Freitag, 21. September 2007

Erste Eindrücke

Rauchen

Seit Mai diesen Jahres gilt in Albanien in allen öffentlichen Einrichtungen sowie in Bars, Restaurants und Cafes ein neues Rauchverbot. Sie haben das hier eingeführt, bevor es in Deutschland endlich durchgeboxt wurde. Ist das nicht unglaublich? Überall hängen Rauchen-Verboten-Schilder in den Fenstern und an den Wänden. Etwas anderes ist allerdings die Umsetzung, zumindest außerhalb von Tirana. Auf meine Frage hin, ob ich rauchen dürfe, sagte der Kellner nur:„Aber ich bitte doch sehr darum.“
An erster Stelle Familie

Und an zweiter Stelle auch Familie. Und an dritter Stelle auch. Und dann kommt alles andere. So sei es in Albanien, sagten mir meine Kollegen in der deutschen Botschaft in Tirana. Am eigenen Leib erfuhr ich das gleich, als ich meine liebe und sehr engagierte und zuverlässige Kollegin und Chefin zum ersten Mal in Elbasan treffen wollte. Ich rufe Dich vormittags an, hatte sie gesagt, und dann treffen wir uns. Ich stellte also meinen Wecker sicherheitshalber auf neun Uhr, stand um zehn auf und wartete. Um halb zwei rief ich sie an: „Ach Charlotte, Du bist es. Ich bin im Krankenhaus. Meine Schwägerin hat gerade ein Kind bekommen. Wollen wir uns vielleicht später am Nachmittag treffen?“
Den ganzen Tag und bis zum Mittag des nächsten Tages hörte ich nichts von ihr. Sie war bei ihrer Schwägerin im Krankenhaus geblieben, und auch über Nacht nicht von ihrer Seite gewichen. In albanischen Krankenhäusern gibt es keine Apparate für einen Notruf, daher muss immer ein Familienmitglied bei den Patienten bleiben. Mich hatte sie darüber natürlich total vergessen.
Islam und Christentum – Friedliches Miteinander.

In Albanien leben Katholiken, orthodoxe Christen und Muslime ganz friedlich zusammen. So wurde mir gesagt. Aber wie kann man sich das vorstellen?

Bei neuen Bekannten zuhause: Im Wohnzimmer hängt an der Wand ein schöner Gebetsteppich mit einer Moschee darauf. Mekka oder so? Kenn mich da zu wenig aus. Jedenfalls wollte ich ein nettes Gespräch anfangen und fragte, wie es denn so sein würde, wenn in zwei Tagen der Fastenmonat Ramadan beginnt. Die Antwort: Wir sind Christen, für uns hat das keine große Bedeutung. Als ich dann auf den Teppich zeigte sagten sie nur: Wunderschön, findest Du nicht auch?!
Schwul sein

Das ewige Thema in Ost- und Südosteuropa. Oder das ewige Tabuthema, wie man es nimmt. Ich war bei Freunden abends zum Biertrinken eingeladen. Einer der Jungs holte ein altes Hochzeitskleid aus dem Schrank – fragt mich nicht, warum er das zuhause hatte, um das zu klären reichten unsere wenigen englisch-albanisch-Brocken nicht aus. Jedenfalls zog ein Anderer das Kleid an, wir tanzten, machten Photos und lachten viel.
Als ich dann nach Hause gehen wollte wurden aber alle sehr ernst. Ich musste fest versprechen, niemandem von diesem Ereignis zu erzählen und schon gar nicht mit irgendwelchen Namen. Wenn das Gerücht die Runde machte, dass dieser Junge schwul sei, wäre das Leben in Elbasan für ihn gelaufen. Keiner würde mehr mit ihm reden. Steinigen würden sie ihn – oder so habe ich wenigstens seine Gestik interpretiert. Irgendetwas Grausames würde auf jeden Fall passieren. Auf die Frage, was sie denn von homosexuellen Ehen hielten, sagten sie nur „Big big Problem in Albania“.
Unterwegs in der Stadt

Als kleines blondes Mädchen hier alleine in der Stadt. Wie das wohl ist? Manche haben sich da vielleicht Sorgen gemacht. Bisher muss ich sagen, dass ich mich sehr sicher fühle. Die Menschen kucken mich an mit Blicken die fragen „Wer bist Du und was willst Du hier?“. Aber niemand spricht mich an. Und es wird sehr wenig gebettelt hier. Und viele Leute, die ich kennen gelernt habe, sind sehr sanft in ihrer Umgangsweise. Beinahe schon zart. Wunderbar.

Die Sprache klingt für mich momentan wie Amerikaner, die versuchen Französisch zu sprechen. Weil sie das „R“ so sprechen wie im Englischen.

Aussehen tun die Albaner ganz unterschiedlich. Manche sind sehr hellhäutig, sehen sehr westeuropäisch aus. Andere sind braungebrannt, wie der klassische Macho-Italiener. Und wieder andere haben richtig dunklen Teint. Auf den ersten Blick sehen sie überhaupt nicht wie ein Volk aus. Die jungen Mädchen sind sehr modisch und viele auch sehr sexy gekleidet. Das könnte verblüffen, wenn mir nicht das Gleiche auch schon in Bosnien aufgefallen wäre. Man erwartet eine muslimische Gesellschaft und wird dann ganz schön überrascht.
Shqipëria – Eine Name, den niemand versteht

