Ach so, orthodoxes Ostern!
Eine gute Freundin nahm mich für dieses besondere Ereignis mit nach Hause zu ihren Eltern nach Korca, einer Stadt im Südosten Albaniens. Geweckt wurde ich am Samstagmorgen vom blöken eines Lammes im Vorgarten. Oh wie süß, war mein erster Gedanke. Oh nein, mein Zweiter. Als wir beim Frühstück saßen war es dann soweit. Der Nachbar – ein renommierter Archäologieprofessor – kam mit dem Schlachtermesser. Wollt Ihr Details? Also für mich war es das erste Mal, dass ich eine Schlachtung von vorne bis hinten miterlebt habe. Ich will jetzt nicht zum Moralapostel werden, aber ich denke wir sollten Fleisch doch ein wenig mehr wertschätzen, wenn wir es zu essen bekommen. Ich erinnere mich an die „Meine Freunde esse ich nicht“-Phase meiner kleinen Schwester, vor vielen Jahren. Diese Phase hab ich als die Große damals eher belächelt. Aber ein wenig Recht hat sie wohl gehabt.
Nach diesem etwas anderen Frühstück ging es auf den Markt, letzte Zutaten für die Nachspeise besorgen. Und zur Kathedrale, um die langen Kerzen für den Abend zu besorgen.
Am Nachmittag gab es Ostersuppe zu essen. Suppe aus den Innereien des geschlachteten Lamms. Am Freitagabend hatte es Bohnen gegeben. Denn Fleisch wird – wie bei uns ja eigentlich auch – erst wieder am Sonntag gegessen. Nach der Suppe ein kurzer Besuch beim Bäcker um zu sehen, ob das Lamm schon gebraten ist. Beim Bäcker? Als wir dort ankamen traute ich meinen Augen nicht. Die gesamte Backstube war voller Bleche mit Lamm, umfunktioniert zur Lammbraterei. Auf unsere Frage nach unserem Lamm lächelte der Bäcker nur müde und blicke sich in der Back/Bratereistube um. Frühestens um Mitternacht, war sein einziger Kommentar. Auf dem Heimweg ärgerte sich der Vater meiner Freundin: Ich hätte das Lamm doch zum Bäcker im muslimischen Viertel bringen können. Die feiern kein Ostern, da wäre es schneller gegangen.
Die Zeit bis Mitternacht verbrachten wir mit Big Brother Albania. Nicht weiter erwähnenswert, derselbe Mist wie bei uns. Dass Globalisierung hauptsächlich zur Verbreitung von solchen Unnötigkeiten wie Big Brother, Coca Cola und McDonalds führt ist doch irgendwie ärgerlich. Es könnten schließlich auch Ayvar und Kajmak, bayerische Knödel und „Von mir aus“ von Juan Moreno verbreitet werden. Naja, anderes Thema.
Um Mitternacht traf sich die orthodoxe Gemeinde
von Korca vor der Kathedrale, jeder mit einer langen Kerze und einem hart gekochten roten Ei bewaffnet. Der Priester jubelte „Christ ist auferstanden“. Daraufhin wurde das Feuer von der Kirche aus an alle Kerzen weitergegeben und die Menschen begrüßten sich mit „Christ ist auferstanden“ – „In der Tat, er ist auferstanden!“. Da dieser Satz auf Albanisch ziemlich schwierig ist, sagte ich einfach nur Frohe Ostern. Gezuar Pashket! Außerdem kam es zum Eierkampf: Jeder muss sein Ei (das Rote, hart Gekochte) gegen das seines Nachbarn knallen – das schwächere Ei wird abgegeben, bis nur ein Sieger übrig bleibt. Den Sieger bekam ich geschenkt.
Anschließend brachte jede Familie mit dem Licht der Kerzen den Segen Christi nach Hause. Ich
fühlte mich wie beim ersten Sankt Martins Umzug. Ich starrte nur auf meine Kerze und achtete darauf, dass sie nicht ausging. Als wir ankamen merkte ich, dass meine Hose und Jacke voller Wachs und meine Schuhe voller Schlamm waren. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Albanien hatte ich beim Gehen nicht auf die Straße geachtet. Beim Eintreten durchs Gartentor machte jeder mit seiner Kerze ein schwarzes Wachskreuz an den Türbalken. Und die Kerzen wurden kurz ins Auto gehalten – sicher ist sicher. Danach war Weggehen und Tanzen angesagt. Meine Freundin und ich erhielten das Ehebett zum Schlafen, während Mama, Papa und Oma auf dem Sofa nächtigten.
Anschließend wurde noch Raki bzw. Cola angeboten und schon ging es weiter, zur nächsten Tauschbörse. Am interessantesten fand ich dabei das Gespräch über meine Person. Begrüßt wurde ich planmäßig mit zwei Küsschen (die Anzahl der Küsse, links-rechts, drückt die Enge der Beziehung zwischen den Personen aus). Anschließend wurde dann halblaut inquiriert: Wer ist denn dieses Mädchen? Aha, Ausländerin. Und was arbeitet sie? Und hat sie Eltern? Hat sie einen Bruder? Ach, nur Schwestern. Und wo wohnt Sie? Und wie gefällt ihr Albanien?… Auch auf den Kommentar hin, dass ich gut Albanisch spreche, wurde weiterhin die eigene Familie befragt. Erst nach zehnminütigem Dauerlächeln meinerseits war soweit Vertrauen gefasst, dass dieselben Fragen nun auch an mich gestellt werden konnten. Wer ist bist Du denn? Aha, Ausländerin. Und was arbeitest Du? Und Deine Eltern? Hast Du einen Bruder? Ach, nur Schwestern. Und wo wohnst Du? Und wie gefällt Dir Albanien?… Begleitet wurde dieses Gespräch jeweils von dem Kommentar, dass ich ausgezeichnet Albanisch gelernt hätte. In einem halben Jahr? Unglaublich! Mrekulli! Aber wenn man bedenkt, dass ich seit einem halben Jahr dieselben 10 Fragen beantworte… J Die einzige neue Frage von der faszinierenden 87 Großmutter war die nach meiner Großmutter. Schöne Grüße an sie, wenn Du nach Hause kommst, sagte sie. Zu sagen, dass meine Großmutter im Altenheim lebt, hatte ich bei all der Familienseligkeit nicht den Mut. Sonstiges? Ich erhielt großes Lob für meine bosnischen Wollsocken. Bei Ankunft und Abschied jedes Besuchs wurde aufgestanden. Zuerst wurde die Großmutter begrüßt, dann der Herr des Hauses. Die Söhne erhielten von der Großmutter jeweils 50 Euro und bedankten sich mit traditionell muslimischem (glaube ich) Handkuss und Berühren der Stirn durch die Handfläche. Auch für das ungeborene Baby der hochschwangeren Schwägerin wurde eine Kerze mit nach Hause getragen.
Klang irgendetwas von meiner Geschichte ironisch? Sollte es jedenfalls nicht! Es war ein wunderbar bezauberndes Osterfest. Und ich bin immer wieder begeistert, wie herzlich man hier auf dem Balkan von Familien aufgenommen und problemlos Teil solch wichtiger Familienfeiern werden kann.
Für meine Heimfahrt wurde auch ich mit bunten Eiern versorgt und mit Osterbrot, in das in der Mitte ein Ei eingebacken ist. Rruge te mbare – Gute Reise und vergiss nicht bald wieder zu kommen!


