Diktator Enver Hoxha errichteten Gebäude – auf dem Menschen zu sehen waren, die das Geschehen wohl aus sicherer Höhe beobachteten. Die durch das Fehlen der Autos entstandene Stille wurde von Schüssen durchbrochen. Die meisten dieser Schüsse klangen wie Feuerwerkskörper, doch einige waren erschreckend scharf. In der Luft lag der Geruch von Sylvester und verbranntem Gummi.


Neugier und die naive westeuropäische Gewissheit, dass schon nichts passieren würde, hätten einen wohl direkt in das Geschehen hinein laufen lassen können. Aber die Passanten zog es wie von selbst zurück auf die Umgehungsstraße, am Parlament vorbei, auf dessen Dach sich vor den dunkelgrauen Rauchschwaden schwarz gekleidete Scharfschützen abhoben, und nach Hause. Die Erleichterung beim Zuziehen der Haustür war einem jeden aufs Gesicht geschrieben. Aber woher das plötzliche Herzklopfen und die Angst? Ein wenig so wie auf diesem Nachhauseweg musste man sich im Krieg fühlen. Was war nur mit dem friedlich lethargischen Tirana geschehen?


Zu dieser ersten Frage, was geschehen sei, gesellten sich in den darauffolgenden Stunden viele weitere Fragen. Wie konnte die Opposition Menschen aus allen Teilen Albaniens zu Protesten nach Tirana schaffen, die ärmsten Menschen des Landes, Menschen ohne Arbeit, ohne Bildung, ohne Hoffnung, und sie dann ohne Führung, ohne Beteiligung derjenigen, die sie aufgehetzt hatten, auf das Ministerratsgebäude loslassen? Wie konnte die Regierung ihre Polizisten einer solchen Meute aussetzen, ohne klare Einsatzanweisungen, ohne das klare Verbot Pflastersteine auf die Demonstranten zurück zu schleudern oder mit scharfer Munition auf sie zu schießen? Wie konnte es zu 60 verletzten Zivilisten und Polizisten kommen?


Warum sind vier Menschen tot?


Diese Fragen hallten das ganze Wochenende durch Albanien, nur unterbrochen von den Klagegesängen der Frauen für die Verstorbenen: Wie konnten Regierung und Opposition es soweit kommen lassen, dass Menschen in deren grausamen politischen Spiel zu Tode kamen? Wieso ist es wieder so weit gekommen, dass Albaner von der Politik für ihre Ziele geopfert werden? Und die wichtigste Frage: Wie soll es jetzt weiter gehen?


Bei einem nächtlichen Spaziergang an den Ort des Geschehens wird man überwältig von einem Geruchsmix aus aufgewühlter Erde und Verbranntem. Die ausgebrannten Autowracks liegen unberührt auf dem Vorplatz der Pyramide. Die Garde des Premierministers vor dem Ministerratsgebäude ist mit Taschenlampen auf der Suche nach irgendetwas. Exakt an der Stelle, von der aus die Demonstranten erschossen worden waren. Vielleicht wollten sie die Patronenhülsen und Spuren verschwinden lassen? Wer konnte schon ahnen, dass ein Journalist seine Kamera exakt auf das Mordgeschehen gerichtet hatte? Leugnen und Vertuschen half ausnahmsweise nichts.


Projekte und Veranstaltung mit ausländischen Gästen sind für die kommende Woche abgesagt. Berisha und Rama verstricken sich in der üblichen Beschuldigungsrhetorik und gegenseitigen persönlichen Beleidigungen. Nicht einmal vier tote Zivilisten in einem Land, das erfolgreich Mitglied der NATO geworden ist und bereits einen Antrag auf Kandidatenstatus für einen E.U. Beitritt gestellt hatte, sind ausreichend, um die rivalisierenden Parteien zu Verhandlungen an einen Tisch zu bringen. Es werden Vorwürfe gemacht. Es wird im besten Fall erschrocken geschwiegen. Oder hilfesuchend in die U.S.A. und nach Europa geblickt. Es wird gedroht. Von Oppositionsseite wird stolz ausgerufen, dass sie keinen Rückzug antreten würden, koste es so viele Menschenleben wie nötig. Von der Regierungsseite wird es abgelehnt, trotz Beschlusses der Generalstaatsanwaltschaft, die Einsatzleitung der Polizei wegen der Todesfälle vor Gericht zu stellen.


Keiner der leitenden Politiker ist bereit einzulenken. Einzulenken für das Wohl des Landes, für das Wohl des Volkes. Keiner von ihnen hat die geringste Vorstellung davon, dass Politik bedeuten könnte, das Beste für das eigene Volk erreichen zu wollen. Dass ein Mandat das Recht darstellt, im Namen der Bürger und für sie zu sprechen. Dass Politik nicht bedeutet, die eigenen Taschen vollzustopfen, sich selbst zu bereichern und das Volk – bis hin zum Tod – für seine eigene Machtgier zu missbrauchen.


Und die Albaner? Eine Wut hat sich ausgebreitet an diesem Wochenende. Wut und Trauer und Angst. Die Wut, die vor diesem schwarzen Freitag künstlich von Opposition und Regierung erzeugt wurde, ist jetzt wirklich spürbar als Wut über die Korruption und den grenzenlosen Egoismus der Politiker beider Seiten. Trauer empfinden die Menschen, neben dem Entsetzen über die Toten, vor allem über die Alternativlosigkeit ihrer Situationen. Keine der drei politischen Parteien genießt mehr Respekt in der Gesellschaft, niemandem wird mehr ein ernsthaftes Interesse am Wohl des Landes und des Volkes zugetraut. Die Menschen sind traurig und verzweifelt, weil sie die Farce der politischen Wirklichkeit in ihrem Lande sehr wohl erkennen, aber keine Alternative verfügbar sehen. Und sie haben Angst, dass die kleinen Fortschritte, die seit den Unruhen 1997 in Albanien erzielt worden sind, der kleine Wohlstand und die große Freiheit, die seit dem 15. Dezember vergangenen Jahres in Form der Visafreiheit nun endlich auch für die normalen Bürger erfüllt zu sein scheint, die ihre Kinder und Familien nun im Schengenraum besuchen können, dass all dieses durch einen Haufen unverantwortlicher Politiker wieder in Gefahr geraten könnte.