Habt Ihr schon mal überlegt, wie ein Land dazu kommt, von anderen Ländern ganz anders genannt zu werden, als es sich selbst nennt. Bei Deutschland ist das ja so. Wir heißen Germany, Gjermanija, Allemange, Njemacka usw., aber wer außer den Österreichern hat die Güte uns so zu nennen, wie wir uns selbst bezeichnen? Im Bezug auf Albanien ist dasselbe Phänomen noch extremer. Sie nennen sich selbst Shqipëria. Das kommt von shqiponj, was Adler bedeutet, und sich auf den schwarzen doppelköpfigen Adler auf ihrer Fahne bezieht. Dieser Adler ist seit den Zeiten Skanderbegs, ihres Nationalhelden, der gegen die Türken kämpfte, ihr Wahrzeichen. Aber niemand sonst hat wahrscheinlich von diesem Namen für Albanien bisher gehört. Und selbst die Albaner, wenn sie mit uns Ausländern über Albanien sprechen, sagen Albania, damit wir wissen was sie meinen. Woher kommt aber dieser Name dann wohl, Albanien? Das bleibt noch zu ergründen.
Fahrräder und Mercedese
(schreibt man so den Plural von Mercedes? – Oh Gott, und ich soll Deutsch unterrichten)

Alle die wissen, wie konsequent ich in Regensburg bei Wind und Wetter Fahrrad gefahren bin, verstehen, welch Glücksgefühl ich hier empfunden habe: Halb Albanien ist auf dem Fahrrad unterwegs. Männer, Frauen und Kinder. Und die Fahrräder sind genau diejenigen wunderbaren alten schwarzen Stadtfahrräder, die wir seit Jahren vergeblich auf unseren Flohmärkten suchen. Sie sind alle hier und flitzen völlig unkontrolliert und kreuz und quer auf den Straßen herum. Man kann sich ganz gut vorstellen wie die Straßen bis zur Wende aussahen, als noch keine privaten PKWs erlaubt waren.


Diejenigen Albaner, die nicht mehr Fahrrad fahren wollen, fahren Mercedes. Aber längst nicht nur die alten Modelle aus den 80ern, wie ich das erwartet hätte. Hier fahren nagelneue dicke Schlitten herum, von denen jeder Politiker in der BRD nur träumen kann. Der Grund liegt wohl in den vielen Schlaglöchern und den hervorragenden Stoßdämpfern von Mercedes. Aber wie sich so viele Leute so gute Autos leisten können bleibt noch zu ergründen. Sherlock Charlie.


Zittern an der Grenze

Zwei Tage Fahrt über Österreich, Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro. Ich war selbst erstaunt wie unglaublich zuhause ich mich da gefühlt habe. In Erwartung Albaniens – des Landes von dem niemand etwas weiß, mit einer Sprache, die mit nichts und niemandem verwandt ist.
Das erste große Zittern dann an der Grenze zu Albanien. Noch einen Tag Versicherung, noch zwei Tage TÜV, ein luxemburgisches Kennzeichen, auf jemand anderes angemeldet und nur eine Kopie von den Fahrzeugpapieren. Für Uneingeweihte gehe ich nicht weiter ins Detail, damit Ihr mich nicht alle für noch verrückter erklärt als vielleicht eh schon. TÜV und Versicherung waren kein Problem, aber, mit der Kopie kann ich nicht einreisen, sagte der Zollbeamte. Der Grenzbeamte – und wohl Chef des Zollbeamten – fand mich sympathisch und fand es toll, dass ich in Elbasan arbeiten würde. Mirë se vini – herzlich Willkommen! Und wir durften einreisen.

13/09/2007 - Die Entscheidung


Angekommen.
Genauer gesagt, unterwegs bin ich schon seit Montag, den 04. September, und hier in Albanien seit einer Woche. Aber wie das häufig so ist, anfangs, habe ich erst jetzt die Ruhe und Energie etwas aufzuschreiben. Außerdem stand eine schwierige Entscheidung an: soll ich dieses kleine Tagebuch klassisch in einem Buch schreiben oder doch lieber auf dem Computer verfassen und als Blog ins Internet stellen?

Die Frage ist hier nicht ganz trivial. Es gibt nämlich nur begrenzt Strom: jeden Tag von 10:00 Uhr bis 15:00 Uhr wird der Strom in Elbasan abgestellt. Regulär. Und selbstverständlich kann es außerplanmäßig auch ab und an zu Stromausfällen kommen. Woran das liegt? Meine Informationen bislang gehen so weit, dass Albanien selbst nicht genug Strom produziert sowie nicht genug Geld hat, um ausreichend Strom aus dem Ausland einzukaufen. Damit also nicht so viel verbraucht werden kann, wird der Strom eben zeitweilig abgestellt. In Kürze jedenfalls.
Zudem haben bei einem anderen Boschlektoren, der eine ähnliche Idee hatte, seine Studenten nach einer Weile seinen Blog im Internet gefunden. Peinliche Situation…

Naja, Lust habe ich trotzdem total, das zu machen. Namen werde ich allerdings versuchen nicht zu erwähnen, um das Entdeckungsrisiko zu minimieren.
Eure cas :-)



Mire se vini - Willkommen

Die häufigste Reaktion auf meine Ankündigung, nach Albanien zu gehen, war folgende: "Albanien? Hmmm, über Albanien weiss ich eigentlich gar nichts. Dieses Land ist ja wie ein weisser Fleck auf der europäischen Landkarte."

In diesem Block möchte ich davon berichten, was mir hier in diesem weissen Fleck wiederfährt und somit dazu beitragen, dass er sich für Euch mit Farbe füllt.

Für alle, die Lust darauf haben: Viel Spass beim Lesen!

cas