Sonntag, 16. Dezember 2007

Gastarbeiter

Nur falls einige von Euch immer noch nicht so ganz verstehen, was ich hier eigentlich mache, hier die Definition, die eine meiner Studentinnen mir in der letzten Klausur gab:

Die Aufgabe hieß, beschreibe die folgenden Vokabeln mit eigenen Worten.

Gastarbeiter:

„...ist jemand, in einem anderen Land lebt und arbeitet wie z.B. Charlotte, meine Lehrerin, das wunderbar ist.“

Die Geschichte des Regenschirms

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass eine Geschichte immer einen roten Faden haben muss. Daher habe ich mir überlegt als roten Faden für meinen Blog eventuell meinen Herren-Regenschirm zu verwenden. Einige von Euch erinnern sich vielleicht noch an ihn?

Das traurige ist, dass dieser Regenschirm und ich seit geraumer Zeit getrennt sind. Alles begann an einem Abend im November. Freunde holten mich ab, um abends in die Disko zu gehen.

– Ja, Disko!! Das widerspricht dem Bild meines letzten Eintrags, dass hier abends nie irgendetwas los ist. Ich muss das Bild allerdings auch revidieren. Seit diesem tristen Wochenende war ich auf zwei Livekonzerten und einem Karaokeabend in Elbasan. Bei Karaoke habe ich drei deutsche Lieder gesungen (was hab ich hier schon zu verlieren J), woraufhin der Besitzer der Bar so begeistert war, dass ich und meine Studenten den ganzen Abend umsonst getrunken habe. Wobei ich damit nicht sagen will, er war von meinem Gesang beeindruckt. Wohl eher von meinem Mut…–

Jedenfalls gingen wir in die Disko. Allerdings waren dort NUR wir. Warum? Weil ein Freund von mir dort angerufen hatte und den Besitzer gebeten hatte, für uns sechs Personen zu öffnen. Kurios… Haben schön getrunken und getanzt, bis ich so um 22:30 Uhr auf der Toilette war. Da ging die Musik aus. Als ich heraus kam, war alles wie im Film: circa 10 Polizisten – einige in zivil, einige in Uniform und einige mit Kalaschnikow – hatten die Anderen umstellt, Taschen durchsucht, Handys eingesammelt usw. Daraufhin: wir sechs in 2 Sixpacks verladen und aufs Revier gekarrt. Grund: es wird ein Mazedonier mit Waffen gesucht. Aha.

Die nächsten 2 Stunden verbrachten wir also auf dem Revier. Das heißt eigentlich frierend vor der Tür und wurden einzeln hereingerufen und befragt. Während wir warteten fingen die anderen einen Streit mit den Polizisten an – wurden auch so richtig laut – und erklärten ihnen, wie peinlich es doch für Albanien sei, dass ich als Ausländerin diese Willkür miterleben müsse. Sie hatten nämlich längst unsere Personalien überprüft und wussten, dass wir keine Mazedonier sein konnten. Irgendwann bekamen sie’s mit der Angst zu tun und wir durften so um 00:30 Uhr gehen. Naja, der Abend war wohl gelaufen…

Und was das mit dem Regenschirm zu tun hat? Den hatte ich im Wagen eines Freundes gelassen und nach dem ganzen Theater vergessen abzuholen.

Letzte Woche, als es hier zu regnen anfing (inzwischen hat es sogar geschneit, nach 8 Jahren ohne Schnee in Elbasan!) habe ich dann versucht ihn zurück zu bekommen. Nun ist er allerdings schon wieder auf der Polizeistation. Immer noch in eben demselben Auto. Diesmal wurde das Auto verhaftet, weil es ein italienisches Kennzeichen, aber einen albanischen Besitzer hat. Und dafür müssen eigentlich Einfuhrgebühren bezahlt werden. Wieder einmal kann man an Willkür denken, weil so ziemlich jedes zweite Auto hier, inklusive Meinem, ein ausländisches Kennzeichen hat und nicht regulär angemeldet ist.

So sieht es nun wohl so aus, als würde mein lieber Regenschirm Weihnachten alleine auf der Polizeistation verbringen müssen, während ich glücklich nach Deutschland fliege. Ist das Leben nicht ungerecht?


Ich wünsche Euch allen ein Frohes Fest und einen guten Rutsch!

