Montag, 8. Dezember 2008

Fischesser

Also eine meiner Entscheidungen in kulinarischer Hinsicht hier in Durrës war diejenige, zur Fischesserin und Fischexpertin zu werden. Schließlich geht es ja bei so einem Auslandsaufenthalt nicht immer nur darum, diesen interkulturellen Schnickschnack zu lernen, sondern auch, ein paar handfeste Qualitäten fürs zukünftige Eheleben zu erwerben.

Alle meine Freunde, die aus Norddeutschland kommen – was für eine Münchnerin bekanntlich Frankfurt und alles nördlich davon bedeutet – werden über dieses Vorhaben vielleicht schmunzeln. Aber ganz ehrlich, ich liebe es, Fisch zu essen. Ich habe nur überhaupt keine Ahnung von dessen Zubereitung.

Schritt 1 zum perfekten Fischkenner habe ich im Restaurant bereits hinter mich gebracht. Ich kenne die albanischen Namen für Oktopus, Sepia, Muscheln, Schrimps und Spaghetti mit Meeresfrüchten. Also all diejenigen Begriffe, die mit Meer zu tun haben, die mir auch in Regensburg schon ein Begriff waren. Zudem habe ich allerdings noch die Namen von drei Salzwasserfischen gelernt: Merluc, Koce und Levrek. Und mindestens zwei von diesen Dreien kann ich auch spontan und mit bloßem Auge im Null Komma Nix identifizieren, wenn sie mir über den Weg laufen. Das Schöne an dem mittleren Fisch ist die Tatsache, dass man „c“ im Albanischen wie das Deutsche „z“ ausspricht. Der Fisch heißt also „Kotze“ – was mir sicherlich geholfen hat, mich mit ihm anzufreunden und zudem eine Reihe deutscher Urlauber den Sommer über bei Laune gehalten hat. Glucksende und sabbernde Siegerstetter-Schwestern und einen verdutzten albanischen Kellner muss man sich dabei vorstellen.

Nun gut, bestellen im Restaurant, Filettieren und Schrimps auszutzeln ist also schon geschafft. Die Urlaubssaison ist nun aber vorüber und alleine gehe ich nicht zum Essen ins Restaurant. Um kurz abzuschweifen, alleine im Restaurant zu essen ist für mich das Traurigste, was man nur machen kann. Ich gehe ganz gerne alleine ins Kino oder ins Theater, ins Museum, in einen Vortrag oder Spazieren. Aber Essen? Wenn ich Männer (es sind irgendwie meistens Männer, keine Frauen) alleine im Restaurant essen sehe, kriege ich immer einen Kloß im Hals und möchte sie am liebsten umarmen und ihnen sagen, dass auch diese schlimmen Zeiten einmal vorbei gehen werden. Einmal war ich alleine in Podgorica beim Essen, weil ich auf meinen Nachtbus warten musste. Bei der Hälfte meiner Spaghetti war ich so unglücklich, dass ich einen anderen Alleinesser spontan fragte, ob ich mich zu ihm setzen dürfe. Seine fröhliche Reaktion und das nette Gespräch bestätigten mich in der Annahme, dass allein Essen einfach unmenschlich ist.

Kurz und gut – es war nun an der Zeit zu lernen, Fisch auch selbst zuhause zuzubereiten. Hier in Durrës gibt es überall tolle Fischstände mit frischem Fisch. Und Fisch zu kaufen ist leichter als Fleisch zu kaufen. Das Fleisch hängt hier beim Metzger als ganzes Tier im Schaufenster, bei dem ich nie weiß, welchen Teil ich denn nun kaufen soll. Und vor allem weiß ich dann nicht, wie die Teile heißen. Beim Fisch kaufe ich einfach den ganzen – super.

Vor Kurzem habe ich also unter fachmännischer Anleitung meinen ersten Fisch ausgenommen. Ich fands am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig. Etwas eklig. Und mich überraschte, dass man doch ganz schön fest anziehen muss, bis der ganze Dreck rauskommt. Aber im Gegensatz zum Fett Abschneiden beim Fleisch fühlt man ganz genau, wenn man fertig ist, wenn alles raus ist. Irgendwie glatt und natürlich gut fühlt sich das dann an.
Ja ja, schmunzelt ihr nur wieder, ihr Nordländer…

Fisch wäre also geschafft. Heute Morgen kam mir beim Blick in den Fischladen aber eine genial neue Idee: Wie wärs mit Oktopus? Halbes Kilo für 3 Euro. Genau richtig. Die Frau vor mir ließ sich auch ein halbes Kilo aufschwatzen, packte es ein, sagte „Ich zahle bei Gelegenheit“ und rauschte ab. Nicht schlecht.


Als ich dann heute Abend aus der Arbeit kam ging der Ärger los. Was mache ich denn nun mit Euch, fragte ich die Kleinen beim Blick in ihre schwarzen Glupschaugen. An Euch ist ja noch so Einiges dran, was ich aus dem Restaurant nicht kenne. Was in solchen Fällen immer hilft: ein Blick ins Buch der guten Hedwig Maria Stuber. S. 240, Tintenfisch. Zubereitung: „Man kauft Tintenfische tiefgefroren oder lässt sie von einem Fischhändler küchenfertig zubereiten“. Du enttäuschst mich, Hedwig! Auch aus Bayern?

Zweiter Rettungsanker: Google. Sucheingabe: Oktopus ausnehmen. Auf der ersten Seite erscheint eine nette Konversation zwischen ein paar Mädels. Die Eine in derselben Situation wie ich, fragt, was sie denn mit den Dingern anstellen solle. Die anderen stellen viele Fragen, ob die Tiere Beine hätten etc. und sagen, dass man sie lange im Wasser kochen und vorher verprügeln müsse. Aha. Dann unterhalten sich die Mädels seitenweise darüber wie eklig das doch ist und wie lustig und wie eklig und ob es denn kein Photo gäbe… Da ich über die schwarzen Augen meiner Kleinen nichts finden kann, blättere ich weiter. Da verlässt mich auch diese Stütze – keine Verbindung mehr. Wer mal versucht hat mit mir zu telefonieren kennt dieses Gefühl. Das ewige „Hallo, kannst Du mich hören? ach verflucht, hallo?“-Spiel. Die fehlende Verbindung beraubt mich gleichzeitig meines letzten Jokers, der in Kochsachen noch nie versagt hat: Papa anrufen. Ohne Internet kein Skype, ohne Skype kein Joker.