Die Menschen haben die große Hoffnung, ein wenig an der europäischen Freiheit zu schnuppern, ein wenig vom Wohlstand des Kapitalismus zu kosten und die Gerechtigkeit der Demokratie zu spüren. Sie wünschen sich Frieden, Ruhe, ein wenig Komfort für sich selbst und die Chance auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder. Und dennoch wird ihnen immer wieder in den Rücken gefallen, oder geschossen, von ihren eigenen Anführern.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Über den Wolken - Ja Ja Ja














... muss die Freiheit wohl grenzenlos sein!

15. Dezember 2010: die Visafreiheit für Albanien und Bosnien-Herzegowina tritt in Kraft.

Habt Ihr gar nicht mitbekommen? Hier wird gefeiert.

Was wird gefeiert?

Ganz simpel, dass die Menschen frei in den Schengen-Raum reisen dürfen, um zum Beispiel ihre Familienangehörigen zu besuchen. Unglaublich, aber es gibt Mütter, die seit 10 Jahren ihre Söhne nicht gesehen haben.

Montag, 6. Dezember 2010

Zusatz

FOLGENDER POST "REISEFLUT" WURDE TATSÄCHLICH WÄHREND DER BUSFAHRT GESCHRIEBEN UND SOLLTE EIGENTLICH EIN REISEBERICHT WERDEN. ERST WÄHREND DER FAHRT VERWANDELTE ER SICH IN EINEN KATASTROPHENBERICHT, WEIL ICH DANN ERST DAS AUSMASS LANGSAM ZU ERKENNEN BEGANN.

ICH WEISS NICHT, OB IN DEUTSCHEN MEDIEN ÜBER DIE ÜBERSCHWEMMUNG HIER BERICHTET WIRD, ABER DIE SITUATION FÜR DIE MENSCHEN IST SEHR SCHWIERIG. DIE REGIERUNG HAT EIN SPENDENKONTO EINGERICHTET, AUF DAS ICH GERNE EINZAHLEN MÖCHTE. WER VON EUCH SICH BETEILIGEN MÖCHTE, KANN MIR SCHREIBEN UND DANN ETWAS ÜBERWEISEN. 10 EURO SIND AUCH ETWAS... DANKE.

Reiseflut

Wir befinden uns in einem Tunnel. Der Bus bewegt sich rückwärts, biegt nach links ab, bleibt stehen. Steht. Links aus dem Fenster sehe ich eine Reihe von Häusern. Es ist immer noch dunkel. Als ich aufwache wird es langsam hell. Dieselbe Reihe von Häusern hinter dem linken Fenster. Eigentlich hätten wir um 5.00 Uhr morgens in Podgorica sein soll. Montenegro. Titograd, wie unsere bosnischen Gastgeber die Stadt genannt hatten, beim Abendessen, bevor wir aufbrachen.

Es hatte Hühnchen gegeben mit Kartoffeln und Karotten, im Ofen gebraten. Hausgemachten Käse und leider im Gegensatz zu sonst kein hausgemachtes Brot. Dafür Tee aus den Wiesen ums Haus herum für meinen Magen, der irgendwie keine so rechte Lust auf 24 Stunden Busfahrt zu haben schien. Und angewärmte Wollsocken vom Ofen. Gemütlich. Beim Essen lief der Fernseher, natürlich, und die Tochter der Familie rief aus Holland an, über Messenger. So unterhält man sich, über das Essen hinweg, den Fernseher hinweg, das Internet hinweg und parallel über mehrere Themen. Ich folge mal dem einen Gesprächsfaden, mal dem Anderen, verliere irgendwann völlig die Orientierung und konzentriere mich auf die warmen Socken und meinen Magen. Dann wird die allgemeine Trägheit plötzlich durchbrochen „Wann müssen wir los, ach wir müssen los, auf, auf, auf…“ Auch das, wie mir scheint, keine wirkliche Überraschung über das Fortschreiten der Zeit, sondern Teil des Besuchsrituals, ebenso wie Socken und Hühnchen.

Dann also ab in den Bus, und Dämmerzustand einschalten. Was soll man auch sonst machen, bei kurvigen Straßen und Dunkelheit? Im Halbschlaf durch zwei Grenzkontrollen, ein Grenzbeamter sammelt die Pässe im Bus ein – wenigstens muss man nicht mit Sack und Pack aussteigen, wie bei der Einreise in die EU – dann wird der Stapel wieder verteilt. Die Vornamen werden ausgerufen. Wenn der Ausrufer zögert, zögert, zögert und dann „Anna“ sagt, bin ich gemeint.

Soweit also bis zum Parkmanöver vor besagter Häuserreihe. Was war los? Erdrutsch, die Straße ist nicht mehr befahrbar. Wir müssen warten, bis am Morgen die Stadt die Straße wieder frei räumt. Erdrutsch, warum? Es ist so viel Regen gefallen, die letzten Tage. Überall Überschwemmungen. Ach wirklich? Wir hatten gar nichts mitbekommen. Naja… Immer noch ist es erst sieben Uhr morgens, im Halbschlaf erscheinen die Katastrophen der Welt irgendwie nebensächlich. Nur noch einmal kurz die Augen schließen…

Schließlich angekommen in Titograd, machen wir uns auf die Suche nach einem Fahrer für Albanien. Busverbindung gibt es zwischen den beiden Ländern keine, aber Händler, die aus Shkodra nach Montenegro kommen, einkaufen, und Leute zurück nehmen. Wie man die findet? Alte Mercedese aus den 80ern, 200D, mit Autokennzeichen „SH“ und dem albanischen Adler. Nach einer halben Stunde stehen fährt einer vorbei „Oh Schwester, O moj motra, wollt Ihr mit?“.

