Dienstag, 26. Februar 2008

pavaresine e kosoves


Der Kosovo hat sich also für unabhängig erklärt. Da liegt der Gedanke ja nahe, dass dies Auswirkungen auf Albanien hat. Beziehungsweise bietet sich zumindest die Frage an, was am 17. Februar denn hier so los war. Leider muss ich alle enttäuschen, die auf Insiderinformationen von mir gehofft hatten. Denn am besagten Sonntag war ich gerade in Bosnien. Dort haben wir alle gespannt eine Viertel Stunde Nachrichten gesehen. Es wurde gezeigt – was die ganze Welt gesehen hat – wie die Albaner im Kosovo feiern. Feiern? Komisch, aber ich habe wirklich überhaupt nicht daran gedacht, dass gefeiert werden würde. Alle hatten ja mehr oder weniger Angst, dass es Unruhen geben würde, aber von Feiern war keine Rede. Aber eigentlich logisch, dass gefeiert wird.

In Bosnien wurde dann kurz gescherzt, ob jetzt wieder Krieg ausbrechen würde, auf dem Balkan, und dann umgeschaltet, auf „Ein Schweinchen namens Babe“ (an dieser Stelle seien „lalala“ meine Schwestern gegrüßt). Wobei so ein bisschen Angst denke ich schon in diesen Scherzen mitschwingt.

Als ich dann zurück in Elbasan die Menschen nach dem Kosovo fragte, zeigten die meisten eigentlich keinerlei Interesse. Ob sie schön gefeiert hätten? Hä, warum gefeiert? Das ist doch nicht unser Problem! Aber einige kleine Zeichen der Freude gibt es doch: In Tirana sollen die Menschen sich die Nacht um die Ohren geschlagen haben (aber in Tirana passiert so einiges, wovon die Elbasaner immer nur hören). In Elbasan schmücken zumindest zahlreiche albanische Fahnen die Straßen und ein Banner der Stadt „Gezuar pavaresine e Kosoves – Glückwunsch zur Unabhängigkeit des Kosovo!“ hängt quer über der Hauptstrasse. Und einer meiner Studenten hat heute während meines gesamten Unterrichts seinen neuesten Ohrwurm zum Besten geben: „Oh Jahr 2008, wie lange haben wir auf Dich gewartet…“ oder so ähnlich. Ein Lied, das ein albanischer Sänger für die Unabhängigkeit des Kosovo geschrieben hat. Ein paar Leute freuen sich also doch. Und ein bisschen Unruhe gibt es auch zu berichten. Wenigstens heute aus meinem Unterricht.

„Zusatzstudium interkulturelle Handlungskompetenz“

so hieß die Lizenz zum interkulturelle Fettnäpfchen töten, die ich an der Universität Regensburg erworben habe. Glückwunsch! Und Glückwunsch zum ersten großen Fettnäpfchen in Albanien: Ich war mit zwei Freundinnen übers Wochenende nach Ohrid in Mazedonien gefahren. Mädchenwochenende – ganz untypisch für mich. Den Verlobten wurde gesagt, ich hätte eine Konferenz und die Mädchen machten sich Sorgen, mich alleine fahren zu lassen. Wir durften also los.

Die erste Hürde, an der wir gleich scheiterten, war der Pass einer der beiden. Zuhause vergessen. Also erst einmal ab ins Kaff zu den Eltern, um den Pass zu holen. Eine Stunde in westlicher Richtung. Mazedonien liegt im Osten.

Die zweite Hürde stellte dann gleich die Grenze dar. Wir hatten beschlossen zu probieren ob wir mein Auto, von dem ich leider nur kopierte Dokumente habe, durch die Kontrollen bringen. Leider waren an der albanischen Grenze zunächst 70.- Euro zu bezahlen. Warum? Weil man nur 3 Monate für 1 Euro mit einem ausländischen Kennzeichen in Albanien sein darf. Danach zahlt man 1 Euro pro Tag. Mensch, ich habe die Mädels noch nie so flirten gesehen! Wir machten die Bekanntschaft sämtlicher Grenzbeamten, bei dem Versuch nicht bezahlen zu müssen. „Aber das hat uns keiner gesagt“, „Aber wir haben nicht so viel Geld“, „Aber wir haben uns doch so hübsch gemacht, für dieses Wochenende“… Zwecklos. Einer der Polizisten zeigte mir ein hübsch aufgehängtes Schild auf dem in albanischer Sprache eben seine Sätze zu lesen waren. Das hätte ich doch wohl bei der Einreise gesehen, oder?! Na vielen Dank.