Ich habe schon Anderes geschafft, schmeiße meine Tierchen also ins Waschbecken und fange einfach an, an verschiedenen Enden zu ziehen und zu schrubben. Und siehe da, die etwas rötliche Haut lässt sich abrubbeln, bis die Tiere so weiß sind wie im Restaurant. Und Augen und Beine ziehe ich beherzt heraus – woraufhin so etwas wie gefüllte Därme und Urinsäcke, halbverdaute Schrimps, Oktopuskod und eine Art Plastikwirbelsäule zum Vorschein kommen. Insgesamt ein ganzer Haufen. Die Augen schneide ich von den Beinen ab und tue diese zum Fleisch dazu. Sind schließlich der beste Teil. Also die Beine, meine ich. Die werden so schön knusprig, die Saugnäpfe.

Anschließend verprügle ich die Kleinen ein wenig mit einem Holzlöffel, wie von meinen virtuellen Pyjama-Party Freundinnen vorgeschlagen, und schmeiße sie ins Wasser. Letzter Schritt: Olivenöl, Knoblauch und Zitrone.

Essen muss ich natürlich dann trotzdem alleine. Aber ich bin so aufgeregt von meinem kleinen Kampf, dass ich das gar nicht bemerke. Schmeckt nicht schlecht.

Congratulations

Hier in Durres habe ich für Deutsch als Fremdsprache einen Kurs von 60 Leuten. Sie lernen im zweiten Jahr Deutsch und wie man sich vorstellen kann sind bei so vielen Teilnehmer die Fortschritte begrenzt. Ich habe jetzt also einen wöchentlichen Vokabeltest eingeführt, um die Studenten zum Lernen zu "motivieren". Schon nach der ersten Woche habe ich mich selbst dafür verflucht, weil ich all diese 60 Tests ja nun auch jede Woche korrigieren muss. Trotzdem war das Korrekturlesen stellenweise auch amüsant. Hier zum Beispiel die Antworten auf die Frage, was "Congratulations" auf Deutsch bedeutet:

Glünkwunch
Erslich
Horzlichen Gluckwunch
Gücklwünsch
Prima
Herzclichen Glückwünch
Herlichen Wünschen!
Wunschglucken
Wille Guck
Wünschnachtung
Weihnachtsbaum
Glükewunsche
Grüss
Herzliches Gluckenwünsch
Wünschnachung
Alles Gute
Frohlisch
Frohe Horzlich!
Gluckwünsch
Herzlich Glück

Montag, 27. Oktober 2008

Tourismusindustrie


Nach wie vor ist nicht geplant diese Seite mit einer Ansammlung touristischer Attraktionen Albaniens vollzustopfen. Aus zweierlei Gründen habe ich mich dennoch dazu entschieden, den vergangenen (längsten meines Lebens seit dem Abitur) Sommer in Form einer kleinen Photoausstellung zu präsentieren. Zum Einen, um mich kurz fassen und Eure armen Augen vor zullangem in den Computer Starren schützen zu können. Zum Anderen, um diesem wunderschönen Land die Chance zu geben, sich selbst darzustellen. Ein Jahr lang habe ich mich nun schon über seine Sonder- und Besonderheiten ausgelassen und habe dies auch im folgenden Jahr weiter vor. Einmal sollte Shqiperia aber doch auch einfach für sich selbst sprechen dürfen, findet Ihr nicht?

Sonntag, 26. Oktober 2008

Summer loving - Geschwisterliebe

So wachsen also Granatäpfel...











- Vlora -
- Dhermi -
- Shengjin -
- Elbasan -













Plazhi i Gjeneralit













Bunkerparadies















Albanian hitchhiker

Sommerimpressionen

Der albanische Norden



Einreise aus Montenegro







Das Bergdorf Tethi in den albanischen Alpen



Road trip


Frühstück









Bergsteigen...



Ein albanisches Opferfest auf dem Berg Tomorr

Unsere Anreise






Die Anfahrt der übrigen Besucher














Das Opfergeschehen




























Bei der Arbeit



Langes Schweigen

Ein langer Sommer, mit vielen Reisen, mit viel Besuch... Ein wunderschöner albanischer Sommer. Dann ein Umzug in eine kleine Stadt namens Durres. Eine Wohnung die viel zu groß ist, aber dafür direkt am Meer. Und viel Platz bietet, für weiteren Besuch. "Bujrum", wie man hier sagt. "Herzlich Willkommen" an Euch alle. Und nicht nur zum Reisen seid Ihr eingeladen. Auch zum fleißig Weiterlesen. Es gibt schon wieder so viel zu erzählen...


Donnerstag, 19. Juni 2008

Das Wandern ist des Müllers Lust

Wenn ich so zurückdenke muss ich feststellen, dass ich einen Großteil des letzten Jahres in Bussen verbracht habe. So wie auch jetzt gerade. Gerade befinde ich mich auf dem Weg nach Athen, um meine gute Freundin aus Durham zu besuchen. Es ist daher an der Zeit, ein paar Worte über die Busfahrten zu verlieren.

Zum Anfang: Warum halte ich mich überhaupt so viel in Bussen und Zügen auf (Beispiel: 2 Tage Reise Elbasan-Oradea, Rumänien). Einer meiner liebsten Boschkollegen und ich haben auf unserem letzten Vorbereitungsseminar eine „Flugzeugentführungsaktion“ gestartet. Ziel: die vielbereisten Leute in unserem Programm zum ökologischen Reisen zu bewegen. Dementsprechend muss ich aber nun auch meinen wüsten Forderungen entsprechend handeln und kann mich nicht einfach in ein Flugzeug setzen und in der Welt herum fliegen.

Man sagt ja immer, beim Reisen entstehen viele neue Bekanntschaften. Wenn man als blondes Mädchen alleine reist, so sind diese Bekanntschaften nur zumeist… na, Männer! Ich habe die seltene Gabe, ohne es auch nur im Geringsten zu wollen (denn wie vielleicht manche von Euch wissen, habe ich auf Reisen grundsätzlich zu viele Bücher dabei und lese diese auch ganz gerne) die Aufmerksamkeit der Busfahrer auf mich zu lenken. Dies gilt im Übrigen auch für Schaffner – ist derselbe Männerschlag. Das ist natürlich ganz angenehm, weil die Busfahrer an den Raststätten immer umsonst Essen und Trinken können und auch immer nette Geschichten zu erzählen haben. Allerdings kann es auch ein bisschen bedrängend sein, wenn man zum Beispiel nachts allein in einem Zugabteil ist und der Schaffner der Meinung ist man hätte gerne Gesellschaft. Oder wenn, wie gerade eben, der Busfahrer äußerst interessiert an meinen Aufzeichnungen ist, obwohl er ja doch gar kein Deutsch versteht. Und bei den wiederholten Anrufen seiner Ehefrau (die erstaunlicherweise auf dieser Fahrt schon mindestens 6 Mal angerufen hat) entweder sagt „Schatz, ich fahre und habe Polizei vor mir“ oder „Nein, im ganzen Bus ist heute keine einzige Frau. Lustig, nicht?!“ und denkt ich verstehe kein Wort von dem was er sagt. Meistens fragen die Männer dann ganz dezent, ob ich nicht eine Freundin oder Schwester für sie hätte, die ich ihnen vermitteln könnte. Na, Mädels, Interesse?! Das ist mir auch ein Rätsel, wie sie auf diese Frage kommen. Also, würde ich sie attraktiv finden, wäre es ja wohl eine Frechheit nach meinen Freundinnen zu fragen und damit zu signalisieren, dass sie zwar Interesse an einer Deutschen, aber nicht an mir haben. Und für den Fall, dass ich sie (möglicherweise) aufdringlich und unattraktiv finde, würde ich ihnen wohl kaum meine Schwestern vermitteln wollen, oder?!