„Oh moj motra“ ist einer von wenigen Sätzen, die ich auf dem Rest der Fahrt von unserem Fahrer verstehe. Der Dialekt Nordalbaniens ist so wie sich mit einem Bauern aus Bichl, Oberbayern, zu unterhalten. Bichl kommt hier keine spezielle Bedeutung bei, sondern steht nur stellvertretend für starken bayerischen Dialekt. Und als Gruß an meine Schwester, die jahrelang kicherte, wenn wir auf dem Weg zur Oma in Garmisch-Partenkirchen am Ort Bichl vorbei fuhren. Obwohl dafür eigentlich noch viel zu jung, war sie heimlich in einen Jungen mit Nachnamen Bichl verliebt.

Wir saßen also auf der von alten Kunstfellen bezogenen Rückbank des 200D und unser Fahrer redete von Wasser. So viel Wasser hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Gleich werdet Ihr sehen, gleich werdet Ihr sehen. Und tatsächlich, kaum nach der Grenze um die Kurve gefahren, versank die Straße. Versank im Skadar See, der zwischen Montenegro und Albanien liegt. Und wir fuhren trotzdem einfach weiter, in den See hinein. „Keine Sorge, motra, wir dürfen nur nicht stehen bleiben. Wenn der Motor ausgeht kostet das 500 Euro Reparatur“ beruhigte mich unser Fahrer und gab Gas. 500 Euro Reparatur war, denke ich, seine Beschreibung von: eine scheiß Situation. Instinktiv zog ich die Füße hoch, doch es dauerte eine Weile, bis das erste Wasser durch den Boden kam. „Kein Problem, motra, kein Problem“ und schon überholten wir einen Minibus, der sich zu langsam durch das Seewasser kämpfte. Und schon waren wir wieder heraus. „Nichts geht über deutsche Autos, motra“, schmunzelte unser Fahrer, der mir trotz meines deutschen Passes abgenommen hatte, dass ich Albanerin aus Tirana bin. „Da war ich noch nie, große Stadt“.

Nach jeder Seezunge, die wir durchquerten, hielten wir kurz an, um denjenigen auf der anderen Seite Wartenden unnütze Tipps wie „Fahr schnell, fahr links, etc.“ zu geben und viel Glück zu wünschen. Jeeps waren dabei, Busse, alte Mercedese wie unserer und ein Ferrari mit Kennzeichen aus Monaco. Die Dame des Wagens saß scheinbar ungerührt auf dem Beifahrersitz und zog ihren Lippen nach. Der Herr stand vor dem Wagen und besah sich mit ernster Expertenmiene die Wassermassen vor seinen Füßen. Ich blickte auf das Wasser, das um die Fußmatte zu meinen Füssen schwappte, und musste schmunzeln.

Unser Bus aus Shkodra fuhr auf einer kleinen Seitenstraße Richtung Tirana, die ich noch nie gesehen hatte. Helikopter am Himmel. Notarztsirenen. Was war denn nun schon wieder los? Ich fühle mich ein wenig an einen Tag im März vor zwei Jahren erinnert. Gerade war ich mit einem Freund aus Deutschland in Tirana gelandet. Wir nahmen den Flughafenbus Richtung Tirana und müde von Abschiedsparty und Seminar in Deutschland dämmerte ich im Bus vor mich hin. Einmal öffnete ich kurz die Augen und sah durchs Fenster eine große schwarze Rauchwolke. Ach die Albaner, dachte ich, verbrennen wieder ihren Hausmüll, und schlief wieder ein. Als wir in Tirana in den Bus nach Elbasan umstiegen, schienen alle in heller Aufregung, Polizei und Notarzt überall, nur ich verstand nicht worum es ging. Erst zuhause am Fernseher wurde die Situation langsam klar: eine Demunitionsfabrik im Dorf Gerdec war in die Luft geflogen und hatte das halbe Dorf mitgenommen. Eine riesige Katastrophe und ein politischer Skandal bis heute. Und ich im Halbschlaf dachte nur an Hausmüll.

Heute bin ich aufmerksamer, es ist aber nichts zu erkennen. Bis eine Schweizer Freundin anruft „Premierminister Sali Berisha hat gestern Abend den Notstand ausgerufen. Wegen starker Überschwemmungen in Nordalbanien. Menschen werden evakuiert und Straßen sind zum größten Teil gesperrt“. Ähnliche Situation in Bosnien und Kroatien, meldet das Radio.

Inzwischen sind wir zurück auf der Hauptstraße nach Tirana. Wir fahren am Grab von Skanderbeg vorbei und die Sonne geht knallrot am Horizont unter. Sieben Stunden Verspätung und links am Himmel ein Rettungshubschrauber.

