Montag, 8. Dezember 2008

Fischesser

Also eine meiner Entscheidungen in kulinarischer Hinsicht hier in Durrës war diejenige, zur Fischesserin und Fischexpertin zu werden. Schließlich geht es ja bei so einem Auslandsaufenthalt nicht immer nur darum, diesen interkulturellen Schnickschnack zu lernen, sondern auch, ein paar handfeste Qualitäten fürs zukünftige Eheleben zu erwerben.

Alle meine Freunde, die aus Norddeutschland kommen – was für eine Münchnerin bekanntlich Frankfurt und alles nördlich davon bedeutet – werden über dieses Vorhaben vielleicht schmunzeln. Aber ganz ehrlich, ich liebe es, Fisch zu essen. Ich habe nur überhaupt keine Ahnung von dessen Zubereitung.

Schritt 1 zum perfekten Fischkenner habe ich im Restaurant bereits hinter mich gebracht. Ich kenne die albanischen Namen für Oktopus, Sepia, Muscheln, Schrimps und Spaghetti mit Meeresfrüchten. Also all diejenigen Begriffe, die mit Meer zu tun haben, die mir auch in Regensburg schon ein Begriff waren. Zudem habe ich allerdings noch die Namen von drei Salzwasserfischen gelernt: Merluc, Koce und Levrek. Und mindestens zwei von diesen Dreien kann ich auch spontan und mit bloßem Auge im Null Komma Nix identifizieren, wenn sie mir über den Weg laufen. Das Schöne an dem mittleren Fisch ist die Tatsache, dass man „c“ im Albanischen wie das Deutsche „z“ ausspricht. Der Fisch heißt also „Kotze“ – was mir sicherlich geholfen hat, mich mit ihm anzufreunden und zudem eine Reihe deutscher Urlauber den Sommer über bei Laune gehalten hat. Glucksende und sabbernde Siegerstetter-Schwestern und einen verdutzten albanischen Kellner muss man sich dabei vorstellen.

Nun gut, bestellen im Restaurant, Filettieren und Schrimps auszutzeln ist also schon geschafft. Die Urlaubssaison ist nun aber vorüber und alleine gehe ich nicht zum Essen ins Restaurant. Um kurz abzuschweifen, alleine im Restaurant zu essen ist für mich das Traurigste, was man nur machen kann. Ich gehe ganz gerne alleine ins Kino oder ins Theater, ins Museum, in einen Vortrag oder Spazieren. Aber Essen? Wenn ich Männer (es sind irgendwie meistens Männer, keine Frauen) alleine im Restaurant essen sehe, kriege ich immer einen Kloß im Hals und möchte sie am liebsten umarmen und ihnen sagen, dass auch diese schlimmen Zeiten einmal vorbei gehen werden. Einmal war ich alleine in Podgorica beim Essen, weil ich auf meinen Nachtbus warten musste. Bei der Hälfte meiner Spaghetti war ich so unglücklich, dass ich einen anderen Alleinesser spontan fragte, ob ich mich zu ihm setzen dürfe. Seine fröhliche Reaktion und das nette Gespräch bestätigten mich in der Annahme, dass allein Essen einfach unmenschlich ist.

Kurz und gut – es war nun an der Zeit zu lernen, Fisch auch selbst zuhause zuzubereiten. Hier in Durrës gibt es überall tolle Fischstände mit frischem Fisch. Und Fisch zu kaufen ist leichter als Fleisch zu kaufen. Das Fleisch hängt hier beim Metzger als ganzes Tier im Schaufenster, bei dem ich nie weiß, welchen Teil ich denn nun kaufen soll. Und vor allem weiß ich dann nicht, wie die Teile heißen. Beim Fisch kaufe ich einfach den ganzen – super.

Vor Kurzem habe ich also unter fachmännischer Anleitung meinen ersten Fisch ausgenommen. Ich fands am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig. Etwas eklig. Und mich überraschte, dass man doch ganz schön fest anziehen muss, bis der ganze Dreck rauskommt. Aber im Gegensatz zum Fett Abschneiden beim Fleisch fühlt man ganz genau, wenn man fertig ist, wenn alles raus ist. Irgendwie glatt und natürlich gut fühlt sich das dann an.
Ja ja, schmunzelt ihr nur wieder, ihr Nordländer…

Fisch wäre also geschafft. Heute Morgen kam mir beim Blick in den Fischladen aber eine genial neue Idee: Wie wärs mit Oktopus? Halbes Kilo für 3 Euro. Genau richtig. Die Frau vor mir ließ sich auch ein halbes Kilo aufschwatzen, packte es ein, sagte „Ich zahle bei Gelegenheit“ und rauschte ab. Nicht schlecht.