Es ist jedenfalls an der Zeit, dass ich mir eine Strategie überlege, um diese Annäherungsversuche einzugrenzen. (Gerade ruft die Ehefrau zum 8. Mal an). Mir hat mal jemand gesagt, dass die deutschen Mädchen für Balkanverhältnisse zu offen lächeln und zu freundlich grüßen und daher Interesse signalisieren. Vielleicht sollte ich das also einschränken. Aber wenn ich reise, möchte ich mir meine gute Laune eigentlich nicht verkneifen müssen. Und für den Notfall hat mit dem russischen Schaffner ein beherztes „Mrš! Jebo te pitčku materinu!“ (Bosnisch für „Bitte verlassen sie umgehend mein Abteil! Oder so ähnlich) auch ganz gut funktioniert. Manchmal muss man eben schreien können.

Und Athen war natürlich der Wahnsinn, versteht sich..

Nachtrag: als wir mit dem Bus auf dem Rückweg gerade zwischen albanischer und griechischer Grenze sind, wird angehalten, ein Mann springt aus dem Gebüsch und viele kleine Kisten werden auf dem Busklo eingesperrt. Dann wird weitergefahren, als sei nichts gewesen. Auf der weiteren Fahrt wird immer wieder angehalten und im Dunklen am Straßenrand an wartende Gestalten Teile dieser Kisten ausgehändigt. Hatte ich mal gesagt, dass man von Kriminalität so direkt hier nichts mitbekommt?

Ein trauriger Eintrag

Über mir im Haus wohnt die Familie Dedej. Der Vater Hysen, über 80 Jahre alt, die Mutter Vera, knappe 60 Jahre alt, und der Sohn Benci, um die 30. Hysen lächelte immer sehr freundlich, war aber leider sehr schwerhörig. Das neu angeschaffte Hörgerät wollte er ungern tragen – das machte die Kommunikation zwischen uns beiden etwas schwierig. Eigentlich begrüßten und verabschiedeten wir uns nur. Dabei nahm er meine kleine Hand zwischen seine großen runzeligen Hände und drückte fest. Das genügte. Vor Vera hatte mich meine Vermieterin am Anfang gewarnt: sie sei etwas seltsam und hätte meine Vormieterin durch ständige Besuche unter Druck gesetzt. Für mich ist sie inzwischen eine Kombination aus albanischer Mama, Mitbewohnerin, Lehrerin und Freundin geworden. Wenn ich Schwierigkeiten oder Hunger habe oder einfach gerne Gesellschaft hätte, brauche ich nur die paar Treppen nach oben zu steigen. Wenn sie mit Hysen spricht schreit sie einfach, damit er sie versteht. Wenn sie auf andere Menschen trifft braucht sie meist einige Sätze um die Lautstärke wieder auf normal zu regulieren. Benci ist ein fröhlicher Typ – was sich hauptsächlich dadurch äußert, dass er sobald ich ein Wort Albanisch spreche, in Gelächter ausbricht. Da er allerdings sonst nur Italienisch und Französisch spricht, verlaufen unsere Unterhaltungen äußerst humorvoll. Leider hängt im Wohnzimmer der Dedejs auch ein schwarz umrahmtes Photo von Bencis älterem Bruder. Vor 6 Jahren ist dieser bei einem Verkehrunfall verstorben, wie Vera mir sagte. Seitdem trägt sie schwarz. Die Frauen hier tragen für den Rest ihres Lebens schwarz, wenn sie nicht mehr daran glauben, dass es noch einmal eine positive Wendung nahmen kann. Von Nachbarn habe ich erfahren, dass er sich im Wohnzimmer selbst erschossen hat. Es gibt denke ich wenig Schlimmeres, was einer Mutter passieren kann.

Als mir die Familie zum ersten Mal vorgestellt wurde, war mein erster Gedanke, hoffentlich stirbt Hysen nicht, während ich hier wohne. Ich habe keine Ahnung, wie ich darauf kam – war einfach ein Gedanke, der plötzlich da war.

Leider ist genau dies gerade eingetreten. Im März war er krank geworden und als ich mit meiner Theatergruppe aus Mazedonien zurückkehrte empfing mich die Nachricht schon auf der Straße: Hysen ist tot. Mit wackeligen Knien rannte ich nach Hause. Die Frauen der Familie und der Nachbarschaft saßen im Wohnzimmer versammelt, die Männer im Erdgeschoss bei mir. Alle weiblichen Familienangehörigen ganz in Schwarz, für 1 Monat. Als ich versuchte auf Albanisch mein Beileid auszusprechen lachte der fröhliche Benci zum ersten Mal nicht. „Ngushellime te mia“, sagt man. Ich sprach auf Deutsch weiter, weil solche Ausdrücke in einer Fremdsprache doch nichts weiter als Phrasen sind. Sie verstanden mich ganz gut.

Mir gegenüber versucht Vera meist die Fassung zu bewahren, fröhlich zu bleiben. Daher verbrachte sie die nächsten Tage damit, mir detailliert zu berichten, was geschehen war. Hysen war am Freitagmorgen gestorben, einfach eingeschlafen auf dem Sofa zuhause. Während seiner ganzen Krankheit war er zuhause gewesen, weil die Krankenhäuser in Albanien in so schlechtem Zustand sind. Ich hatte mir nie wirklich bewusst gemacht, dass das zwar angenehmer für den Kranken ist, für die Familie aber eine große Belastung darstellt. Vera war aus Angst, ihn alleine zu lassen, praktisch 2 Monate nicht aus dem Haus gegangen.

An diesem Freitag schlief er also einfach ein – Vera und Benci riefen nicht einmal einen Arzt. „Es war doch klar, was passiert war,“ sagte sie mir. Nur die engsten Familienmitglieder und die Trauerhilfe wurden verständigt. Sofort kam eine Frau, die sich mit dem Toten ins Wohnzimmer einsperrte, in wusch, umzog und herrichtete - und dann wurde er dort aufgebart. Schon nach zwei Stunden kamen die Ersten um ihr Beileid auszusprechen und dieser Besucherstrom ist bis heute nicht abgerissen. Nur montags kommt niemand – montags ist Beileidsurlaubstag, oder wie man das nennen soll.