Ein Puppentheater












„Wo sind Eure Kostüme?“ „Warum kannst Du Deinen Text immer noch nicht?“ „Wo ist der Brief, den Du auf der Bühne benötigst?“ „Warum fehlt die halbe Truppe, obwohl wir vor einer Stunde anfangen wollten?“ „Wie bitte, Du kommst erst 2 Tage vor der Premiere aus Griechenland zurück?“ Ach so, es tut Dir leid, aber am Tag der Generalprobe musst Du Deine Tante ins Krankenhaus begleiten?“ „Klar, Du wolltest noch schnell Deinen Kaffee austrinken, daher die zwei Stunden Verspätung“ „Klar verstehe ich, dass Dir jetzt auffällt, dass Du wenig Zeit zum Theater spielen hast. Ich kann ja leicht einen anderen männlichen Hauptdarstellung finden“ …

… soweit mein psychischer Zustand Anfang Oktober, kurz vor unserer Premiere von NORA – ein Puppenheim nach Henrik Ibsen. 15 Schauspieler/ Studenten/ Puppen/ mich in den Wahnsinn treibende „Ich will berühmt werden“-Träumer, fünf Aufführungsorte und ich alleine am Ruder dieses Kahns. Hinzu kamen eine Lebensmittelvergiftung mit anschließender Blasen- und Nierenentzündung. Einmal auskuriert und wieder gekommen. Drei Wochen Antibiotikum und einen wollenen Schal um die Hüften, der viele Glückwünsche von albanischen Kolleginnen einbrachte, die mich fröhlich umarmten „Der wievielte Monat ist es denn?“. Von deutscher Seite nur Sorgen „Mit den Nieren darf man nicht scherzen“ und meinerseits ein Gefühl der Überforderung mit der Welt. Aber dennoch, der alte Ehrgeiz ist auch durch Nierenkoliken nicht klein zu kriegen. Daher musste diese Aufführung stattfinden, irgendwie.

In Elbasan waren wir Teil des internationalen Festivals „Skampa“, studenisches Plenum. Was, so stellt sich bei unserer Ankunft heraus, bedeutet, dass wir in einem Hörsaal spielen, ohne Lichteinstellungen und mit einem Publikum, das, fürchte ich, gerade aus einem Hörsaal hinaus, in den Theaterhörsaal hinein verpflichtet worden war. Macht nichts, im Festival Programm stehen wir drin. Wie alle anderen, wenn auch mein Name nur eine ungefähre Annäherung an meinen tatsächlichen Namen darstellt.

Zweite Station, Durrёs. Der neue Theaterdirektor war begeistert von unserem Engagement und bot uns Kostüme aus der Garderobe an. Welche Garderobe? Mir war schon vor zwei Jahren gesagt worden, dass die gesamte Garderobe in Durrёs vernichtet worden sei. Leider. So sagte jedenfalls der alte Direktor. Mitleidiges Lächeln und Schulterzucken, sonst keine Reaktion. Jetzt jedenfalls dürfen wir die Garderobe benutzen. Und so schnell wie möglich soll eine Jugendtheatergruppe gegründet werden. Von mir.

Dritte Station, Tirana. Meine inzwischen völlig abgehobenen Starschauspieler-Puppen bemängeln, die Studentenbühne der Kunstakademie sei zu klein für sie. Meine Nieren fangen als Reaktion sofort an zu zwicken und ich frage mich, ob ich trotz Psychologiestudiums das Opfer einer psychosomatischen Krankheit bin? Ich unterdrücke den Tobsuchtsanfall, lasse sie ihre Kostüme ordnen und mache lieber Bühne, Lichteinstellung und Musik fertig. Während der gar nicht so böse Krogstad und ich noch kurz vor der Aufführung ein Interview geben: ich mit ziemlich unbrauchbarem Albanisch und er vor lauter Aufregung ziemlich wortkarg, schicken die Mitarbeiter der Kunstakademie unser halbes Publikum nach Hause: „NORA? Nein, das wird hier nicht gespielt. Abgesagt.“ Gott sei Dank wurde die deutsche Botschaft nicht nach Hause geschickt, unser Hauptsponsor. Die hatten gar nicht geplant zu kommen. Posteriorität.

Vierte Station. Westen, wild. Auch Peshkopia genannt. Eine Hauptstraße mit Bäumen rechts und links. Allee. Und darauf laufen Männer mit spitzen Lederschuhen auf und ab. Morgens, mittags, abends. Und so auch unser Theatersaal. Männer. Oben, Mitte, unten. Die Nora in unserem Stück will sich nicht mehr wie eine Puppe behandeln lassen und verlässt daher ihren Mann. Ich war gespannt wie diese Botschaft in Peshkopia - 120km, sieben Stunden Fahrt und Welten von Tirana - ankommen würde. Die Antwort darauf ist relativ simpel: die Message kam überhaupt nicht an, aber meine Mädchen dafür umso mehr. Shakespeare´sches Theater aus dem 15. Jahrhundert kann man das romantisch vielleicht nennen. Das Publikum lebte mit, grölte, fragte und lachte mit und hatte am Ende nichts begriffen. Nur ich hatte begriffen, warum Shakespeare keine weiblichen Schauspieler hatte. Der Lichttechniker, in dessen Kabine ich saß, schimpfte während der gesamten Vorführung darüber, dass das Publikum nicht zuhörte. Und erzählte mir dabei 1,5 Stunden lang von den Erfolgen seines Theaters im Kommunismus, während ich versuchte mich auf das Stück und die richtigen Einsätze für den Lichtwechsel zu konzentrieren. Und der äußerst hilfreiche und bescheidene Direktor des Theaters schlug in seinem Büro wohl die Hände über dem Kopf zusammen. Nicht einmal die herbei bestellten Polizisten oder der anwesende Bürgermeister konnten Ruhe schaffen. Der Bürgermeister hatte Dringendes an seinem Handy zu besprechen. Den Polizisten machte es wiederum mehr Spaß die anwesenden Jungs zu ärgern, als sich das langweilige Theaterstück anzuschauen.

