Sonntag, 27. April 2008

Schon wieder Ostern?

In diesem Land voller Religionen tauchen immer wieder unverhofft die verschiedensten religiösen Feiertage auf. So auch dieses Wochenende. Es war Ostern. Ostern? Schon wieder? Bin ich senil, oder hatten wir nicht schon Ostern? Ich erinnere mich an eine Szene in Shkodra, im katholischen Norden Albaniens, im März diesen Jahres. Wir besichtigten eine Kathedrale und die halbe Stadt kam mit Körben voller Brot und Eiern und ließ diese vom Pfarrer segnen. Später brachte uns dann ein muslimischer Kellner zur Mitternachtsmesse in eine kleine Dorfkirche, wo wir uns die letzte Reihe mit der flirtenden Dorfjugend teilten. Warum also schon wieder?

Ach so, orthodoxes Ostern!

Eine gute Freundin nahm mich für dieses besondere Ereignis mit nach Hause zu ihren Eltern nach Korca, einer Stadt im Südosten Albaniens. Geweckt wurde ich am Samstagmorgen vom blöken eines Lammes im Vorgarten. Oh wie süß, war mein erster Gedanke. Oh nein, mein Zweiter. Als wir beim Frühstück saßen war es dann soweit. Der Nachbar – ein renommierter Archäologieprofessor – kam mit dem Schlachtermesser. Wollt Ihr Details? Also für mich war es das erste Mal, dass ich eine Schlachtung von vorne bis hinten miterlebt habe. Ich will jetzt nicht zum Moralapostel werden, aber ich denke wir sollten Fleisch doch ein wenig mehr wertschätzen, wenn wir es zu essen bekommen. Ich erinnere mich an die „Meine Freunde esse ich nicht“-Phase meiner kleinen Schwester, vor vielen Jahren. Diese Phase hab ich als die Große damals eher belächelt. Aber ein wenig Recht hat sie wohl gehabt.

Nach diesem etwas anderen Frühstück ging es auf den Markt, letzte Zutaten für die Nachspeise besorgen. Und zur Kathedrale, um die langen Kerzen für den Abend zu besorgen.

Am Nachmittag gab es Ostersuppe zu essen. Suppe aus den Innereien des geschlachteten Lamms. Am Freitagabend hatte es Bohnen gegeben. Denn Fleisch wird – wie bei uns ja eigentlich auch – erst wieder am Sonntag gegessen. Nach der Suppe ein kurzer Besuch beim Bäcker um zu sehen, ob das Lamm schon gebraten ist. Beim Bäcker? Als wir dort ankamen traute ich meinen Augen nicht. Die gesamte Backstube war voller Bleche mit Lamm, umfunktioniert zur Lammbraterei. Auf unsere Frage nach unserem Lamm lächelte der Bäcker nur müde und blicke sich in der Back/Bratereistube um. Frühestens um Mitternacht, war sein einziger Kommentar. Auf dem Heimweg ärgerte sich der Vater meiner Freundin: Ich hätte das Lamm doch zum Bäcker im muslimischen Viertel bringen können. Die feiern kein Ostern, da wäre es schneller gegangen.

Die Zeit bis Mitternacht verbrachten wir mit Big Brother Albania. Nicht weiter erwähnenswert, derselbe Mist wie bei uns. Dass Globalisierung hauptsächlich zur Verbreitung von solchen Unnötigkeiten wie Big Brother, Coca Cola und McDonalds führt ist doch irgendwie ärgerlich. Es könnten schließlich auch Ayvar und Kajmak, bayerische Knödel und „Von mir aus“ von Juan Moreno verbreitet werden. Naja, anderes Thema.

Um Mitternacht traf sich die orthodoxe Gemeinde von Korca vor der Kathedrale, jeder mit einer langen Kerze und einem hart gekochten roten Ei bewaffnet. Der Priester jubelte „Christ ist auferstanden“. Daraufhin wurde das Feuer von der Kirche aus an alle Kerzen weitergegeben und die Menschen begrüßten sich mit „Christ ist auferstanden“ – „In der Tat, er ist auferstanden!“. Da dieser Satz auf Albanisch ziemlich schwierig ist, sagte ich einfach nur Frohe Ostern. Gezuar Pashket! Außerdem kam es zum Eierkampf: Jeder muss sein Ei (das Rote, hart Gekochte) gegen das seines Nachbarn knallen – das schwächere Ei wird abgegeben, bis nur ein Sieger übrig bleibt. Den Sieger bekam ich geschenkt.