In dieser ersten Nacht wird nicht geschlafen. Die Frauen bleiben bei dem Toten – ist das nicht die so genannte Totenwache, die es auch in Deutschland bis vor nicht allzu langer Zeit gab? Sie weinen und klagen laut. Richtige traditionelle Totengesänge gibt es. Die Männer sitzen im Garten, rauchen und trinken Raki. Am nächsten Tag findet die Beerdigung statt. Ich habe im Kopf, dass man im muslimischen Glauben nur 3 Tage Zeit hat, um den Toten zu beerdigen, bin mir aber nicht sicher. Viele Menschen gehen auf den Friedhof, mit Blumen, und es werden viele Reden gehalten. Nur die Witwe bleibt mit einer Schwester oder anderen älteren Frauen zuhause. Nach der Beerdigung kommen alle zum Haus und sprechen der Familie ihr Beileid aus. Ein Teil der Besucher wird dann zum Leichenschmaus eingeladen. Dort gibt es vor allem Raki und Wein, Suppe, Fleisch, Byrek und eine besondere Nachspeise, die nur bei Beerdigungen gegessen wird. Beim Kaffee sagt man anstelle von „zum Wohl“ so etwas wie „auf das Schlechte“ und dass es vorüber gehen möge. Alle Gäste dieses Essens kommen dann innerhalb des nächsten Wochen wiederholt zur Familie nach hause, um ihnen Gesellschaft zu leisten. In den ersten Tagen werden nur Zigaretten angeboten, später gibt es Kaffee und Raki. Im Gegenzug lassen die Gäste Geld bei der Familie, um sie finanziell zu unterstürzen. Nach einer Woche fahren die engsten Freunde und die Familie wieder zum Grab und es gibt ein weiteres Mittagessen. Ebenso nach einem Monat. Und nach einem Jahr. Bei diesem Essen nach einer Woche war auch ich anwesend. „Shtatat – der Siebte“ heißt dieser Tag. Wir hatten einen Bus gemietet, mit dem alle zum Friedhof fuhren. Dort legte jeder eine Blume auf dem Grab nieder und streichelte und küsste den Grabstein und das Photo. Auf dem Friedhof in Elbasan liegen Christen und Moslems gemeinsam begraben, nur durch einen Weg getrennt.

In meiner Vorstellung war diese große Anzahl an Traditionen und Regeln sehr anstrengend für die Familie. Allerdings fängt es sie auf und lässt sie nicht alleine. Die Trauer wird ein Stück weit auf die ganze Stadt verteilt, so dass der Einzelne nicht so viel alleine zu tragen hat. Aber wenn der ganze Spuk dann irgendwann vorbei ist, muss man wohl doch selbst mit dem neuen Leben klar kommen.

Liebe Worte

Es gibt einen Ausdruck im Albanischen, den ich so wunderschön finde, dass ich ihn hier gesondert erwähnen will. Er heißt „te keqe“ und bedeutet so viel wie „ich nehme alles Schlechte, was Dir widerfahren könnte, auf mich“. Das sagt man zu Menschen, die man liebt, Menschen, die man unbedingt vor Unheil schützen will. Ich finde das wunderschön.

Wo stecken nur die albanischen Hippies?

Wie viele von Euch inzwischen wohl wissen, litt Albanien bis 1991 an einem der grausamsten kommunistischen Regime in Osteuropa. Die Bevölkerung wurde vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Für den persönlichen Erfolg innerhalb des Systems waren die Parteitreue und die absolute Liebe zum Diktator Enver Hoxha entscheidend. Allerdings nicht nur die Eigene, sondern diejenige der gesamten Familie. War nur ein einziges Familienmitglied als systemkritisch aufgefallen, so wurde die gesamte Familie von der Gesellschaft ausgegrenzt und eine berufliche Karriere erschwert oder gar unmöglich gemacht.

Häufig habe ich mich schon gefragt, was diejenigen Familien, die heute als „schon immer gute Familien“ bezeichnet werden, denn früher für eine Stellung und politische Position innehatten. Die Familie in deren Haus ich wohne hatte zum Beispiel stets Lehrer, Professoren und sogar den Leiter des Theaters in Elbasan als Mitglieder. Wo immer in Elbasan ich deren Namen erwähne wird betont, welch eine gute, kultivierte Familie das doch sei. Ich musste dabei allerdings häufig an Deutschland nach dem 2. Weltkrieg denken, als die führende Schicht unter Hitler einfach die Fahnen abhängte und – bis auf die aller obersten Köpfe – weiter an der Macht blieb. Es bedurfte der 68-Generation, um mit dem alten Mief aufzuräumen.

Bis auf ausweichende Floskeln erhielt ich in Albanien auf diese Frage keine Antwort. Bis ein bekannter albanischer Regisseur, den zu kennen ich die große Ehre habe, nach einigen Raki plötzlich zu erzählen begann. „Wie wurdest Du Ende der 80er Regisseur am Theater in Elbasan?“ hatte ich ihn einmal gefragt. „Ich spreche nicht gerne über Kulturarbeit während des Kommunismus“, war die Antwort. „Das Ganze war eine Katastrophe. Nur ganz bestimmte Autoren waren zugelassen und nur ganz bestimmte Schauspieler und Regisseure hatten eine Chance. Zensur überall und in jeder Hinsicht. Der erste Kuss im albanischen Kino war 1995 zu sehen.“

Vor einigen Tagen explodierte er dann ganz unerwartet, als er den Namen meines Vermieters aus meinem Munde hörte. „Dieser Scheißkerl, wie der mich heute begrüßt und freundlich tut. Damals als ich ganz jung von der Schauspielschule kam, mit den besten Noten und voller Enthusiasmus, hatte er nur einen Satz für mich: Du hast ein Problem. Wie er das sagte, Du hast ein Problem. Ohne Bedauern, ohne Mitleid, sondern mit Genugtuung und Schadenfreude. Und was war mein Problem? Dass einer meiner Onkel Ende der 40er Jahre mit 16 Jahren ins Meer gesprungen und nach Griechenland geschwommen war. Geflohen war, und sich in Amerika ein gutes Leben aufgebaut hatte. Deshalb wurde mir der Posten als Leiter der Filmakademie in Tirana wieder abgesprochen und es dauerte bis nach dem Tode des Diktators, dass ich als Regisseur in Albanien Fuß fassen konnte. Und heute? Heute lieben sie mich alle und wollen immer meine Freunde gewesen sein. Die Schweine!“

Damit war der Ausbruch wieder zu Ende. Ich denke ich habe aber einen kleinen Eindruck davon bekommen, was in dieser Gesellschaft unter der Oberfläche noch so alles schlummert. Bin gespannt, wann Albaniens 68-er erwachen werden.

Sonntag, 27. April 2008

Schon wieder Ostern?