Alle Romantik verflog aber, als einer unserer männlichen Begleiter, wie ich später hören durfte, beim Abendessen eine Pistole hervorzog, um die Mädchen zu beeindrucken. Und als die ganze Truppe schon auf dem Weg in die Disko wieder kehrt machte und sich verängstigt im Hotel sammelte, „weil die Männer ziemlich betrunken sind.“ Ich weiß nicht, ob es wirklich Schüsse waren, was wir dann von der Straße hörten, denn ich darf zu meinem Glück sagen, dass ich mit dem Geräusch von Schüssen nicht allzu vertraut bin. Aber es reichte aus, um uns den Abschiedsschmerz erheblich zu lindern. Gott sei Dank bekamen wir die Batterie des Unibusses wieder zum Laufen und verzogen uns am nächsten Morgen. Hätte die Batterie nicht funktioniert, einige meiner Mädchen hätten es trotz ihrer Stöckelschuhe zu Fuss versucht nach Hause zu kommen.

Letzte Station Shkodra. War im Publikum nicht viel ruhiger, aber machte trotzdem alle glücklich. Zum Einen, weil die Aufführung gut lief. Zum Anderen – und entscheidenderen in dem Moment – weil es die letzte war. Alles war überstanden, ohne Nervenzusammenbruch, ohne Nierenversagen und ohne Kopfschuss. Jetzt beginnt die schöne Zeit, das sich zurück Erinnern und darüber reden, was man Großartiges geleistet hat. Bei einem Kaffee. Am Meer. In Durres. In Sicherheit.

Donnerstag, 30. September 2010

Tadschikistan Blog

Obwohl ich in den letzten beiden Jahren viel gereist bin – projektgebunden vor allem auf dem Balkan hin und her, also irgendwie nie richtig Urlaub – war mein Leitsatz für den Blog immer: Nur Albanien! Dieses Mal hat es mich aber, nur halb proje

kt- und halb urlaubsmäßig, in ein Land verschlagen, das es ebenso verdient auf diesem Blog erwähnt zu werden, wie Albanien. Dieselben verständnis- bis hilflosen Reaktionen erhielt ich bei der Ankündigung meines diesjährigen Reisevorhabens wie bei meiner Ausreise vor drei Jahren. Niemand wusste, wo dieses Land eigentlich liegt, geschweige denn was ich dort verloren habe. Und niemand erwartet von den versprochenen Postkarten, dass sie tatsächlich ankommen. Daher habe ich zum ersten Mal seit drei Jahren beschlossen, einem weiteren Land Zugang zu meinem Blog zu gestatten: Tadschikistan.

Duschanbe, so heißt die Hauptstadt von Tadschikistan, was auf Persisch/ Iranisch/ Tadschikisch Montag bedeutet. Wie passend also, dass ich an einem Montag schreibe. Warm ist es hier, dass ist wohl das bemerkenswerteste nachdem man den August 2010 in Deutschland hinter sich gebracht hat. Es gibt viele Moslems, was allerdings nicht besonders auffällt oder Ernst genommen wird, es gibt Probleme mit Wasser und Strom, Mafia, billige Zigaretten, guten Fetakäse, wunderbare Berge und Liebespaare halten sich heimlich im botanischen Garten an den Händen. Wie in Albanien.

Aber selbstverständlich ist nicht alles mit Albanien vergleichbar. Gesprochen wird hier Tadschikisch und Russisch, d.h. ich verstehe mal wieder ziemlich wenig. Die Nachbarländer sind unter anderem China und Afghanistan, die Frauen tragen traditionelle bunte Gewänder: Hosen unter knöchellangen, weiten Kleidern, mit denen die emanzipierten Tadschikinnen die Burkas abgelöst hatten. Gegessen wird gestempeltes Fladenbrot, Plov und Schaschlik. Die jungen Frauen sehen aus wie zarte Rehe im Magdeburger Stadtpark, und lächeln schüchtern aus großen braunen Augen. Und der Geruch auf den Teppichen im Taptschan erinnert an eine Zugfahrt von Istanbul mitten ins Herz der Türkei, auch wenn das nicht vielen von Euch etwas sagen wird. Wer diese Zugfahrt allerdings einmal erlebt hat, dem wird der süßlich bittere Geruch bei seiner Erwähnung sofort wieder in die Nase steigen. Fortbewegungsmittel ist hier allerdings nicht der Zug, sondern Sammeltaxis, die man nach russischem Vorbild Marschrutka nennt. Ein Albanern würde diese als Furgon bezeichnen und genau wissen, was gemeint ist.

Richtige Berge

Zu unserem Glück fiel das Ende des Fastenmonats Ramadan auf unser erstes Wochenende, so dass ein paar Tage frei waren und wir in die phantastischen tadschikischen Berge losziehen konnten. Es ging also mit dem Bus zum Treffpunkt der Sammeltaxis im Norden von Duschanbe. Wir müssen versuchen einen älteren Fahrer zu finden, die fahren nicht allzu schnell. Und einen Jeep, der so aussieht, als würde er die fünf-stündige Strecke durch die Berge ohne Probleme bewältigen können, wurden wir von unseren Gastgebern aufgeklärt. Und ein Ersatzreifen ist wichtig, klaro. Los ging es also, fachmännisch begutachteten wir die geparkten Jeeps, lehnten empört ab, lehnten spöttisch lächelnd ab, lehnten mitleidig grinsend ab. Bis wir ein Fahrzeug samt Fahrer gefunden hatten, das uns zusagte. Rücksäcke und Zelte wurden aufs Dach geschnallt und wir stiegen ein. Und wir stiegen aus. Schon nach der ersten halben Stunde qualmte es unter der Motorhaube und es war an unserem Fahrer, mitleidig zu lächeln. Oh nein, das hatte er schon öfter. Aber ich wollte es doch einmal versuchen…

Rücksäcke vom Dach, Geschirrtuch um den Kopf gebunden, Buch raus und warten also. Bis der rettende weiße Engel vorbeigefahren kam: die deutsche GTZ. Weiter ging es, und nur wenig später fuhren wir in den furchterregendsten Tunnel, den ich je erlebt habe. Sarajewo – Visegrad ist ein Katzenpfurz dagegen. Sechs Kilometer lang, keine Beleuchtung, Löcher, Steinbrocken und Wasser überall und wir rasten nur so hindurch. Halleluja, ich hasse diesen Tunnel, stieß unsere italienische Fahrerin hervor, als wir am Ende herausgeschossen kamen. Deshalb fahre ich immer so schnell ich kann hindurch. Da geht es schneller vorbei. Keiner von uns Mitfahrern schien Spucke für eine Antwort zu haben.