Anschließend brachte jede Familie mit dem Licht der Kerzen den Segen Christi nach Hause. Ich fühlte mich wie beim ersten Sankt Martins Umzug. Ich starrte nur auf meine Kerze und achtete darauf, dass sie nicht ausging. Als wir ankamen merkte ich, dass meine Hose und Jacke voller Wachs und meine Schuhe voller Schlamm waren. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Albanien hatte ich beim Gehen nicht auf die Straße geachtet. Beim Eintreten durchs Gartentor machte jeder mit seiner Kerze ein schwarzes Wachskreuz an den Türbalken. Und die Kerzen wurden kurz ins Auto gehalten – sicher ist sicher. Danach war Weggehen und Tanzen angesagt. Meine Freundin und ich erhielten das Ehebett zum Schlafen, während Mama, Papa und Oma auf dem Sofa nächtigten.

Am Sonntag war schließlich großer Familientag. Ein kurzer Ausflug in die Kirche und anschließend Besuch empfangen. Wo man so viele Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen herzaubern kann weiß ich auch nicht, aber es geht wohl. Einer nach dem anderen kam. Jeder wurde zunächst an der Tür mit 4 Küssen und dem bekannten „Christ ist auferstanden“ – „In der Tat, er ist auferstanden!“ begrüßt. Sobald die Gäste sitzen werden sie noch einmal auf dieselbe Art begrüßt und erhalten ein Bonbon, eine Praline oder etwas ähnliches des Hauses angeboten. Das ist ganz traditionelle albanische Begrüßungsweise. Zu Ostern erhält dann aber jeder noch zusätzlich ein rot gefärbtes Ei überreicht. Die Gäste bringen für die Familie jeweils auch ein Ei mit, so dass sich die Wohnküche für kurze Zeit in eine bunte Eiertauschbörse verwandelt. Anschließend wurde noch Raki bzw. Cola angeboten und schon ging es weiter, zur nächsten Tauschbörse. Am interessantesten fand ich dabei das Gespräch über meine Person. Begrüßt wurde ich planmäßig mit zwei Küsschen (die Anzahl der Küsse, links-rechts, drückt die Enge der Beziehung zwischen den Personen aus). Anschließend wurde dann halblaut inquiriert: Wer ist denn dieses Mädchen? Aha, Ausländerin. Und was arbeitet sie? Und hat sie Eltern? Hat sie einen Bruder? Ach, nur Schwestern. Und wo wohnt Sie? Und wie gefällt ihr Albanien?… Auch auf den Kommentar hin, dass ich gut Albanisch spreche, wurde weiterhin die eigene Familie befragt. Erst nach zehnminütigem Dauerlächeln meinerseits war soweit Vertrauen gefasst, dass dieselben Fragen nun auch an mich gestellt werden konnten. Wer ist bist Du denn? Aha, Ausländerin. Und was arbeitest Du? Und Deine Eltern? Hast Du einen Bruder? Ach, nur Schwestern. Und wo wohnst Du? Und wie gefällt Dir Albanien?… Begleitet wurde dieses Gespräch jeweils von dem Kommentar, dass ich ausgezeichnet Albanisch gelernt hätte. In einem halben Jahr? Unglaublich! Mrekulli! Aber wenn man bedenkt, dass ich seit einem halben Jahr dieselben 10 Fragen beantworte… J Die einzige neue Frage von der faszinierenden 87 Großmutter war die nach meiner Großmutter. Schöne Grüße an sie, wenn Du nach Hause kommst, sagte sie. Zu sagen, dass meine Großmutter im Altenheim lebt, hatte ich bei all der Familienseligkeit nicht den Mut.

Sonstiges? Ich erhielt großes Lob für meine bosnischen Wollsocken. Bei Ankunft und Abschied jedes Besuchs wurde aufgestanden. Zuerst wurde die Großmutter begrüßt, dann der Herr des Hauses. Die Söhne erhielten von der Großmutter jeweils 50 Euro und bedankten sich mit traditionell muslimischem (glaube ich) Handkuss und Berühren der Stirn durch die Handfläche. Auch für das ungeborene Baby der hochschwangeren Schwägerin wurde eine Kerze mit nach Hause getragen.

Klang irgendetwas von meiner Geschichte ironisch? Sollte es jedenfalls nicht! Es war ein wunderbar bezauberndes Osterfest. Und ich bin immer wieder begeistert, wie herzlich man hier auf dem Balkan von Familien aufgenommen und problemlos Teil solch wichtiger Familienfeiern werden kann.