Schließlich wurde vermittelt – es gab nämlich einen Grenzbeamten aus Elbasan, der ja vielleicht eine der Familien der Mädchen kennt und uns daher… kannte er aber leider nicht und blieb daher unbeeindruckt. Zwei Stunden später zahlten wir also, fuhren über die Grenze, nur um dann zu erfahren, dass wir mit unseren Kopien nicht nach Mazedonien einreisen dürfen. „Aber…“ wollten wir ansetzen. Da kam die gnadenlose Antwort: „Wir sind hier in Mazedonien, da laufen die Dinge nicht so wie bei Euch da drüben. Hier heißt nein: NEIN.“ Das Auto ließen wir also stehen und riefen uns ein Taxi bis Ohrid.

So weit, so gut.

Die Taschen wurden im Hotel abgestellt und los ging’s in die Stadt. Ich mit Wanderschuhen und Reiseführer, die Mädels mit Stöckelschuhen und Handtäschchen. Es wurde schon bei dem Versuch die ersten paar Geschäfte zu passieren – gerade waren wir noch ins Gespräch vertieft, da waren meine beiden Hübschen auch schon hinter Bergen von Schuhen verschwunden – klar, dass sich unsere Wege trennen mussten. Die beiden gingen also Schoppen und ich Sightseeing. Ohrid hat ganz wundervolle Kirchen, Fresken, Ausgrabungsstätten usw. Nach zwei Stunden trafen wir uns wieder. Ich beglückt von der Sonne, den schönen Kirchen und dem Blick auf den See, die beiden gebeugt von vielen Tüten und mit schmerzenden Füssen. Zeit zum Abendessen. Nur: „Charlotte, wir haben unser ganzes Geld ausgegeben, vielleicht kannst Du uns etwas leihen? Für die Übernachtung und für das Essen?“ Kein Problem.

Ich half also Tüten tragen, wegen der Blasen, und bezahlte das Abendessen. Dann photographierte ich die beiden kichernden Damen vor ca. 1500 verschiedenen Örtlichkeiten in Ohrid. Überall dort, wo sie „Oh Charlotte, hier ein Photo von uns, es ist soo schön!“ riefen. So eine Digitalkamera hat doch etwas Gutes! Später bezahlte ich noch die Drinks in der Disko und trug die Eine der Schönen ein stückweit Huckepack nach hause. Sie konnte mit diesen elenden Stöckeln wirklich nicht mehr gehen!

Warum kam ich mir nur so vor, als wäre ich in die unangenehme Rolle eines Mannes gerutscht? Wie schwer ihr es mit uns habt, war mir nie so bewusst…

Nächster Morgen, Zeit zur Rückkehr nach Albanien. Aber vorher noch kurz in die Stadt zum Frühstück und… na, erraten, Einkaufen. „Gib mir doch noch mal 20 Euro, Charlotte“ bekam ich zu hören. Und da platzte mir endgültig der Kragen. „Wie wäre es denn mal mit einem Bitte oder Danke oder Ist das in Ordnung?!“. Immer dieses ewige Gib mal… ich bin doch nicht ihr Macker, krieg ja nicht mal Sex für diese ganzen Schikanen.

Obwohl meine Frage vorsichtig und nett formuliert war, sah meine Freundin mich einen Moment schockiert an, dann rannte sie nach draußen. Da fand ich sie dann, weinend vor dem Laden. Oh je! Als ich mich entschuldigte und fragte, was denn so schlimm gewesen sei sagte sie „Ich dachte wir seien Freundinnen. So ein schönes Wochenende haben wir miteinander verbracht. Und jetzt willst Du von mir diese ganzen höflichen Floskeln, die man hier nur mit fremden Personen benutzt. Das macht mich sehr traurig.“


Hui. Und jetzt?! Ich versuchte zu erklären, dass es für mich selbstverständlich ist auch zu engsten Freunden Bitte und Danke zu sagen und ich mich ausgenutzt fühlte, wenn man so herrisch mit mir redet. Aber so richtig verstehen konnte sie mich nicht. Und ich fühlte mich nach dem ganzen Wochenende trotzdem etwas ausgenutzt.

Als wir wenig später wieder an der Grenze waren lachten wir zusammen wie die Irren über die Diskussion des Vortages mit den Grenzbeamten und waren schnell wieder versöhnt. Und als ich kürzlich nach 3 Wochen Urlaub zurück nach Elbasan kam wurde ich mit dem größten Blumenstrauß den ich JEMALS bekommen habe empfangen. „Charlotte, wenn ich bald zum Studieren nach Deutschland gehe, muss ich dann zu allen Leuten immer Bitte und Danke sagen, so wie Du?!“ hat mich die Eine kürzlich gefragt.

Wir sind wirklich Freundinnen geworden. Auch wenn ich dennoch nicht der Liebhaber eines albanischen Mädchens sein möchte. Mensch, sind die anstrengend!