Krishtlindje ne elbasan - Weihnachten in elbasan

Kurz vor Weihnachten habe ich meine Studenten Kurs kreatives Schreiben einen Wunschzettel schreiben lassen. Fand einige der Wünsche wirklich sehr interessant:

Lieber Weihnachtsmann…

- ich will ein Visum für Deutschland

- ich möchte eine Reise durch ganz Europa machen

- besonders schön wäre für mich eine Reise nach Griechenland, wo ich meine Ferien mit meiner Schwester und ihrer Familie verbringen kann

- ich will einen guten Geliebten finden

- ich möchte dieses Jahr meinen Traummann finden

- ich möchte die Universität mit guten Noten abschließen

- bitte gib mir viel Geld, damit ich alle Dinge kaufen kann, die mir gefallen

- ich wünsche mir nach dem Studium eine gute Arbeitsstelle zu bekommen

- ich wünsche mir, dass Armut nicht mehr existiert

- ich wünsche mir, dass meine Familie gesund ist

- ich wünsche mir sehr eine Wohnung für mich

- der größte Wunsch den ich habe, ist dass Du wieder meine Mutter in die Welt zurück bringst

- ich wünsche mir, dass meine Familie in Deutschland leben kann

- ich möchte eine Liebe ohne Lüge

- ich möchte Unabhängigkeit für den Kosovo

- ich möchte Frieden auf dem Balkan

- ich möchte, dass Albanien im Jahr 2008 Strom hat

- ich möchte, dass Albanien eine Einladung in die NATO und die EU bekommt

- kannst Du machen, dass mein Verliebter für Sylvester in Albanien ist

- ich möchte, dass meine Familie mehr Geld und Gesundheit hat.

- ich wünsche mir ein Wörterbuch Deutsch-Albanisch

- ich möchte viel Kleidung bekommen

- ich will, dass mein Bruder aus dem Gefängnis kommt, damit wir Weihnachten feiern

- ich wünsche mir eine andere Stadt, wo die Wege in Ordnung sind und es Aktivitäten für die jungen Leute gibt.

- ein neues Auto

- ich wünsche mir ein wunderschönes Mädchen kennen zu lernen

- ich wünsche mir zu verstehen was Frauen denken

- ich will immer menschlich bleiben

- ich wünsche mir, etwas zu erfinden, das keiner kennt

- ich wünsche mir eine Uhr mit Klingel für den Morgen.

- am Ende ist mein größter Wunsch: ein deutscher Pass

Montag, 3. Dezember 2007

Photos


Leider habe ich keine Digi-Cam, daher zwei Photos, die nicht zur Geschichte passen:

Besuch von meinen ASA-Schützlingen in Elbasan














Unser Stundenplan, so wie er an der Uni für die Studenten ausgehängt ist.
Handgeschrieben, mit Bleistift, auf Albanisch. Versteh kein Wort.

Ein ganz normaler Samstag

Je länger ich hier bin, desto schwieriger wird es, etwas Ungewöhnliches über Albanien zu schreiben. Vieles ist längst Teil meines Alltags geworden und erscheint mir daher ganz gewöhnlich. Deshalb möchte ich Euch nun einfach einmal meinen gestrigen Tag beschreiben:


Fitness


Aufgestanden um 6:25 Uhr, um Laufen zu gehen. Die ganze Woche hat mein Wecker schon so früh geklingelt, aber ich habe ihn immer ausgeschaltet.

Also los, mit meinem Fahrrad in den Park am anderen Ende der Stadt. Dorthin laufen will ich nicht – die Leute glotzen schon so, wenn sie mich auf dem Fahrrad sehen. Der Park ist der einzige Ort in der Stadt, in dem ich bisher sportliche Betätigung gesehen habe. Und das auch nur bis 8:00 Uhr morgens. Dann sitzen alte Männer dort und spielen Domino.

Ich drehe also meine Runden. Eine Runde dauert 5 Minuten. Mehr als 6 schaffe ich meistens nicht, weil ich dieses Rundenlaufen soo langweilig finde. Außer mir sind noch drei Männer und zwei dicke Frauen in Jogginganzügen da. Aber sie laufen nicht, sie spazieren im Kreis. Richtig aktiv sind nur die Streuner. Aber vor denen fürchten sich die Frauen in Jogginganzügen.


Frühstück


Nach dem Joggen sitze ich auf meiner Terrasse, trinke türkischen Kaffee (das ist der, wo der ganze Satz unten in der Tasse bleibt, aus dem man die Zukunft lesen kann) und esse meinen selbstgemachten Joghurt mit Früchten. Lieblingsfrucht derzeit: Granatapfel. Leider ist die Saison schon vorbei und es gibt nur noch ganz kleine auf dem Markt. Das wunderbare: es ist der 1.12.2007 und ich sitze Pullover draußen in der Sonne. Lerne albanische Pluralformen – es gibt in dieser Sprache 36 verschiedene Arten den Plural zu bilden.

