Donnerstag, 19. Juni 2008

Das Wandern ist des Müllers Lust

Wenn ich so zurückdenke muss ich feststellen, dass ich einen Großteil des letzten Jahres in Bussen verbracht habe. So wie auch jetzt gerade. Gerade befinde ich mich auf dem Weg nach Athen, um meine gute Freundin aus Durham zu besuchen. Es ist daher an der Zeit, ein paar Worte über die Busfahrten zu verlieren.

Zum Anfang: Warum halte ich mich überhaupt so viel in Bussen und Zügen auf (Beispiel: 2 Tage Reise Elbasan-Oradea, Rumänien). Einer meiner liebsten Boschkollegen und ich haben auf unserem letzten Vorbereitungsseminar eine „Flugzeugentführungsaktion“ gestartet. Ziel: die vielbereisten Leute in unserem Programm zum ökologischen Reisen zu bewegen. Dementsprechend muss ich aber nun auch meinen wüsten Forderungen entsprechend handeln und kann mich nicht einfach in ein Flugzeug setzen und in der Welt herum fliegen.

Man sagt ja immer, beim Reisen entstehen viele neue Bekanntschaften. Wenn man als blondes Mädchen alleine reist, so sind diese Bekanntschaften nur zumeist… na, Männer! Ich habe die seltene Gabe, ohne es auch nur im Geringsten zu wollen (denn wie vielleicht manche von Euch wissen, habe ich auf Reisen grundsätzlich zu viele Bücher dabei und lese diese auch ganz gerne) die Aufmerksamkeit der Busfahrer auf mich zu lenken. Dies gilt im Übrigen auch für Schaffner – ist derselbe Männerschlag. Das ist natürlich ganz angenehm, weil die Busfahrer an den Raststätten immer umsonst Essen und Trinken können und auch immer nette Geschichten zu erzählen haben. Allerdings kann es auch ein bisschen bedrängend sein, wenn man zum Beispiel nachts allein in einem Zugabteil ist und der Schaffner der Meinung ist man hätte gerne Gesellschaft. Oder wenn, wie gerade eben, der Busfahrer äußerst interessiert an meinen Aufzeichnungen ist, obwohl er ja doch gar kein Deutsch versteht. Und bei den wiederholten Anrufen seiner Ehefrau (die erstaunlicherweise auf dieser Fahrt schon mindestens 6 Mal angerufen hat) entweder sagt „Schatz, ich fahre und habe Polizei vor mir“ oder „Nein, im ganzen Bus ist heute keine einzige Frau. Lustig, nicht?!“ und denkt ich verstehe kein Wort von dem was er sagt. Meistens fragen die Männer dann ganz dezent, ob ich nicht eine Freundin oder Schwester für sie hätte, die ich ihnen vermitteln könnte. Na, Mädels, Interesse?! Das ist mir auch ein Rätsel, wie sie auf diese Frage kommen. Also, würde ich sie attraktiv finden, wäre es ja wohl eine Frechheit nach meinen Freundinnen zu fragen und damit zu signalisieren, dass sie zwar Interesse an einer Deutschen, aber nicht an mir haben. Und für den Fall, dass ich sie (möglicherweise) aufdringlich und unattraktiv finde, würde ich ihnen wohl kaum meine Schwestern vermitteln wollen, oder?!

Es ist jedenfalls an der Zeit, dass ich mir eine Strategie überlege, um diese Annäherungsversuche einzugrenzen. (Gerade ruft die Ehefrau zum 8. Mal an). Mir hat mal jemand gesagt, dass die deutschen Mädchen für Balkanverhältnisse zu offen lächeln und zu freundlich grüßen und daher Interesse signalisieren. Vielleicht sollte ich das also einschränken. Aber wenn ich reise, möchte ich mir meine gute Laune eigentlich nicht verkneifen müssen. Und für den Notfall hat mit dem russischen Schaffner ein beherztes „Mrš! Jebo te pitčku materinu!“ (Bosnisch für „Bitte verlassen sie umgehend mein Abteil! Oder so ähnlich) auch ganz gut funktioniert. Manchmal muss man eben schreien können.