Für meine Heimfahrt wurde auch ich mit bunten Eiern versorgt und mit Osterbrot, in das in der Mitte ein Ei eingebacken ist. Rruge te mbare – Gute Reise und vergiss nicht bald wieder zu kommen!

Mittwoch, 23. April 2008

Im albanischen Fitnessstudio

Also die Ansage, dass ich jeden Monat etwas für den Blog schreiben würde, habe ich wohl nicht so ganz eingehalten. Eigentlich sehr schade, denn je weniger Zeit ich habe um zu schreiben, desto mehr habe ich erlebt, was ich berichten könnte. Naja, nennen wir diesen Blog also vielleicht allgemein den „Abschied vom Winter“ - Blog. In der Hoffnung, dass es hier endlich zu regnen auffhört...

Wer mich auch nur ein bisschen kennt weiß – oder kann ahnen – dass mir Fitnessstudios eigentlich zu blöd sind. Warum soll man wie ein Idiot auf einem Laufband rumrennen und auf einen Fernsehbildschirm starren, wenn man doch so schön draußen an der blauen Donau entlang joggen und die Natur genießen kann?

Naja, leider gibt es hier keine schöne blaue Donau und die Männer hier genießen es mir zu sehr, wenn ich an ihnen vorbei jogge. Außerdem ist mal wieder genau das eingetreten, was eine gute Freundin von mir vor vielen Jahren prophezeit hatte: „Charlie, im Ausland nimmt man immer zu.“ Da hilft kein Joggen, kein Rennrad, ja nicht einmal richtiger Liebeskummer – zugenommen habe ich trotzdem. Und dem muss Abhilfe geschaffen werden! So bin ich nun seit Ende März Mitglied in einem Fitnessstudio. Nur für Frauen, versteht sich.

Der Raum hat 2 Mal am Tag für je 1,5 Stunden geöffnet und man darf drei Mal die Woche kommen. Die Leiterin macht sich Sorgen, dass wir uns sonst überanstrengen. Durch die Eingangstür geht es auf einer schmalen Wendeltreppe hinauf in den ersten Stock, wo der Sportraum ist. Der Eingang ist nicht einmal einen halben Meter breit. Jedes Mal wieder stehe ich mit meinem Rucksack wieder vor der Frage: wie komme ich am besten durch diese Tür? Sowohl seitlich als auch frontal ist es ein Gedränge. Zudem mache ich mir Sorgen – wenn ich oben viel Bodybuilding mache, komme ich vielleicht gar nicht mehr nach draußen. Beim Schreiben fällt mir allerdings gerade ein: vielleicht soll die Tür eine Vorauswahl an möglichen Besuchern treffen. Wer nicht durch die Tür passt, darf auch nicht ins Fitnessstudio. Gar nicht dumm…

Angefangen wird immer mit gemeinsamem Aerobic oder Taiboe, eine Stunde, danach darf jeder für sich noch eine halbe Stunde die Geräte benutzen. Außer mir kommen noch zwei andere Ausländerinnen, zwei junge Frauen aus der Türkei, deren Männer hier im Stahlwerk arbeiten. Sie sind Muslime, legen für unsere Fitnessstunde ihr Kopftuch ab, sporteln, und legen es dann zum Heimweg wieder an. Sehr interessant… Ansonsten genießen wir die volle Aufmerksamkeit der einheimischen Sportlerinnen. Naja, Sportlerinnen ist übertrieben. Zu 98% handelt es sich um mittel bis ziemlich überwichtige Hausfrauen um die 45 (Was die Theorie mit der Tür widerlegt – aber wie kommen die nur durch die Tür? Muss mich mal auf die Lauer legen…). Meinen Namen kennen alle – beim ersten Mal wurde ich gelobt, weil ich so schöne Sit-ups mache. Heute diskutierte die ganze Bande über die Tatsache, dass ich mit 26 noch nicht verlobt bin. Habe ein bisschen Angst, was die Muttis mir zukünftig so für Angebote unterbreiten werden. Ist ein guter Heiratsmarkt, dieses Fitnessstudio, glaube ich.

Außerdem kriegt man allerhand nützliche Tipps. Als wir heute durchs halbe Aerobicprogramm durch waren, kam die Frage: Was esst Ihr eigentlich heute zu Abendessen? Anschließend wurden die verschiedenen Ideen diskutiert, bis die Lehrerin brüllte, jeder von uns dürfe 5 Tomaten und 2 kleine Gurken essen. Sonst nichts. Und keine Torte! Das sagt sie mit Blick zu einer der eher ziemlich dicken Muttis, die verschämt Grinste. Ich war natürlich sehr glücklich über diesen guten Ratschlag. Allerdings auch etwas genervt, da ich wieder völlig abgekühlt war, bis die Essensdiskussion zu Ende war.