In diesem Land voller Religionen tauchen immer wieder unverhofft die verschiedensten religiösen Feiertage auf. So auch dieses Wochenende. Es war Ostern. Ostern? Schon wieder? Bin ich senil, oder hatten wir nicht schon Ostern? Ich erinnere mich an eine Szene in Shkodra, im katholischen Norden Albaniens, im März diesen Jahres. Wir besichtigten eine Kathedrale und die halbe Stadt kam mit Körben voller Brot und Eiern und ließ diese vom Pfarrer segnen. Später brachte uns dann ein muslimischer Kellner zur Mitternachtsmesse in eine kleine Dorfkirche, wo wir uns die letzte Reihe mit der flirtenden Dorfjugend teilten. Warum also schon wieder?

Ach so, orthodoxes Ostern!

Eine gute Freundin nahm mich für dieses besondere Ereignis mit nach Hause zu ihren Eltern nach Korca, einer Stadt im Südosten Albaniens. Geweckt wurde ich am Samstagmorgen vom blöken eines Lammes im Vorgarten. Oh wie süß, war mein erster Gedanke. Oh nein, mein Zweiter. Als wir beim Frühstück saßen war es dann soweit. Der Nachbar – ein renommierter Archäologieprofessor – kam mit dem Schlachtermesser. Wollt Ihr Details? Also für mich war es das erste Mal, dass ich eine Schlachtung von vorne bis hinten miterlebt habe. Ich will jetzt nicht zum Moralapostel werden, aber ich denke wir sollten Fleisch doch ein wenig mehr wertschätzen, wenn wir es zu essen bekommen. Ich erinnere mich an die „Meine Freunde esse ich nicht“-Phase meiner kleinen Schwester, vor vielen Jahren. Diese Phase hab ich als die Große damals eher belächelt. Aber ein wenig Recht hat sie wohl gehabt.

Nach diesem etwas anderen Frühstück ging es auf den Markt, letzte Zutaten für die Nachspeise besorgen. Und zur Kathedrale, um die langen Kerzen für den Abend zu besorgen.

Am Nachmittag gab es Ostersuppe zu essen. Suppe aus den Innereien des geschlachteten Lamms. Am Freitagabend hatte es Bohnen gegeben. Denn Fleisch wird – wie bei uns ja eigentlich auch – erst wieder am Sonntag gegessen. Nach der Suppe ein kurzer Besuch beim Bäcker um zu sehen, ob das Lamm schon gebraten ist. Beim Bäcker? Als wir dort ankamen traute ich meinen Augen nicht. Die gesamte Backstube war voller Bleche mit Lamm, umfunktioniert zur Lammbraterei. Auf unsere Frage nach unserem Lamm lächelte der Bäcker nur müde und blicke sich in der Back/Bratereistube um. Frühestens um Mitternacht, war sein einziger Kommentar. Auf dem Heimweg ärgerte sich der Vater meiner Freundin: Ich hätte das Lamm doch zum Bäcker im muslimischen Viertel bringen können. Die feiern kein Ostern, da wäre es schneller gegangen.

Die Zeit bis Mitternacht verbrachten wir mit Big Brother Albania. Nicht weiter erwähnenswert, derselbe Mist wie bei uns. Dass Globalisierung hauptsächlich zur Verbreitung von solchen Unnötigkeiten wie Big Brother, Coca Cola und McDonalds führt ist doch irgendwie ärgerlich. Es könnten schließlich auch Ayvar und Kajmak, bayerische Knödel und „Von mir aus“ von Juan Moreno verbreitet werden. Naja, anderes Thema.

Um Mitternacht traf sich die orthodoxe Gemeinde von Korca vor der Kathedrale, jeder mit einer langen Kerze und einem hart gekochten roten Ei bewaffnet. Der Priester jubelte „Christ ist auferstanden“. Daraufhin wurde das Feuer von der Kirche aus an alle Kerzen weitergegeben und die Menschen begrüßten sich mit „Christ ist auferstanden“ – „In der Tat, er ist auferstanden!“. Da dieser Satz auf Albanisch ziemlich schwierig ist, sagte ich einfach nur Frohe Ostern. Gezuar Pashket! Außerdem kam es zum Eierkampf: Jeder muss sein Ei (das Rote, hart Gekochte) gegen das seines Nachbarn knallen – das schwächere Ei wird abgegeben, bis nur ein Sieger übrig bleibt. Den Sieger bekam ich geschenkt.

Anschließend brachte jede Familie mit dem Licht der Kerzen den Segen Christi nach Hause. Ich fühlte mich wie beim ersten Sankt Martins Umzug. Ich starrte nur auf meine Kerze und achtete darauf, dass sie nicht ausging. Als wir ankamen merkte ich, dass meine Hose und Jacke voller Wachs und meine Schuhe voller Schlamm waren. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Albanien hatte ich beim Gehen nicht auf die Straße geachtet. Beim Eintreten durchs Gartentor machte jeder mit seiner Kerze ein schwarzes Wachskreuz an den Türbalken. Und die Kerzen wurden kurz ins Auto gehalten – sicher ist sicher. Danach war Weggehen und Tanzen angesagt. Meine Freundin und ich erhielten das Ehebett zum Schlafen, während Mama, Papa und Oma auf dem Sofa nächtigten.

Am Sonntag war schließlich großer Familientag. Ein kurzer Ausflug in die Kirche und anschließend Besuch empfangen. Wo man so viele Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen herzaubern kann weiß ich auch nicht, aber es geht wohl. Einer nach dem anderen kam. Jeder wurde zunächst an der Tür mit 4 Küssen und dem bekannten „Christ ist auferstanden“ – „In der Tat, er ist auferstanden!“ begrüßt. Sobald die Gäste sitzen werden sie noch einmal auf dieselbe Art begrüßt und erhalten ein Bonbon, eine Praline oder etwas ähnliches des Hauses angeboten. Das ist ganz traditionelle albanische Begrüßungsweise. Zu Ostern erhält dann aber jeder noch zusätzlich ein rot gefärbtes Ei überreicht. Die Gäste bringen für die Familie jeweils auch ein Ei mit, so dass sich die Wohnküche für kurze Zeit in eine bunte Eiertauschbörse verwandelt. Anschließend wurde noch Raki bzw. Cola angeboten und schon ging es weiter, zur nächsten Tauschbörse. Am interessantesten fand ich dabei das Gespräch über meine Person. Begrüßt wurde ich planmäßig mit zwei Küsschen (die Anzahl der Küsse, links-rechts, drückt die Enge der Beziehung zwischen den Personen aus). Anschließend wurde dann halblaut inquiriert: Wer ist denn dieses Mädchen? Aha, Ausländerin. Und was arbeitet sie? Und hat sie Eltern? Hat sie einen Bruder? Ach, nur Schwestern. Und wo wohnt Sie? Und wie gefällt ihr Albanien?… Auch auf den Kommentar hin, dass ich gut Albanisch spreche, wurde weiterhin die eigene Familie befragt. Erst nach zehnminütigem Dauerlächeln meinerseits war soweit Vertrauen gefasst, dass dieselben Fragen nun auch an mich gestellt werden konnten. Wer ist bist Du denn? Aha, Ausländerin. Und was arbeitest Du? Und Deine Eltern? Hast Du einen Bruder? Ach, nur Schwestern. Und wo wohnst Du? Und wie gefällt Dir Albanien?… Begleitet wurde dieses Gespräch jeweils von dem Kommentar, dass ich ausgezeichnet Albanisch gelernt hätte. In einem halben Jahr? Unglaublich! Mrekulli! Aber wenn man bedenkt, dass ich seit einem halben Jahr dieselben 10 Fragen beantworte… J Die einzige neue Frage von der faszinierenden 87 Großmutter war die nach meiner Großmutter. Schöne Grüße an sie, wenn Du nach Hause kommst, sagte sie. Zu sagen, dass meine Großmutter im Altenheim lebt, hatte ich bei all der Familienseligkeit nicht den Mut.