Ich gebe auf und gehe zur Post um ein Päckchen von meiner Mama abzuholen. Obwohl in der Post nichts los ist, dauert das eine Stunde. Dafür bekomme ich einen Adventskalender aus 24 kleinen Geschenken, der sofort im Wohnzimmer aufgestellt wird. Passt nicht so ganz zum Wetter draußen, aber gibt mir ein schönes Gefühl. Wenn ich 19 Geschenke geöffnet habe, bin ich zuhause!


Peqin


Telefon klingelt. Meine Freundin Nevila: „Sharlot, wann kommst Du zu meine Hause?“. Nevila wohnt unter der Woche in Elbasan und arbeitet als Lehrerin. Am Wochenende fährt sie zu ihrer Familie in einer Kleinstadt (Peqin) in der Nähe. Dorthin bin ich eingeladen. Korrigiere noch ein paar Psychologieklausuren und fahre los.

Nevila und ihre Mutter sind zuhause, der Vater und der Bruder sind irgendwo draußen. Wie immer. Die beiden älteren Brüder arbeiten in Griechenland, die ältere Schwester ist mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Italien. Auch typisch. Begrüßung: Küsschen links-rechts, ca. 2-4 Mal. Die Mutter gibt ein Küsschen, dann reibt sie ihre Backe fest an meine. Machen die älteren Frauen in Peqin so. Nevila ist im Jogginganzug, ungeschminkt. Wir ziehen los, um noch ein bisschen Sonne zu ergattern. Mit Mama und ihrer besten Freundin, in meinem Auto. Vorher: umziehen und schminken. Klaro!


Ausflug

Ich habe ein unglaubliches Bedürfnis in den wunderschönen Bergen um Peqin herum spazieren zu gehen. Die anderen drei wollen aber in die Nachbarstadt fahren, in die Geschäfte kucken und Kaffee trinken. Auf dem Rückweg vom einzigen Geschäft (Ramsch!!!) kommen wir an einer Hochzeitsfeier vorbei. Natürlich kennt die Mama eine der Frauen, also: jeder küsst jeden (2-4) oder Backenreiben, je nach Alter. Und ehe ich mich versehe werde ich an der Hand gepackt und zum tanzen gezerrt. Direkt neben der Braut stolpere ich vor mich hin – so ein traditioneller Kreistanz und ich habe keine Ahnung wie der geht – und die ganze Gesellschaft schaut mich an und denkt „1. Wer ist die? 2. Was hat die für furchtbare Klamotten an: Jeans, Pulli und Turnschuhe? 3. Warum tanzt sie so beschissen?“ Bei der ersten Pause mache ich mich mit hundert Danke, Danke davon. Jemand rennt mir hinterher – Schock – aber nur, um mir noch einen Apfel und eine Banane für den Heimweg mitzugeben.

Zurück in Peqin gehen wir einen Kuchen essen, in dem einzigen Kaffe im Ort, das auch für Frauen gedacht ist. Die Straßen sind voll – aber nur von Männern. Es dämmert und es ist keine einzige Frau zu sehen.

Nach dem Kuchen – ab nach Hause, um das das Abendessen vorzubereiten. Sobald das Huhn im Oven ist gibt es Kaffee und die Haustür wird von innen abgesperrt: Die Mamas und die Töchter rauchen heimlich eine Zigarette zusammen.

Dann wird gelüftet und ferngesehen: spanische Liebesserien und das Video vom 1. Geburtstag des Enkelkindes. Folgendermaßen: ein großer Raum mit zwei langen Tischen und einer Band. Einem kleinen Kind im Prinzenkostüm und vielen Leuten, die ununterbrochen tanzen. Während wir den Film sehen kommen Vater und Bruder nach Hause und setzen sich dazu. 2, 5 Stunden insgesamt. Musste zwischendrin an meinen Vater denken, der schon 20 Minuten Urlaubsfilm von anderen Leuten „Eine Zumutung…!“ findet. Kaum war das geschafft, kramte der Bruder das Video von seinem 18. Geburtstag heraus, noch mehr Leute, die im Kreis tanzen. Soll ich durchdrehen, oder… - aber in diesem Moment wollte das Huhn, Gott sei’s gedankt, endlich aus dem Oven heraus und wir konnten Abendessen. Meine Portion ist doppelt so groß, wie die der anderen Familienmitglieder. Wie immer. Ein halbes Blech Burek mit Käse, Hühnchen, Käse, Oliven, Paprika und Tomatensalat.