So stupide wie angenommen ist das Ganze allerdings keinesfalls. Schließlich gibt es keinen Fernseher, auf den man starren muss. Und das Laufband gibt nach 4 Minuten spätestens wegen Überhitzung auf. Man muss dann pausieren und Wasser unter das Laufband spritzen, damit es weitergehen kann. Ziemlich abwechslungsreich eigentlich, so ein Fitnessstudio.

Eine Ode an die Freunde



Grundsätzlich bemühe ich mich sehr, möglichst lockere und witzige Geschichten auf dieser Seite zum Besten zu geben. Daher sei es mir verziehen, wenn ich an dieser Stelle ein wenig emotional werde. Die letzten paar Tage war ich ein bisschen traurig – man könnte sogar von Heimweh sprechen, einem Gefühl, das mir normalerweise relativ unbekannt ist. Faszinierend war es daher zu erfahren, wie sensibel die Fühler von vier ehemaligen Psychologiestudenten negative Gefühle aus Albanien empfangen können. Innerhalb von 2 Tagen bekam ich drei Anrufe und eine wunderschöne Email aus Regenburg, Norwegen und München – als hätten sie einfach gespürt, dass ich das gerade mehr brauche als alles andere. Ich wollte einfach mal Danke dafür sagen – Ihr seid einfach der Wahnsinn, Ihr vier! Und alle anderen natürlich auch, die Briefe schicken oder anrufen oder einfach nur diesen Blog lesen und an mich denken…

Aus dem Leben des blauen Rennrades

Meinen treuesten Begleiter hier vor Ort habt Ihr ja schon kennen gelernt. Das alte blaue Rennrad. Wobei ganz so alt sieht es momentan nun wirklich nicht mehr aus. Wir beiden hatten ein ganz wunderbares interkulturelles Erlebnis. Man kann sagen, der Winter hat meinen Freund ganz schön mitgenommen. Wir waren daher auf der Suche nach einem Beautysalon. Für Fahrräder versteht sich. Ich glaube mich zu erinnern, dass man so etwas Werkstatt nennt. Der Beautysalon vom letzten Herbst war seit Tagen geschlossen und wir wussten nicht wohin. Keine Luft in den Reifen, schlechte Bremsen und die Gangschaltung außer Betrieb. Wenn ich’s mir Recht überlege sollte ich wohl eher von Intensivstation als von Beautysalon sprechen. Kritischer Zustand. Rote Warnlampe.

Kurz vor dem Koma, machte die Werkstatt dann plötzlich wieder auf. Wir also Vollbremsung hingelegt (mit meinen Turnschuhen) und höflich nach ein bisschen Luft gefragt. Dann war geplant einen Termin auszumachen, für die restlichen Operationen. Dass man manche deutsche Angewohnheiten einfach nicht los wird! Beim Wort Termin zuckte der Werkstattmensch nur verwirrt mit den Schultern und holte sein Werkzeug heraus. Innerhalb von 4,5 Minuten reparierte er dann die Gangschaltung, tauschte die Bremsblöcke aus und – mit einem kritischen Kopfschütteln – ölte die Kette. Macht 150 Leke, 1,20 Euro. Wie unkompliziert das Leben doch manchmal sein kann.

Ein neues Schloss kauften wir zur Feier des Tages dann auch noch. Beim alten war nach 2 Tagen der Schlüssel im Schloss abgebrochen, so dass es sich zwar noch öffnen und schließen, der Schlüssel aber nicht mehr abziehen ließ. Was die Sinnhaftichkeit eines Schlosses wohl grundsätzlich in Frage stellt. Das Neue ist leider auch schon wieder kaputt, es ließ sich nach 2 Wochen nicht mehr öffnen. Da das Fahrrad zu dem Zeitpunkt leider abgeschlossen war bat ich einen freundlichen Cafebesitzer um Hilfe. In Null Komma Nichts hatte er einen Bolzenschneider zur Hand und öffnete mein Schloss. Was die Sinnhaftigkeit eines Schlosses ein zweites Mal in Frage stellt. Und zudem die Ehrlichkeit der Albaner betont.

Jetzt reisen wir ohne Schloss. Angst habe ich um meinen blauen Freund hier eindeutig weniger als ich in Deutschland hätte. Aber deutsche Markenqualität bekommt doch erstmals eine Bedeutung für mich.