Und Athen war natürlich der Wahnsinn, versteht sich..

Nachtrag: als wir mit dem Bus auf dem Rückweg gerade zwischen albanischer und griechischer Grenze sind, wird angehalten, ein Mann springt aus dem Gebüsch und viele kleine Kisten werden auf dem Busklo eingesperrt. Dann wird weitergefahren, als sei nichts gewesen. Auf der weiteren Fahrt wird immer wieder angehalten und im Dunklen am Straßenrand an wartende Gestalten Teile dieser Kisten ausgehändigt. Hatte ich mal gesagt, dass man von Kriminalität so direkt hier nichts mitbekommt?

Ein trauriger Eintrag

Über mir im Haus wohnt die Familie Dedej. Der Vater Hysen, über 80 Jahre alt, die Mutter Vera, knappe 60 Jahre alt, und der Sohn Benci, um die 30. Hysen lächelte immer sehr freundlich, war aber leider sehr schwerhörig. Das neu angeschaffte Hörgerät wollte er ungern tragen – das machte die Kommunikation zwischen uns beiden etwas schwierig. Eigentlich begrüßten und verabschiedeten wir uns nur. Dabei nahm er meine kleine Hand zwischen seine großen runzeligen Hände und drückte fest. Das genügte. Vor Vera hatte mich meine Vermieterin am Anfang gewarnt: sie sei etwas seltsam und hätte meine Vormieterin durch ständige Besuche unter Druck gesetzt. Für mich ist sie inzwischen eine Kombination aus albanischer Mama, Mitbewohnerin, Lehrerin und Freundin geworden. Wenn ich Schwierigkeiten oder Hunger habe oder einfach gerne Gesellschaft hätte, brauche ich nur die paar Treppen nach oben zu steigen. Wenn sie mit Hysen spricht schreit sie einfach, damit er sie versteht. Wenn sie auf andere Menschen trifft braucht sie meist einige Sätze um die Lautstärke wieder auf normal zu regulieren. Benci ist ein fröhlicher Typ – was sich hauptsächlich dadurch äußert, dass er sobald ich ein Wort Albanisch spreche, in Gelächter ausbricht. Da er allerdings sonst nur Italienisch und Französisch spricht, verlaufen unsere Unterhaltungen äußerst humorvoll. Leider hängt im Wohnzimmer der Dedejs auch ein schwarz umrahmtes Photo von Bencis älterem Bruder. Vor 6 Jahren ist dieser bei einem Verkehrunfall verstorben, wie Vera mir sagte. Seitdem trägt sie schwarz. Die Frauen hier tragen für den Rest ihres Lebens schwarz, wenn sie nicht mehr daran glauben, dass es noch einmal eine positive Wendung nahmen kann. Von Nachbarn habe ich erfahren, dass er sich im Wohnzimmer selbst erschossen hat. Es gibt denke ich wenig Schlimmeres, was einer Mutter passieren kann.

Als mir die Familie zum ersten Mal vorgestellt wurde, war mein erster Gedanke, hoffentlich stirbt Hysen nicht, während ich hier wohne. Ich habe keine Ahnung, wie ich darauf kam – war einfach ein Gedanke, der plötzlich da war.

Leider ist genau dies gerade eingetreten. Im März war er krank geworden und als ich mit meiner Theatergruppe aus Mazedonien zurückkehrte empfing mich die Nachricht schon auf der Straße: Hysen ist tot. Mit wackeligen Knien rannte ich nach Hause. Die Frauen der Familie und der Nachbarschaft saßen im Wohnzimmer versammelt, die Männer im Erdgeschoss bei mir. Alle weiblichen Familienangehörigen ganz in Schwarz, für 1 Monat. Als ich versuchte auf Albanisch mein Beileid auszusprechen lachte der fröhliche Benci zum ersten Mal nicht. „Ngushellime te mia“, sagt man. Ich sprach auf Deutsch weiter, weil solche Ausdrücke in einer Fremdsprache doch nichts weiter als Phrasen sind. Sie verstanden mich ganz gut.