Saturday night


Nach dem Abendessen gehen Vater und Bruder los – in den Bars von Peqin Fussball kucken. Und wir? – frage ich. Mal sehen, was im Fernsehen kommt, sagt Nevila, denn die Mädchen und Frauen gehen in Peqin nach der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße. Peqin ist eine fanatische Stadt…

Kaum haben wir angefangen „Albanien sucht den Superstar“ zu sehen, kommen strahlend zwei von den Nachbarmädels herüber. Sperrt die Tür zu, wir haben Zigaretten mitgebracht!! Also wurde abgesperrt und schnell, schnell rauchte jeder 3 Zigaretten. Dann Fenster auf, Luft rausfächern, Aschenbecher verstecken. Das kommt mir doch irgendwie so bekannt vor?! Ach ja, Schullandheim. 6. Klasse. Gesprächsthema – Krise zuhause, weil ein Cousin den Eltern erzählt hat, dass eine der Schwestern einen Jungen trifft. Er hat sie aus dessen Auto aussteigen sehen. Sie studiert im zweiten Jahr Englisch an der Uni in Elbasan. Daher der Plan: die Andere wird ihren Freund am nächsten Tag lieber in Elbasan oder Tirana treffen. Und was macht ihr dann, frage ich. Wir trinken Kaffee. Wir gehen ins Hotel, antwortet sie, grinst.

Nachdem sie gegangen sind sehen wir „Njerzit te Humbur - Vermisste Personen“ im Fernsehen. Mama kommt dazu und weint. Nebenan im Wohnzimmer schaut der Vater Nachrichten. Das würde mich mehr interessieren…Um 22:00 Uhr schläft Nevila neben mir ein. Ich denke leicht frustriert daran, dass Samstagabend ist. Und schlafe auch. Mama schaut weiter und weint. Wir drei Frauen schlafen im Schlafzimmer, die Männer im Wohnzimmer. Mehr Zimmer gibt es nicht.

Morgen

Um 7:30, Sonntag, quäle ich mich aus dem Bett und komme ins Wohnzimmer. Vater und Bruder sind schon wieder unterwegs. Nevila legt Wäsche zusammen und Mama macht uns Auf dem Gasherd Milch heiß. Der Generator von nebenan läuft, das heißt es gibt keinen Strom. Ich schließe mein Handy ans Ladegerät an. Ich brauche sehr lange, um mich daran zu gewöhnen welche Dinge alle Strom brauchen. Heiße Milch, Butter und Brot zum Frühstück. Zum Toasten wird das Brot kurz auf die Gasheizung gelegt. Wir müssen los, eine Kollegin in Elbasan treffen. Nevila muss sich erst schminken. Viele Küsse, vielen Dank, komm bald wieder! Danke, klar! Viel zu spät fahren wir los.

Donnerstag, 25. Oktober 2007

Die Uni hat angefangen


Obwohl vielleicht alles bisher sehr nach Urlaub klingt, bin ich doch eigentlich zum Arbeiten hier. Ich unterrichte an der Uni.

Mein anfänglicher Eindruck war nur dieser eine: Chaos. Ich hatte das Glück, vor dem Semesterbeginn den Prüfungen für die Wiederholer beizuwohnen. Beziehungsweise wurde ich gebeten, doch gleich einen Teil der Prüfung zu stellen. Obwohl ich die Studenten und deren Niveau gar nicht kannte. Am Prüfungstag traf ich mich mit einer Kollegin eine Stunde vor Prüfungsbeginn und wir kopierten die Prüfungsteile aller Dozenten bei ihr in der Firma (alle Dozenten haben hier 2 Jobs, denn vom Uni-Gehalt kann keiner leben). Das war wohl ungewöhnlich weit vorausgedacht, aber eine gute Idee, denn in der Uni gab es - wie sich dann herausstellte – an dem Vormittag keinen Strom. Die Prüfung begann trotzdem verspätet, weil einige Studenten sich über ihre Noten (mit der gesamten Familie) beim Rektor beschwert hatten. Das musste erst ausdiskutiert werden. Dann begann die schriftliche Prüfung. Die Dozenten der deutschen Abteilung, die alle anwesend waren, gerieten allerdings mitten in der Prüfung in einen Streit. Dieser wurde lauthals ausgetragen. Die Studenten nutzten den Lärm, verständlicher Weise, um sich auszutauschen. Überhaupt wurde ohne Konsequenzen unglaublich viel gespickt.
Sobald die ersten Teile abgegeben waren, wurde angefangen gemeinsam zu korrigieren. Die Noten müssen in Albanien per Gesetz am nächsten Tag bekannt gegeben werden. Es galt also, keine Zeit zu verlieren. Die Genauigkeit der Korrektur kann man in Frage stellen.
Als fertig korrigiert war und die Studenten gegangen waren schließlich die große Frage: Wer hat nun bestanden und wer nicht? „Wie bitte, das steht nicht vorher fest?“ Ich wurde nach meiner Meinung gefragt: Mindestens 60% der Punkte, sagte ich. Mit dieser Rechnung wären allerdings alle durchgefallen. Und es war ihre Abschlussprüfung! Wir entschieden also, dass die schlechtesten 25% am nächsten Tag zur mündlichen Prüfung kommen müssten.
Mündliche Prüfung: alle in einem Raum, jeder bereitet ein Bild vor, erzählt etwas dazu und beantwortet zusätzliche Fragen. In Kürze: Die Studenten konnten die einfachsten Fragen nicht verstehen – nichts als verzweifelte Blicke trafen uns.