Sonstiges? Ich erhielt großes Lob für meine bosnischen Wollsocken. Bei Ankunft und Abschied jedes Besuchs wurde aufgestanden. Zuerst wurde die Großmutter begrüßt, dann der Herr des Hauses. Die Söhne erhielten von der Großmutter jeweils 50 Euro und bedankten sich mit traditionell muslimischem (glaube ich) Handkuss und Berühren der Stirn durch die Handfläche. Auch für das ungeborene Baby der hochschwangeren Schwägerin wurde eine Kerze mit nach Hause getragen.

Klang irgendetwas von meiner Geschichte ironisch? Sollte es jedenfalls nicht! Es war ein wunderbar bezauberndes Osterfest. Und ich bin immer wieder begeistert, wie herzlich man hier auf dem Balkan von Familien aufgenommen und problemlos Teil solch wichtiger Familienfeiern werden kann.

Für meine Heimfahrt wurde auch ich mit bunten Eiern versorgt und mit Osterbrot, in das in der Mitte ein Ei eingebacken ist. Rruge te mbare – Gute Reise und vergiss nicht bald wieder zu kommen!

Mittwoch, 23. April 2008

Im albanischen Fitnessstudio

Also die Ansage, dass ich jeden Monat etwas für den Blog schreiben würde, habe ich wohl nicht so ganz eingehalten. Eigentlich sehr schade, denn je weniger Zeit ich habe um zu schreiben, desto mehr habe ich erlebt, was ich berichten könnte. Naja, nennen wir diesen Blog also vielleicht allgemein den „Abschied vom Winter“ - Blog. In der Hoffnung, dass es hier endlich zu regnen auffhört...

Wer mich auch nur ein bisschen kennt weiß – oder kann ahnen – dass mir Fitnessstudios eigentlich zu blöd sind. Warum soll man wie ein Idiot auf einem Laufband rumrennen und auf einen Fernsehbildschirm starren, wenn man doch so schön draußen an der blauen Donau entlang joggen und die Natur genießen kann?

Naja, leider gibt es hier keine schöne blaue Donau und die Männer hier genießen es mir zu sehr, wenn ich an ihnen vorbei jogge. Außerdem ist mal wieder genau das eingetreten, was eine gute Freundin von mir vor vielen Jahren prophezeit hatte: „Charlie, im Ausland nimmt man immer zu.“ Da hilft kein Joggen, kein Rennrad, ja nicht einmal richtiger Liebeskummer – zugenommen habe ich trotzdem. Und dem muss Abhilfe geschaffen werden! So bin ich nun seit Ende März Mitglied in einem Fitnessstudio. Nur für Frauen, versteht sich.

Der Raum hat 2 Mal am Tag für je 1,5 Stunden geöffnet und man darf drei Mal die Woche kommen. Die Leiterin macht sich Sorgen, dass wir uns sonst überanstrengen. Durch die Eingangstür geht es auf einer schmalen Wendeltreppe hinauf in den ersten Stock, wo der Sportraum ist. Der Eingang ist nicht einmal einen halben Meter breit. Jedes Mal wieder stehe ich mit meinem Rucksack wieder vor der Frage: wie komme ich am besten durch diese Tür? Sowohl seitlich als auch frontal ist es ein Gedränge. Zudem mache ich mir Sorgen – wenn ich oben viel Bodybuilding mache, komme ich vielleicht gar nicht mehr nach draußen. Beim Schreiben fällt mir allerdings gerade ein: vielleicht soll die Tür eine Vorauswahl an möglichen Besuchern treffen. Wer nicht durch die Tür passt, darf auch nicht ins Fitnessstudio. Gar nicht dumm…

Angefangen wird immer mit gemeinsamem Aerobic oder Taiboe, eine Stunde, danach darf jeder für sich noch eine halbe Stunde die Geräte benutzen. Außer mir kommen noch zwei andere Ausländerinnen, zwei junge Frauen aus der Türkei, deren Männer hier im Stahlwerk arbeiten. Sie sind Muslime, legen für unsere Fitnessstunde ihr Kopftuch ab, sporteln, und legen es dann zum Heimweg wieder an. Sehr interessant… Ansonsten genießen wir die volle Aufmerksamkeit der einheimischen Sportlerinnen. Naja, Sportlerinnen ist übertrieben. Zu 98% handelt es sich um mittel bis ziemlich überwichtige Hausfrauen um die 45 (Was die Theorie mit der Tür widerlegt – aber wie kommen die nur durch die Tür? Muss mich mal auf die Lauer legen…). Meinen Namen kennen alle – beim ersten Mal wurde ich gelobt, weil ich so schöne Sit-ups mache. Heute diskutierte die ganze Bande über die Tatsache, dass ich mit 26 noch nicht verlobt bin. Habe ein bisschen Angst, was die Muttis mir zukünftig so für Angebote unterbreiten werden. Ist ein guter Heiratsmarkt, dieses Fitnessstudio, glaube ich.

Außerdem kriegt man allerhand nützliche Tipps. Als wir heute durchs halbe Aerobicprogramm durch waren, kam die Frage: Was esst Ihr eigentlich heute zu Abendessen? Anschließend wurden die verschiedenen Ideen diskutiert, bis die Lehrerin brüllte, jeder von uns dürfe 5 Tomaten und 2 kleine Gurken essen. Sonst nichts. Und keine Torte! Das sagt sie mit Blick zu einer der eher ziemlich dicken Muttis, die verschämt Grinste. Ich war natürlich sehr glücklich über diesen guten Ratschlag. Allerdings auch etwas genervt, da ich wieder völlig abgekühlt war, bis die Essensdiskussion zu Ende war.