Schon nach Einbruch der Dunkelheit trafen wir mitten in den Bergen an dem kleinen Bauernhof ein, wo wir schlafen sollten. Kalt war es, ein Wildbach rauschte betäubend laut, es gab Lamm, das wie Lamm-Essenz schmeckte und wir hatten die Straße überlebt. Großartig! Wo ich darüber nachdenke erscheint es mir lachhaft, dass ich nach drei Jahren Albanien Angst vor tadschikischem Verkehr und Straßen hatte. Aber leugnen lässt es sich nicht. Fast hätte ich mir in die Hosen gemacht.

Was wir am nächsten Morgen allerdings alle in unseren Hosen fanden, war etwas anderes. Es juckte. Ein bisschen nur. Scheiß Mücken. Am Tag, als wir auf phantastischen Bergen herum kletterten, vergaßen wir das Jucken. Aber nachts, als wir uns um acht schon in unsere Zelte verzogen, weil es auf 2.400m einfach zu kalt zum Biertrinken war, fing es wieder an. Scheiß Mücken. Wie kommen die hier her? Und wie kommen die in meinen Schlafsack? Und in meine Unterhose? Und warum krabbeln die? Können Mücken krabbeln? Zaghaft kam das Thema am nächsten Morgen zur Sprache. Ich weiß nicht mehr, wer das schweigsame Kratzen brach und die Sache auf den Punkt brachte. Aber alle waren erleichtert, dass sie nicht die Einzigen waren. Scheiß Flöhe.

Berge ohne Gleichen bekamen wir an diesem Wochenende noch zu sehen, kleine Jungs, die Hänge hinauf und hinunter flitzten, an denen wir uns keuchend abquälten. Bunte Frauen, die lächelnd aus dem grauen Steinmeer auftauchten, wenn man gerade hinter einem Busch die Hose runtergelassen hatte. Adler. Gigantisch. Geier. Unfassbar. Und stahlblaues Wasser. Und als wir, nach einer problemlosen Rückreise, wieder in Duschanbe ankamen, alle in Unterwäsche im Vorgarten – alles in die Waschmaschine! So schafften wir es, Gott sei Dank, unsere neuen kleinen Freunde wieder loszuwerden.


Präsidentenkult

Tadschikistan hat einen wunderbaren Präsidenten. Er eröffnet Schulen, beackert Felder,ubert Flüsse und baut riesige Hochhäuser. Ganz Duschanbe ist voller Poster, die ihn dabei zeigen. Immer in derselben Pose, aber mit unterschiedlichem Hintergrund. Und nun hat er den Frauen von Tadschikistan sogar versprochen, wer sich weiterhin so anzieht, wie die Frauen in Westeuropa, den würde er dahin schicken. Sofort! Großartig. So hat Tadschikistan gar keinen Bedarf an DAAD-Stipendien. Alles erledigt der Präsident selbst.

Kurz bevor wir zurück fliegen sollte, kam uns zu Ohren, dass alle AirBaltic Flüge eingestellt worden seien. Ab Ende September. Ein schwerer Schlag, da diese Airline die einzige preiswerte Reisemöglichkeit darstellte. Warum hatten sie ihre Flüge eingestellt, obwohl die Flugzeuge immer voll gewesen waren? Nur einen Tag später war das Rätsel gelöst: Der Präsident, dem SomonAir gehört, die einzige Fluglinie die direkt nach Deutschland fliegt, war mit dem Umsatz seiner Airline in letzter Zeit sehr unzufrieden. Daher lag es nahe, AirBaltic das Anfliegen von Duschanbe zu verbieten und so den Umsatz von Somon Air zu erhöhen. Irgendwie muss er schließlich die Auslandsaufenthalte seiner Untertanen finanzieren. Das wird ihm keiner verübeln. Alles zum Wohl des Volkes.


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Der Fahrtwind

Aufruf zur Suche des scheinbar verlorenen Gefühl

Leserbrief zum Artikel „Der Fahrtwind – Nachruf auf ein verlorenes

Gefühl“ DIE ZEIT Nr.31, 29.07.2010, S. 43



Eisenbahnstrecke zwischen Brasov und Bukarest, Rumänien. Endziel: Ruse, Bulgarien. Fahrtgeschwindigkeit 35km/h. Die obere Scheibe des Fensters ist heruntergezogen, der Wind jagt ins Abteil, gleichzeitig mit dem lauthalsen Rattern der Räder. Neben dem geöffneten Fenster ist ein Aufkleber angebracht: eine Flasche in einem roten Kreis. Die Botschaft kommt einem bekannt vor: Bitte keinen Müll aus dem Fenster schmeißen! Neben diesem Aufkleber hängt hingegen ein Schild, das neu erscheint. Und das nicht nur, weil es auf Rumänisch geschrieben ist: „Bitte bedenken Sie, dass die in diesem Zug installierte Klimaanlage besser funktioniert, wenn die Fenster geschlossen bleiben“. Von „Bitte nicht hinauslehnen!“ fehlt jede Spur. Dennoch lehnt man sich hinaus.