Beispiel:„Er ist ein Son in ein Park. Er drinkt wasse. Er ist 12 Jahre. Sie hatten andere Leuten, Männer und Frauen. Das hat keine andere Kinder.“

Am Ende bestanden alle. Warum? Damit sie nicht noch einmal wiederkommen würden. Und weil man Mitleid mit ihnen hatte. Weil sie so weit gekommen waren und sonst 4 Jahre umsonst studiert gehabt hätten.

Dann begann das Semester. Bis einen Tag vorher war nicht genau klar an welchem Tag. Wir erfuhren es aus dem Fernsehen. Und wer von uns welche Stunden halten würde war auch nicht ganz geklärt.



Jetzt unterrichte ich Pädagogische Psychologie und kreatives Schreiben & Theater für das 4. Jahr und Landeskunde Deutschland für das 2. Jahr. Insbesondere der Unterricht im 4. Jahr macht mir sehr viel Spaß. Sie sind sehr aufgeweckt, sehr motiviert und sprechen viel besser Deutsch als ihre Kollegen aus der Prüfung. Das System ist ziemlich verschult, mit Anwesenheitslisten und Hausaufgaben, aber in Ordnung. Und 2 Mal die Woche habe ich sogar die Möglichkeit mit PowerPoint und Beamer zu unterrichten. Sehr schön. Schade ist, dass es in der Uni zu wenige Räume für alle gibt. Deshalb unterrichte ich nur nachmittags und bin meistens erst um 19:30 fertig. Außer der Strom fällt aus. Dann gehen wir früher heim.

Oktoberstimmung

Also, allgemein fällt es mir gerade sehr schwer, irgendetwas zu schreiben. Befinde mich, denke ich, gerade auf dem Teil der Kulturschock-Kurve, die sich vom Honeymoon entfernt. Es gibt immer noch viele Dinge, von denen ich begeistert erzählen will. Aber zugleich passiert viel, was mir weniger gefällt. Oder mich schockt. Und diese Mischung aus heiß und kalt vermischt sich in meinem Bauch zu einem seltsamen, lauwarmen Brei. Dennoch ein Versuch, auch im Oktober:

(zu)Haus
Relativ klar und einfach zu beschreiben ist meine Wohnsituation. Die Bilder seht Ihr ja. Habe 4 Zimmer in einem kleinen Altstadthaus, mit einer hohen Mauer außenrum und einem wunderschönen Garten. Mein Ziel ist es, das ganze Jahr hier immer das gleiche wunderbare Gefühl aufrecht zu erhalten, wenn ich diesen Garten sehe.
Ansonsten kommt alle 2 Tage der Bauer mit 1,5 Litern frischer Milch vorbei, aus der ich meinen eigenen Joghurt mache. Käse habe ich auch schon versucht. Dabei ist mir die Milch allerdings einfach nur vergammelt…
Außer mir wohnt im ersten Stock eine albanische Familie. Der Vater ist sehr alt und ziemlich taub. Er lächelt meistens einfach. Sehr sympathisch – das tue ich hier auch hauptsächlich, wenn mich jemand anspricht. Seine Frau ist es gewohnt mit ihrem Gegenüber sehr laut zu sprechen und schreit mich daher meistens aus vollem Halse an. Ist aber eine gute Seele. Im Garten wohnt mein blaues Rennrad, mein treuester Begleiter. Der Gute hat mir schon einige verwunderte albanische Blicke beschert. Ich werde doch ziemlich beäugt, wenn ich bei strömendem Regen mein Hosenbein hochschlage und losflitze. „Gelebte Landeskunde“ nennt das die Robert Bosch Stiftung. Und ich lache.
Schließlich gibt es viele kleine Tiere – Eidechsen, Spinnen, Schnecken, Kellerasseln und sogar einen kleinen Skorpion hatte ich schon zu Besuch – und natürlich Geister. Sie öffnen die Türen, wenn sie durchs Haus gehen und spiegeln sich nachts in dunklen Fensterscheiben. Einmal haben sie beim Spielen mitten in der Nacht meinen Glastisch zum Zusammenbrechen gebracht. Ich bin ein wenig erschrocken (Oh mein Gott, jemand hat mein Wohnzimmerfenster zerschlagen und kommt herein…). Ansonsten kommen wir gut klar. Aber ich kann verstehen, warum die Menschen auf dem Balkan abergläubischer sind als in Deutschland.