Mir gegenüber versucht Vera meist die Fassung zu bewahren, fröhlich zu bleiben. Daher verbrachte sie die nächsten Tage damit, mir detailliert zu berichten, was geschehen war. Hysen war am Freitagmorgen gestorben, einfach eingeschlafen auf dem Sofa zuhause. Während seiner ganzen Krankheit war er zuhause gewesen, weil die Krankenhäuser in Albanien in so schlechtem Zustand sind. Ich hatte mir nie wirklich bewusst gemacht, dass das zwar angenehmer für den Kranken ist, für die Familie aber eine große Belastung darstellt. Vera war aus Angst, ihn alleine zu lassen, praktisch 2 Monate nicht aus dem Haus gegangen.

An diesem Freitag schlief er also einfach ein – Vera und Benci riefen nicht einmal einen Arzt. „Es war doch klar, was passiert war,“ sagte sie mir. Nur die engsten Familienmitglieder und die Trauerhilfe wurden verständigt. Sofort kam eine Frau, die sich mit dem Toten ins Wohnzimmer einsperrte, in wusch, umzog und herrichtete - und dann wurde er dort aufgebart. Schon nach zwei Stunden kamen die Ersten um ihr Beileid auszusprechen und dieser Besucherstrom ist bis heute nicht abgerissen. Nur montags kommt niemand – montags ist Beileidsurlaubstag, oder wie man das nennen soll.

In dieser ersten Nacht wird nicht geschlafen. Die Frauen bleiben bei dem Toten – ist das nicht die so genannte Totenwache, die es auch in Deutschland bis vor nicht allzu langer Zeit gab? Sie weinen und klagen laut. Richtige traditionelle Totengesänge gibt es. Die Männer sitzen im Garten, rauchen und trinken Raki. Am nächsten Tag findet die Beerdigung statt. Ich habe im Kopf, dass man im muslimischen Glauben nur 3 Tage Zeit hat, um den Toten zu beerdigen, bin mir aber nicht sicher. Viele Menschen gehen auf den Friedhof, mit Blumen, und es werden viele Reden gehalten. Nur die Witwe bleibt mit einer Schwester oder anderen älteren Frauen zuhause. Nach der Beerdigung kommen alle zum Haus und sprechen der Familie ihr Beileid aus. Ein Teil der Besucher wird dann zum Leichenschmaus eingeladen. Dort gibt es vor allem Raki und Wein, Suppe, Fleisch, Byrek und eine besondere Nachspeise, die nur bei Beerdigungen gegessen wird. Beim Kaffee sagt man anstelle von „zum Wohl“ so etwas wie „auf das Schlechte“ und dass es vorüber gehen möge. Alle Gäste dieses Essens kommen dann innerhalb des nächsten Wochen wiederholt zur Familie nach hause, um ihnen Gesellschaft zu leisten. In den ersten Tagen werden nur Zigaretten angeboten, später gibt es Kaffee und Raki. Im Gegenzug lassen die Gäste Geld bei der Familie, um sie finanziell zu unterstürzen. Nach einer Woche fahren die engsten Freunde und die Familie wieder zum Grab und es gibt ein weiteres Mittagessen. Ebenso nach einem Monat. Und nach einem Jahr. Bei diesem Essen nach einer Woche war auch ich anwesend. „Shtatat – der Siebte“ heißt dieser Tag. Wir hatten einen Bus gemietet, mit dem alle zum Friedhof fuhren. Dort legte jeder eine Blume auf dem Grab nieder und streichelte und küsste den Grabstein und das Photo. Auf dem Friedhof in Elbasan liegen Christen und Moslems gemeinsam begraben, nur durch einen Weg getrennt.

In meiner Vorstellung war diese große Anzahl an Traditionen und Regeln sehr anstrengend für die Familie. Allerdings fängt es sie auf und lässt sie nicht alleine. Die Trauer wird ein Stück weit auf die ganze Stadt verteilt, so dass der Einzelne nicht so viel alleine zu tragen hat. Aber wenn der ganze Spuk dann irgendwann vorbei ist, muss man wohl doch selbst mit dem neuen Leben klar kommen.