Als ich dann heute Abend aus der Arbeit kam ging der Ärger los. Was mache ich denn nun mit Euch, fragte ich die Kleinen beim Blick in ihre schwarzen Glupschaugen. An Euch ist ja noch so Einiges dran, was ich aus dem Restaurant nicht kenne. Was in solchen Fällen immer hilft: ein Blick ins Buch der guten Hedwig Maria Stuber. S. 240, Tintenfisch. Zubereitung: „Man kauft Tintenfische tiefgefroren oder lässt sie von einem Fischhändler küchenfertig zubereiten“. Du enttäuschst mich, Hedwig! Auch aus Bayern?

Zweiter Rettungsanker: Google. Sucheingabe: Oktopus ausnehmen. Auf der ersten Seite erscheint eine nette Konversation zwischen ein paar Mädels. Die Eine in derselben Situation wie ich, fragt, was sie denn mit den Dingern anstellen solle. Die anderen stellen viele Fragen, ob die Tiere Beine hätten etc. und sagen, dass man sie lange im Wasser kochen und vorher verprügeln müsse. Aha. Dann unterhalten sich die Mädels seitenweise darüber wie eklig das doch ist und wie lustig und wie eklig und ob es denn kein Photo gäbe… Da ich über die schwarzen Augen meiner Kleinen nichts finden kann, blättere ich weiter. Da verlässt mich auch diese Stütze – keine Verbindung mehr. Wer mal versucht hat mit mir zu telefonieren kennt dieses Gefühl. Das ewige „Hallo, kannst Du mich hören? ach verflucht, hallo?“-Spiel. Die fehlende Verbindung beraubt mich gleichzeitig meines letzten Jokers, der in Kochsachen noch nie versagt hat: Papa anrufen. Ohne Internet kein Skype, ohne Skype kein Joker.

Ich habe schon Anderes geschafft, schmeiße meine Tierchen also ins Waschbecken und fange einfach an, an verschiedenen Enden zu ziehen und zu schrubben. Und siehe da, die etwas rötliche Haut lässt sich abrubbeln, bis die Tiere so weiß sind wie im Restaurant. Und Augen und Beine ziehe ich beherzt heraus – woraufhin so etwas wie gefüllte Därme und Urinsäcke, halbverdaute Schrimps, Oktopuskod und eine Art Plastikwirbelsäule zum Vorschein kommen. Insgesamt ein ganzer Haufen. Die Augen schneide ich von den Beinen ab und tue diese zum Fleisch dazu. Sind schließlich der beste Teil. Also die Beine, meine ich. Die werden so schön knusprig, die Saugnäpfe.

Anschließend verprügle ich die Kleinen ein wenig mit einem Holzlöffel, wie von meinen virtuellen Pyjama-Party Freundinnen vorgeschlagen, und schmeiße sie ins Wasser. Letzter Schritt: Olivenöl, Knoblauch und Zitrone.

Essen muss ich natürlich dann trotzdem alleine. Aber ich bin so aufgeregt von meinem kleinen Kampf, dass ich das gar nicht bemerke. Schmeckt nicht schlecht.

Congratulations

Hier in Durres habe ich für Deutsch als Fremdsprache einen Kurs von 60 Leuten. Sie lernen im zweiten Jahr Deutsch und wie man sich vorstellen kann sind bei so vielen Teilnehmer die Fortschritte begrenzt. Ich habe jetzt also einen wöchentlichen Vokabeltest eingeführt, um die Studenten zum Lernen zu "motivieren". Schon nach der ersten Woche habe ich mich selbst dafür verflucht, weil ich all diese 60 Tests ja nun auch jede Woche korrigieren muss. Trotzdem war das Korrekturlesen stellenweise auch amüsant. Hier zum Beispiel die Antworten auf die Frage, was "Congratulations" auf Deutsch bedeutet:

Glünkwunch
Erslich
Horzlichen Gluckwunch
Gücklwünsch
Prima
Herzclichen Glückwünch
Herlichen Wünschen!
Wunschglucken
Wille Guck
Wünschnachtung
Weihnachtsbaum
Glükewunsche
Grüss
Herzliches Gluckenwünsch
Wünschnachung
Alles Gute
Frohlisch
Frohe Horzlich!
Gluckwünsch
Herzlich Glück