Männer und Frauen
Das Thema ist vielleicht schon ein wenig langweilig, aber es muss einfach sein. Die getrennten Welten von unseren beiden Lieblingsgeschlechtern fallen einem schon auf, wenn man hier durch die Stadt spaziert. Es gibt unzählige Bars und Cafes – voller Männer. Nur bei einigen wenigen steht an der Tür „für Familien“. Was so viel bedeutet wie: Ihr könnt Eure Mädels mitbringen.
Ich möchte Euch nicht mit den altbekannten Details langweilen. Daher nur 2 kleine Anekdoten von heute Nachmittag: Ich war mit meiner Nachbarin in der Post, um meine Telefonrechnung zu bezahlen. Der halben Engländerin in mir dreht sich beim Anblick der Schlange dort natürlich der Magen um. Die Schlange besteht aus einem riesigen Pulk von Menschen, die sich alle gleichzeitig auf die kleine Öffnung in der Glasscheibe zu bewegen. Und wer nicht mit schiebt, bleibt eben stehen. Chaos total, dachte ich. Doch weit gefehlt. Es bestand eine klare Ordnung: Auf der linken Seite der Öffnung drängelten sich alle Frauen, auf der rechten Seite alle Männer. Damit niemand niemandem im Gedrängel an den Hintern fassen kann.
Gleich danach gingen wir zum Markt. Ich wollte einen neuen Schirm. Meinen anderen hatte ich für 1.- Euro in Belgrad gekauft und er hatte ungelogen keine 10 Minuten Wind und Regen überstanden. Fragte also diesmal nach einem größeren und stabileren Schirm. „Tut mir leid, aber der ist für Männer,“ sagte der Verkäufer zu mir. In den nächsten Minuten der Diskussion, als er versuchte, mir doch den kleinen rosafarbenen anzudrehen und ich mich weigerte, wurde seine Laune immer schlechter. Schließlich bekam ich den Herren-Schirm. Aber widerwillig.

Das sind so kleine Geschichten, die jeden Tag passieren. Über die ich mich wundere, über die ich lache und über die ich mich manchmal hinwegsetze. Die ganze Sache hat aber eine sehr traurige Seite. In nur 1,5 Monaten habe ich von 4 Frauen persönlich erfahren, dass sie von ihren Freunden, Verlobten oder Ehemänner geschlagen wurden. Zwei davon krankenhausreif. Das passiert hier so viel und mit so wunderbaren, starken und gebildeten Frauen. Das tut mir weh und erschreckt mich sehr. Da merke ich, wie tief das moralische Empfinden bei uns – bei Männern und Frauen gleichermaßen – dafür ist, dass das einfach unter keinen Umständen passieren darf. Und ich habe sicher noch nicht viel gesehen, von diesem Land.

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Ein bisschen Alltag












Für alle, die mal über einen Besuch nachgedacht haben: ein kleiner Vorgeschmack. Die Orangen und Mandarinen sind gerade reif...

Freitag, 21. September 2007

Erste Eindrücke

Rauchen

Seit Mai diesen Jahres gilt in Albanien in allen öffentlichen Einrichtungen sowie in Bars, Restaurants und Cafes ein neues Rauchverbot. Sie haben das hier eingeführt, bevor es in Deutschland endlich durchgeboxt wurde. Ist das nicht unglaublich? Überall hängen Rauchen-Verboten-Schilder in den Fenstern und an den Wänden. Etwas anderes ist allerdings die Umsetzung, zumindest außerhalb von Tirana. Auf meine Frage hin, ob ich rauchen dürfe, sagte der Kellner nur:„Aber ich bitte doch sehr darum.“
An erster Stelle Familie

Und an zweiter Stelle auch Familie. Und an dritter Stelle auch. Und dann kommt alles andere. So sei es in Albanien, sagten mir meine Kollegen in der deutschen Botschaft in Tirana. Am eigenen Leib erfuhr ich das gleich, als ich meine liebe und sehr engagierte und zuverlässige Kollegin und Chefin zum ersten Mal in Elbasan treffen wollte. Ich rufe Dich vormittags an, hatte sie gesagt, und dann treffen wir uns. Ich stellte also meinen Wecker sicherheitshalber auf neun Uhr, stand um zehn auf und wartete. Um halb zwei rief ich sie an: „Ach Charlotte, Du bist es. Ich bin im Krankenhaus. Meine Schwägerin hat gerade ein Kind bekommen. Wollen wir uns vielleicht später am Nachmittag treffen?“
Den ganzen Tag und bis zum Mittag des nächsten Tages hörte ich nichts von ihr. Sie war bei ihrer Schwägerin im Krankenhaus geblieben, und auch über Nacht nicht von ihrer Seite gewichen. In albanischen Krankenhäusern gibt es keine Apparate für einen Notruf, daher muss immer ein Familienmitglied bei den Patienten bleiben. Mich hatte sie darüber natürlich total vergessen.
Islam und Christentum – Friedliches Miteinander.