So stupide wie angenommen ist das Ganze allerdings keinesfalls. Schließlich gibt es keinen Fernseher, auf den man starren muss. Und das Laufband gibt nach 4 Minuten spätestens wegen Überhitzung auf. Man muss dann pausieren und Wasser unter das Laufband spritzen, damit es weitergehen kann. Ziemlich abwechslungsreich eigentlich, so ein Fitnessstudio.

Eine Ode an die Freunde



Grundsätzlich bemühe ich mich sehr, möglichst lockere und witzige Geschichten auf dieser Seite zum Besten zu geben. Daher sei es mir verziehen, wenn ich an dieser Stelle ein wenig emotional werde. Die letzten paar Tage war ich ein bisschen traurig – man könnte sogar von Heimweh sprechen, einem Gefühl, das mir normalerweise relativ unbekannt ist. Faszinierend war es daher zu erfahren, wie sensibel die Fühler von vier ehemaligen Psychologiestudenten negative Gefühle aus Albanien empfangen können. Innerhalb von 2 Tagen bekam ich drei Anrufe und eine wunderschöne Email aus Regenburg, Norwegen und München – als hätten sie einfach gespürt, dass ich das gerade mehr brauche als alles andere. Ich wollte einfach mal Danke dafür sagen – Ihr seid einfach der Wahnsinn, Ihr vier! Und alle anderen natürlich auch, die Briefe schicken oder anrufen oder einfach nur diesen Blog lesen und an mich denken…

Aus dem Leben des blauen Rennrades

Meinen treuesten Begleiter hier vor Ort habt Ihr ja schon kennen gelernt. Das alte blaue Rennrad. Wobei ganz so alt sieht es momentan nun wirklich nicht mehr aus. Wir beiden hatten ein ganz wunderbares interkulturelles Erlebnis. Man kann sagen, der Winter hat meinen Freund ganz schön mitgenommen. Wir waren daher auf der Suche nach einem Beautysalon. Für Fahrräder versteht sich. Ich glaube mich zu erinnern, dass man so etwas Werkstatt nennt. Der Beautysalon vom letzten Herbst war seit Tagen geschlossen und wir wussten nicht wohin. Keine Luft in den Reifen, schlechte Bremsen und die Gangschaltung außer Betrieb. Wenn ich’s mir Recht überlege sollte ich wohl eher von Intensivstation als von Beautysalon sprechen. Kritischer Zustand. Rote Warnlampe.

Kurz vor dem Koma, machte die Werkstatt dann plötzlich wieder auf. Wir also Vollbremsung hingelegt (mit meinen Turnschuhen) und höflich nach ein bisschen Luft gefragt. Dann war geplant einen Termin auszumachen, für die restlichen Operationen. Dass man manche deutsche Angewohnheiten einfach nicht los wird! Beim Wort Termin zuckte der Werkstattmensch nur verwirrt mit den Schultern und holte sein Werkzeug heraus. Innerhalb von 4,5 Minuten reparierte er dann die Gangschaltung, tauschte die Bremsblöcke aus und – mit einem kritischen Kopfschütteln – ölte die Kette. Macht 150 Leke, 1,20 Euro. Wie unkompliziert das Leben doch manchmal sein kann.

Ein neues Schloss kauften wir zur Feier des Tages dann auch noch. Beim alten war nach 2 Tagen der Schlüssel im Schloss abgebrochen, so dass es sich zwar noch öffnen und schließen, der Schlüssel aber nicht mehr abziehen ließ. Was die Sinnhaftichkeit eines Schlosses wohl grundsätzlich in Frage stellt. Das Neue ist leider auch schon wieder kaputt, es ließ sich nach 2 Wochen nicht mehr öffnen. Da das Fahrrad zu dem Zeitpunkt leider abgeschlossen war bat ich einen freundlichen Cafebesitzer um Hilfe. In Null Komma Nichts hatte er einen Bolzenschneider zur Hand und öffnete mein Schloss. Was die Sinnhaftigkeit eines Schlosses ein zweites Mal in Frage stellt. Und zudem die Ehrlichkeit der Albaner betont.

Jetzt reisen wir ohne Schloss. Angst habe ich um meinen blauen Freund hier eindeutig weniger als ich in Deutschland hätte. Aber deutsche Markenqualität bekommt doch erstmals eine Bedeutung für mich.

Dienstag, 26. Februar 2008

pavaresine e kosoves


Der Kosovo hat sich also für unabhängig erklärt. Da liegt der Gedanke ja nahe, dass dies Auswirkungen auf Albanien hat. Beziehungsweise bietet sich zumindest die Frage an, was am 17. Februar denn hier so los war. Leider muss ich alle enttäuschen, die auf Insiderinformationen von mir gehofft hatten. Denn am besagten Sonntag war ich gerade in Bosnien. Dort haben wir alle gespannt eine Viertel Stunde Nachrichten gesehen. Es wurde gezeigt – was die ganze Welt gesehen hat – wie die Albaner im Kosovo feiern. Feiern? Komisch, aber ich habe wirklich überhaupt nicht daran gedacht, dass gefeiert werden würde. Alle hatten ja mehr oder weniger Angst, dass es Unruhen geben würde, aber von Feiern war keine Rede. Aber eigentlich logisch, dass gefeiert wird.

In Bosnien wurde dann kurz gescherzt, ob jetzt wieder Krieg ausbrechen würde, auf dem Balkan, und dann umgeschaltet, auf „Ein Schweinchen namens Babe“ (an dieser Stelle seien „lalala“ meine Schwestern gegrüßt). Wobei so ein bisschen Angst denke ich schon in diesen Scherzen mitschwingt.

Als ich dann zurück in Elbasan die Menschen nach dem Kosovo fragte, zeigten die meisten eigentlich keinerlei Interesse. Ob sie schön gefeiert hätten? Hä, warum gefeiert? Das ist doch nicht unser Problem! Aber einige kleine Zeichen der Freude gibt es doch: In Tirana sollen die Menschen sich die Nacht um die Ohren geschlagen haben (aber in Tirana passiert so einiges, wovon die Elbasaner immer nur hören). In Elbasan schmücken zumindest zahlreiche albanische Fahnen die Straßen und ein Banner der Stadt „Gezuar pavaresine e Kosoves – Glückwunsch zur Unabhängigkeit des Kosovo!“ hängt quer über der Hauptstrasse. Und einer meiner Studenten hat heute während meines gesamten Unterrichts seinen neuesten Ohrwurm zum Besten geben: „Oh Jahr 2008, wie lange haben wir auf Dich gewartet…“ oder so ähnlich. Ein Lied, das ein albanischer Sänger für die Unabhängigkeit des Kosovo geschrieben hat. Ein paar Leute freuen sich also doch. Und ein bisschen Unruhe gibt es auch zu berichten. Wenigstens heute aus meinem Unterricht.