Liebe Worte

Es gibt einen Ausdruck im Albanischen, den ich so wunderschön finde, dass ich ihn hier gesondert erwähnen will. Er heißt „te keqe“ und bedeutet so viel wie „ich nehme alles Schlechte, was Dir widerfahren könnte, auf mich“. Das sagt man zu Menschen, die man liebt, Menschen, die man unbedingt vor Unheil schützen will. Ich finde das wunderschön.

Wo stecken nur die albanischen Hippies?

Wie viele von Euch inzwischen wohl wissen, litt Albanien bis 1991 an einem der grausamsten kommunistischen Regime in Osteuropa. Die Bevölkerung wurde vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Für den persönlichen Erfolg innerhalb des Systems waren die Parteitreue und die absolute Liebe zum Diktator Enver Hoxha entscheidend. Allerdings nicht nur die Eigene, sondern diejenige der gesamten Familie. War nur ein einziges Familienmitglied als systemkritisch aufgefallen, so wurde die gesamte Familie von der Gesellschaft ausgegrenzt und eine berufliche Karriere erschwert oder gar unmöglich gemacht.

Häufig habe ich mich schon gefragt, was diejenigen Familien, die heute als „schon immer gute Familien“ bezeichnet werden, denn früher für eine Stellung und politische Position innehatten. Die Familie in deren Haus ich wohne hatte zum Beispiel stets Lehrer, Professoren und sogar den Leiter des Theaters in Elbasan als Mitglieder. Wo immer in Elbasan ich deren Namen erwähne wird betont, welch eine gute, kultivierte Familie das doch sei. Ich musste dabei allerdings häufig an Deutschland nach dem 2. Weltkrieg denken, als die führende Schicht unter Hitler einfach die Fahnen abhängte und – bis auf die aller obersten Köpfe – weiter an der Macht blieb. Es bedurfte der 68-Generation, um mit dem alten Mief aufzuräumen.

Bis auf ausweichende Floskeln erhielt ich in Albanien auf diese Frage keine Antwort. Bis ein bekannter albanischer Regisseur, den zu kennen ich die große Ehre habe, nach einigen Raki plötzlich zu erzählen begann. „Wie wurdest Du Ende der 80er Regisseur am Theater in Elbasan?“ hatte ich ihn einmal gefragt. „Ich spreche nicht gerne über Kulturarbeit während des Kommunismus“, war die Antwort. „Das Ganze war eine Katastrophe. Nur ganz bestimmte Autoren waren zugelassen und nur ganz bestimmte Schauspieler und Regisseure hatten eine Chance. Zensur überall und in jeder Hinsicht. Der erste Kuss im albanischen Kino war 1995 zu sehen.“

Vor einigen Tagen explodierte er dann ganz unerwartet, als er den Namen meines Vermieters aus meinem Munde hörte. „Dieser Scheißkerl, wie der mich heute begrüßt und freundlich tut. Damals als ich ganz jung von der Schauspielschule kam, mit den besten Noten und voller Enthusiasmus, hatte er nur einen Satz für mich: Du hast ein Problem. Wie er das sagte, Du hast ein Problem. Ohne Bedauern, ohne Mitleid, sondern mit Genugtuung und Schadenfreude. Und was war mein Problem? Dass einer meiner Onkel Ende der 40er Jahre mit 16 Jahren ins Meer gesprungen und nach Griechenland geschwommen war. Geflohen war, und sich in Amerika ein gutes Leben aufgebaut hatte. Deshalb wurde mir der Posten als Leiter der Filmakademie in Tirana wieder abgesprochen und es dauerte bis nach dem Tode des Diktators, dass ich als Regisseur in Albanien Fuß fassen konnte. Und heute? Heute lieben sie mich alle und wollen immer meine Freunde gewesen sein. Die Schweine!“

Damit war der Ausbruch wieder zu Ende. Ich denke ich habe aber einen kleinen Eindruck davon bekommen, was in dieser Gesellschaft unter der Oberfläche noch so alles schlummert. Bin gespannt, wann Albaniens 68-er erwachen werden.