In Albanien leben Katholiken, orthodoxe Christen und Muslime ganz friedlich zusammen. So wurde mir gesagt. Aber wie kann man sich das vorstellen?

Bei neuen Bekannten zuhause: Im Wohnzimmer hängt an der Wand ein schöner Gebetsteppich mit einer Moschee darauf. Mekka oder so? Kenn mich da zu wenig aus. Jedenfalls wollte ich ein nettes Gespräch anfangen und fragte, wie es denn so sein würde, wenn in zwei Tagen der Fastenmonat Ramadan beginnt. Die Antwort: Wir sind Christen, für uns hat das keine große Bedeutung. Als ich dann auf den Teppich zeigte sagten sie nur: Wunderschön, findest Du nicht auch?!
Schwul sein

Das ewige Thema in Ost- und Südosteuropa. Oder das ewige Tabuthema, wie man es nimmt. Ich war bei Freunden abends zum Biertrinken eingeladen. Einer der Jungs holte ein altes Hochzeitskleid aus dem Schrank – fragt mich nicht, warum er das zuhause hatte, um das zu klären reichten unsere wenigen englisch-albanisch-Brocken nicht aus. Jedenfalls zog ein Anderer das Kleid an, wir tanzten, machten Photos und lachten viel.
Als ich dann nach Hause gehen wollte wurden aber alle sehr ernst. Ich musste fest versprechen, niemandem von diesem Ereignis zu erzählen und schon gar nicht mit irgendwelchen Namen. Wenn das Gerücht die Runde machte, dass dieser Junge schwul sei, wäre das Leben in Elbasan für ihn gelaufen. Keiner würde mehr mit ihm reden. Steinigen würden sie ihn – oder so habe ich wenigstens seine Gestik interpretiert. Irgendetwas Grausames würde auf jeden Fall passieren. Auf die Frage, was sie denn von homosexuellen Ehen hielten, sagten sie nur „Big big Problem in Albania“.
Unterwegs in der Stadt

Als kleines blondes Mädchen hier alleine in der Stadt. Wie das wohl ist? Manche haben sich da vielleicht Sorgen gemacht. Bisher muss ich sagen, dass ich mich sehr sicher fühle. Die Menschen kucken mich an mit Blicken die fragen „Wer bist Du und was willst Du hier?“. Aber niemand spricht mich an. Und es wird sehr wenig gebettelt hier. Und viele Leute, die ich kennen gelernt habe, sind sehr sanft in ihrer Umgangsweise. Beinahe schon zart. Wunderbar.

Die Sprache klingt für mich momentan wie Amerikaner, die versuchen Französisch zu sprechen. Weil sie das „R“ so sprechen wie im Englischen.

Aussehen tun die Albaner ganz unterschiedlich. Manche sind sehr hellhäutig, sehen sehr westeuropäisch aus. Andere sind braungebrannt, wie der klassische Macho-Italiener. Und wieder andere haben richtig dunklen Teint. Auf den ersten Blick sehen sie überhaupt nicht wie ein Volk aus. Die jungen Mädchen sind sehr modisch und viele auch sehr sexy gekleidet. Das könnte verblüffen, wenn mir nicht das Gleiche auch schon in Bosnien aufgefallen wäre. Man erwartet eine muslimische Gesellschaft und wird dann ganz schön überrascht.
Shqipëria – Eine Name, den niemand versteht

Habt Ihr schon mal überlegt, wie ein Land dazu kommt, von anderen Ländern ganz anders genannt zu werden, als es sich selbst nennt. Bei Deutschland ist das ja so. Wir heißen Germany, Gjermanija, Allemange, Njemacka usw., aber wer außer den Österreichern hat die Güte uns so zu nennen, wie wir uns selbst bezeichnen? Im Bezug auf Albanien ist dasselbe Phänomen noch extremer. Sie nennen sich selbst Shqipëria. Das kommt von shqiponj, was Adler bedeutet, und sich auf den schwarzen doppelköpfigen Adler auf ihrer Fahne bezieht. Dieser Adler ist seit den Zeiten Skanderbegs, ihres Nationalhelden, der gegen die Türken kämpfte, ihr Wahrzeichen. Aber niemand sonst hat wahrscheinlich von diesem Namen für Albanien bisher gehört. Und selbst die Albaner, wenn sie mit uns Ausländern über Albanien sprechen, sagen Albania, damit wir wissen was sie meinen. Woher kommt aber dieser Name dann wohl, Albanien? Das bleibt noch zu ergründen.
Fahrräder und Mercedese
(schreibt man so den Plural von Mercedes? – Oh Gott, und ich soll Deutsch unterrichten)