„Zusatzstudium interkulturelle Handlungskompetenz“

so hieß die Lizenz zum interkulturelle Fettnäpfchen töten, die ich an der Universität Regensburg erworben habe. Glückwunsch! Und Glückwunsch zum ersten großen Fettnäpfchen in Albanien: Ich war mit zwei Freundinnen übers Wochenende nach Ohrid in Mazedonien gefahren. Mädchenwochenende – ganz untypisch für mich. Den Verlobten wurde gesagt, ich hätte eine Konferenz und die Mädchen machten sich Sorgen, mich alleine fahren zu lassen. Wir durften also los.

Die erste Hürde, an der wir gleich scheiterten, war der Pass einer der beiden. Zuhause vergessen. Also erst einmal ab ins Kaff zu den Eltern, um den Pass zu holen. Eine Stunde in westlicher Richtung. Mazedonien liegt im Osten.

Die zweite Hürde stellte dann gleich die Grenze dar. Wir hatten beschlossen zu probieren ob wir mein Auto, von dem ich leider nur kopierte Dokumente habe, durch die Kontrollen bringen. Leider waren an der albanischen Grenze zunächst 70.- Euro zu bezahlen. Warum? Weil man nur 3 Monate für 1 Euro mit einem ausländischen Kennzeichen in Albanien sein darf. Danach zahlt man 1 Euro pro Tag. Mensch, ich habe die Mädels noch nie so flirten gesehen! Wir machten die Bekanntschaft sämtlicher Grenzbeamten, bei dem Versuch nicht bezahlen zu müssen. „Aber das hat uns keiner gesagt“, „Aber wir haben nicht so viel Geld“, „Aber wir haben uns doch so hübsch gemacht, für dieses Wochenende“… Zwecklos. Einer der Polizisten zeigte mir ein hübsch aufgehängtes Schild auf dem in albanischer Sprache eben seine Sätze zu lesen waren. Das hätte ich doch wohl bei der Einreise gesehen, oder?! Na vielen Dank.

Schließlich wurde vermittelt – es gab nämlich einen Grenzbeamten aus Elbasan, der ja vielleicht eine der Familien der Mädchen kennt und uns daher… kannte er aber leider nicht und blieb daher unbeeindruckt. Zwei Stunden später zahlten wir also, fuhren über die Grenze, nur um dann zu erfahren, dass wir mit unseren Kopien nicht nach Mazedonien einreisen dürfen. „Aber…“ wollten wir ansetzen. Da kam die gnadenlose Antwort: „Wir sind hier in Mazedonien, da laufen die Dinge nicht so wie bei Euch da drüben. Hier heißt nein: NEIN.“ Das Auto ließen wir also stehen und riefen uns ein Taxi bis Ohrid.

So weit, so gut.

Die Taschen wurden im Hotel abgestellt und los ging’s in die Stadt. Ich mit Wanderschuhen und Reiseführer, die Mädels mit Stöckelschuhen und Handtäschchen. Es wurde schon bei dem Versuch die ersten paar Geschäfte zu passieren – gerade waren wir noch ins Gespräch vertieft, da waren meine beiden Hübschen auch schon hinter Bergen von Schuhen verschwunden – klar, dass sich unsere Wege trennen mussten. Die beiden gingen also Schoppen und ich Sightseeing. Ohrid hat ganz wundervolle Kirchen, Fresken, Ausgrabungsstätten usw. Nach zwei Stunden trafen wir uns wieder. Ich beglückt von der Sonne, den schönen Kirchen und dem Blick auf den See, die beiden gebeugt von vielen Tüten und mit schmerzenden Füssen. Zeit zum Abendessen. Nur: „Charlotte, wir haben unser ganzes Geld ausgegeben, vielleicht kannst Du uns etwas leihen? Für die Übernachtung und für das Essen?“ Kein Problem.

Ich half also Tüten tragen, wegen der Blasen, und bezahlte das Abendessen. Dann photographierte ich die beiden kichernden Damen vor ca. 1500 verschiedenen Örtlichkeiten in Ohrid. Überall dort, wo sie „Oh Charlotte, hier ein Photo von uns, es ist soo schön!“ riefen. So eine Digitalkamera hat doch etwas Gutes! Später bezahlte ich noch die Drinks in der Disko und trug die Eine der Schönen ein stückweit Huckepack nach hause. Sie konnte mit diesen elenden Stöckeln wirklich nicht mehr gehen!

Warum kam ich mir nur so vor, als wäre ich in die unangenehme Rolle eines Mannes gerutscht? Wie schwer ihr es mit uns habt, war mir nie so bewusst…

Nächster Morgen, Zeit zur Rückkehr nach Albanien. Aber vorher noch kurz in die Stadt zum Frühstück und… na, erraten, Einkaufen. „Gib mir doch noch mal 20 Euro, Charlotte“ bekam ich zu hören. Und da platzte mir endgültig der Kragen. „Wie wäre es denn mal mit einem Bitte oder Danke oder Ist das in Ordnung?!“. Immer dieses ewige Gib mal… ich bin doch nicht ihr Macker, krieg ja nicht mal Sex für diese ganzen Schikanen.

Obwohl meine Frage vorsichtig und nett formuliert war, sah meine Freundin mich einen Moment schockiert an, dann rannte sie nach draußen. Da fand ich sie dann, weinend vor dem Laden. Oh je! Als ich mich entschuldigte und fragte, was denn so schlimm gewesen sei sagte sie „Ich dachte wir seien Freundinnen. So ein schönes Wochenende haben wir miteinander verbracht. Und jetzt willst Du von mir diese ganzen höflichen Floskeln, die man hier nur mit fremden Personen benutzt. Das macht mich sehr traurig.“


Hui. Und jetzt?! Ich versuchte zu erklären, dass es für mich selbstverständlich ist auch zu engsten Freunden Bitte und Danke zu sagen und ich mich ausgenutzt fühlte, wenn man so herrisch mit mir redet. Aber so richtig verstehen konnte sie mich nicht. Und ich fühlte mich nach dem ganzen Wochenende trotzdem etwas ausgenutzt.

Als wir wenig später wieder an der Grenze waren lachten wir zusammen wie die Irren über die Diskussion des Vortages mit den Grenzbeamten und waren schnell wieder versöhnt. Und als ich kürzlich nach 3 Wochen Urlaub zurück nach Elbasan kam wurde ich mit dem größten Blumenstrauß den ich JEMALS bekommen habe empfangen. „Charlotte, wenn ich bald zum Studieren nach Deutschland gehe, muss ich dann zu allen Leuten immer Bitte und Danke sagen, so wie Du?!“ hat mich die Eine kürzlich gefragt.

Wir sind wirklich Freundinnen geworden. Auch wenn ich dennoch nicht der Liebhaber eines albanischen Mädchens sein möchte. Mensch, sind die anstrengend!