Das von Florian Illies beschriebene Lebensgefühl des Fahrtwindes scheint also nicht grundsätzlich verloren gegangen zu sein. Die Verbindung zwischen innen und außen ist nicht überall gekappt worden und auch die Beschleunigung muss nicht bis zur Unerträglichkeit gesteigert werden, um sich heutzutage fortbewegen zu können. Auch hier, im neuen Europa, gibt es Fortschritt. Die Bahnstrecke nach Bukarest wird ausgebaut, Baustelle, wohin das Auge blickt „Hier baut die E.U.“ Deshalb fährt der Zug Schrittgeschwindigkeit. So bleibt Zeit mit dem Gesicht in Sonne und Fahrtwind wichtige Fragen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft an sich vorbei ziehen zu lassen. Zudem kann man sich wundern und erfreuen über die Gelassenheit des rumänischen Zuges. Es existiert eine Klimaanlage, um eine angenehme Temperatur zu erzeugen. Dennoch kann man das Fenster öffnen, wenn einem dann wohler ist. Technik als Möglichkeit, nicht als Zwang.

Es gibt also einen Ort, wo man das Lebensgefühl Fahrtwind noch finden kann. Die Frage bleibt jedoch, ob man es wirklich finden will, oder sich wohler fühlt, im melancholischen Klagen über den Verlust der Vergangenheit. Wer fährt schon noch mit dem Zug nach Bulgarien, wo es doch Instanturlaub am Sonnenstrand mit Flugreise gibt? Im Flugzeug konnte man schließlich noch nie den Kopf zum Fenster hinaus strecken. Und wer stellt sich noch gerne diejenigen Fragen, die nur der Wind beantworten kann? Fragen sind anstrengend. So wie Zug fahren.

Dienstag, 11. Mai 2010

Donnerstag, 29. April 2010

Einfach ein schönes Bild...



Die ausländische Wandercommunity

Während meines letzten Heimaturlaubs – der erfreulicher Weise durch das Wirken meines isländischen Freundes Eyjafjallajökull und unseren sympathischen Verkehrsminister um zwei ganze Tage und ein Blokschoijkonzert verlängert worden ist – las ich in meiner Lieblingssüddeutschen Zeitung einen Artikel zu Expatriate Wanderklubs in Afrika, den sogenannten HASH-Gruppen. Ich finde es erstaunlich, dass, egal wie viele Zeitungen man in seinem Leben liest, man sich doch immer mit der am wohlsten fühlt, die man als erstes in die Finger bekommen hat! Das soll hier jetzt allerdings nicht weiter vertieft werden. Eher hat mich die SZ auf den Gedanken gebracht vom HASH-Club Tirana zu berichten.
Wie gesagt, je länger ich hier bin, desto gewöhnlicher kommt mir alles vor. Das ist selbstverständlich gut, denn irgendwann wird das ständige „Ach kuck mal hier“, „Ja, wie lustig, die Albaner!“, „Man sind die bekloppt, oder was?!“ etc. etwas anstrengend. Es tut gut, sich nicht ständig über chaotischen Verkehr, verstaubte Straßen, korrupte Unirektoren und leckeres Gemüse aufzuregen oder zu freuen, je nachdem, sondern manche Dinge einfach als normal hinzunehmen. Es tut gut abzustumpfen – ist es das, was ich sagen will? Erschreckend, aber wohl doch ein stückweit wahr. Jedenfalls hat diese wohltuende Abstumpfung zur Folge, dass mir immer weniger markante Dinge auffallen, die ich in meine Blog schreiben könnte, um Euch zu erfreuen, zu schockieren oder zu langeweilen. Daher also ein Lob an die gute alte SZ.

Albanien ist ein bergiges Land und insbesondere Rund um Tirana gibt es viele nette Hügelchen, auf die es sich zu steigen lohnt. Nun ist der moderne Albaner an sich kein Wanderfreak und der klassische Ausländer in Albanien immer etwas scheu alleine in die albanischen Dörfer zu rennen. Hinzu kommt, dass es nicht wie in meiner wunderbaren bayerischen Heimat oder bei unseren österreichischen Freunden klare rote, grüne oder wie auch immer farbige Tupfer am Wegrand gibt, die anzeigen, wo man lang muss und wie lange es noch bis zur nächsten Brotzeit und Halben dauert. Zwar ist Brotzeit bekanntermaßen die schönste Zeit – auch in Albanien ist dieses bayerische Sprichwort altbekannt: im Wirtschaftsbericht der Botschaft habe ich gerade gelesen, dass Gastronomie der best funktionierende Wirtschaftszweig ist – aber selbige muss man sich schon selbst auf seinem Rücken mittragen, wenn man nicht mit hungrigem Magen wandern will. Nebenbei erwähnt, die Bemerkung von österreichischen Freunden ist keineswegs ironisch zu verstehen. Ich bin in den Genuss gekommen, den theaterbegeisterten österreichischen Konsul hier kennen zu lernen, der erstens kluge Dinge sagt wie „Jeder Mensch sollte mindestens ein Mal in seinem Leben Theater gespielt haben – das ist für die persönliche Entwicklung unbedingt von Nöten“ und zweitens deshalb beschlossen hat, meine neu gegründete Studententheatergruppe „Aleksander Moisiu“ finanziell zu unterstützen.