Alle die wissen, wie konsequent ich in Regensburg bei Wind und Wetter Fahrrad gefahren bin, verstehen, welch Glücksgefühl ich hier empfunden habe: Halb Albanien ist auf dem Fahrrad unterwegs. Männer, Frauen und Kinder. Und die Fahrräder sind genau diejenigen wunderbaren alten schwarzen Stadtfahrräder, die wir seit Jahren vergeblich auf unseren Flohmärkten suchen. Sie sind alle hier und flitzen völlig unkontrolliert und kreuz und quer auf den Straßen herum. Man kann sich ganz gut vorstellen wie die Straßen bis zur Wende aussahen, als noch keine privaten PKWs erlaubt waren.


Diejenigen Albaner, die nicht mehr Fahrrad fahren wollen, fahren Mercedes. Aber längst nicht nur die alten Modelle aus den 80ern, wie ich das erwartet hätte. Hier fahren nagelneue dicke Schlitten herum, von denen jeder Politiker in der BRD nur träumen kann. Der Grund liegt wohl in den vielen Schlaglöchern und den hervorragenden Stoßdämpfern von Mercedes. Aber wie sich so viele Leute so gute Autos leisten können bleibt noch zu ergründen. Sherlock Charlie.


Zittern an der Grenze

Zwei Tage Fahrt über Österreich, Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro. Ich war selbst erstaunt wie unglaublich zuhause ich mich da gefühlt habe. In Erwartung Albaniens – des Landes von dem niemand etwas weiß, mit einer Sprache, die mit nichts und niemandem verwandt ist.
Das erste große Zittern dann an der Grenze zu Albanien. Noch einen Tag Versicherung, noch zwei Tage TÜV, ein luxemburgisches Kennzeichen, auf jemand anderes angemeldet und nur eine Kopie von den Fahrzeugpapieren. Für Uneingeweihte gehe ich nicht weiter ins Detail, damit Ihr mich nicht alle für noch verrückter erklärt als vielleicht eh schon. TÜV und Versicherung waren kein Problem, aber, mit der Kopie kann ich nicht einreisen, sagte der Zollbeamte. Der Grenzbeamte – und wohl Chef des Zollbeamten – fand mich sympathisch und fand es toll, dass ich in Elbasan arbeiten würde. Mirë se vini – herzlich Willkommen! Und wir durften einreisen.

13/09/2007 - Die Entscheidung


Angekommen.
Genauer gesagt, unterwegs bin ich schon seit Montag, den 04. September, und hier in Albanien seit einer Woche. Aber wie das häufig so ist, anfangs, habe ich erst jetzt die Ruhe und Energie etwas aufzuschreiben. Außerdem stand eine schwierige Entscheidung an: soll ich dieses kleine Tagebuch klassisch in einem Buch schreiben oder doch lieber auf dem Computer verfassen und als Blog ins Internet stellen?

Die Frage ist hier nicht ganz trivial. Es gibt nämlich nur begrenzt Strom: jeden Tag von 10:00 Uhr bis 15:00 Uhr wird der Strom in Elbasan abgestellt. Regulär. Und selbstverständlich kann es außerplanmäßig auch ab und an zu Stromausfällen kommen. Woran das liegt? Meine Informationen bislang gehen so weit, dass Albanien selbst nicht genug Strom produziert sowie nicht genug Geld hat, um ausreichend Strom aus dem Ausland einzukaufen. Damit also nicht so viel verbraucht werden kann, wird der Strom eben zeitweilig abgestellt. In Kürze jedenfalls.
Zudem haben bei einem anderen Boschlektoren, der eine ähnliche Idee hatte, seine Studenten nach einer Weile seinen Blog im Internet gefunden. Peinliche Situation…

Naja, Lust habe ich trotzdem total, das zu machen. Namen werde ich allerdings versuchen nicht zu erwähnen, um das Entdeckungsrisiko zu minimieren.
Eure cas :-)



Mire se vini - Willkommen

Die häufigste Reaktion auf meine Ankündigung, nach Albanien zu gehen, war folgende: "Albanien? Hmmm, über Albanien weiss ich eigentlich gar nichts. Dieses Land ist ja wie ein weisser Fleck auf der europäischen Landkarte."

In diesem Block möchte ich davon berichten, was mir hier in diesem weissen Fleck wiederfährt und somit dazu beitragen, dass er sich für Euch mit Farbe füllt.

Für alle, die Lust darauf haben: Viel Spass beim Lesen!

cas