Kurzum, aus diesem Grunde haben die Internationalen in Tirana, unter Anleitung der Amerikaner, wie sollte es auch sonst sein – Albanien und Afghanistan werden ja auch immer gerne verwechselt, sich zusammen getan und ziehen unter dem Namen HASH jedes Wochenende gemeinsam in die Bergwelt um Tirana. Auch der Anteil der Albaner wird bei diesen Ausflügen immer größer. Manchmal kommen zwar gerade die albanischen Damen in erschreckend unpassendem Schuhwerk daher, aber da sie es gewohnt sind Schuhe zu tragen, in denen man nicht laufen kann, halten sie wunderbar Schritt.
Mein erster HASH 2010 führte einen schlammigen Abhang hinunter, und dann in einem Canyon entlang zu einem Stausee. Von dort sollte es zurück gehen. Problem: Der deutschen Gemeinschaft war das nicht genug Abenteuer und so zogen der deutsche Botschafter, ein Mitarbeiter des Goethe Instituts, eine ZFA-Lehrerin, eine Irin, ein Bosnier, eine Albanerin (die sich der Tragweite ihrer Entscheidung sicherlich nicht bewusst war) und ich los, um über den nächsten Hügel einen alternativen Rückweg zu finden. Mir nach, sprach der Goethemann, den wir im Folgenden Leitwolf nennen wollen und zog los, den Hang hinauf, der Rest der Truppe hechelnd hinterher. Bis auf den Botschafter, einen großen Mann, dem manchmal die Füße wegrutschten und der von hinten häufiger undiplomatische Ausrufe wie „Scheiße!“ und „Ah, Mist!“ hören lies, und der Albanerin, die zu der Art „Ungeeignetes Schuhwerk“ gehörte, kamen alle relativ unbeschadet oben an. Nur oben zeigte sich, was Bergkenner nicht überraschen wird, nämlich, dass sich der Rückweg längst nicht mehr so klar abzeichnete, wie beim Aufstieg angenommen. Auf Gutdeutsch – es war absolut nicht zu erkennen, wo überhaupt ein Weg weiterführte. „Zurück, zurück!“ rief die Albanerin. „Mir nach“ rief der Leitwolf. „Aua, aua“ murmelte der Botschafter. Und nachdem der Leitwolf bereits losgerannt war, folgten wir ihm. Wie gesagt, keine Punkte, keine Wirtshäuser und so kam es, dass wir nach einer weiteren Stunde mitten im Gebüsch steckten. Und mit mitten im Gebüsch meine ich Dornen in den Fingern, Blätter im Gesicht und Äste, die einem an die Schienbeine knallen. „Uff, uff“ murmelte der Botschafter. Ich hatte gedacht es sei ein kluger Schachzug, sich an ihn zu hängen, er würde mir den Weg bahnen, mit seiner hühnenhaften Gestalt. Die Gefahr hatte ich allerdings unterschätzt, der eine Maus ausgesetzt ist, wenn sie hinter einem Elefanten läuft. Dieser wuchtet Bäume und Äste beiseite und lässt sie zurückschnalzen – die Maus hingegen wird von einem dieser Äste erfasst und auf den Mond geschleudert. Wir kennen das alles von Tom und Jerry....

Die Albanerin hing inzwischen permanent am Telefon und fragte verschiedenste ihrer Tiraner Freunde um Rat, wie wir aus dem Wald wieder herauskommen würden... Der Leitwolf rief „Mir nach“ und rannte einfach weiter. Seltsam war das, lustig und skurril, ein Haufen Erwachsener, Akademiker und Diplomaten, die sich ihre Backen im Dorngestrüpp zerkratzen wie wilde Buben. Und immer mit dem Witzchen auf den Lippen „Naja, zur Not wird uns die Bundeswehr schon finden...“

Die Stimmung schlug um als es zu dämmern begann, als die Lehrerin sagte „Ich habe Diabetes und ich glaube ich habe nicht genug gegessen. Ich kann jeden Moment unmächtig werden“ und als die Irin von irgendwo aus den Dornen rief „Where are you? Oh for fucks sake where are you? I´ve lost track...“ und der Leitwolf unbeirrt sein „Mir nach, mir nach“ zur Antwort gab. Was soll man da machen? Wieder einmal trat das Psychologiestudium in Kraft. Ich erzählte fröhliche Geschichten und betone immer wieder, was für ein schönes Abenteuer wir doch gerade durchlebten. Und das auf Deutsch, Albanisch und Englisch – wenn nur die Stimmung nicht kippte! Auch der Botschafter hat eigentlich Psychologie studiert. Der war aber gerade in inniger Umarmung mit einem Dornbusch, in den er gefallen war und murmelte zur Abwechslung „Oh je, das tut jetzt aber wirklich weh...“.

Naja, bei Einbruch der Dunkelheit erreichen wir ein Dorf, von dort die Strasse und unsere geparkten Autos. Und alle waren fröhlich – Was für ein Spaß! Gefürchtet, wir? Natürlich nicht, wir sind ja keine Kinder!

PS.: Nur wenige Wochenenden später, der nächste Ausflug. Ein kleiner Spaziergang um eine Burg herum. Ach viel zu kurz, sagten sich der DAAD-Lektor und ich, lass uns zu Fuss zurück nach Tirana gehen. Tirana konnte man von der Burg aus deutlich sehen. Zwei Stunden Fussmarsch, weiter kann es nicht sein!
Wir wateten einen Matschweg hinunter, versanken im Schlamm, zerkratzten uns wieder die Gesichter, rutschten aus und mussten uns an Ästen festklammern um nicht in einen Bach zu fallen, kletterten über Felsen und mussten uns schließlich – ungelogen – an einem Baumstamm über einen drei Meter breiten Fluss hangeln, um beim Einbruch der Dunkelheit gerade noch die Hauptstrasse zu erreichen. Tirana lag immernoch eine halbe Autostunde entfernt...
Erstaunlich, wie man sich so nah an der Hauptstadt so sehr in der Wildnis befinden kann, dass einem fast Angst und Bange wird. Aber nur fast, natürlich...