Dienstag, 10. November 2009

Ankunft und Wiederaufnahme


Jede Ankunft in Albanien kommt mir ein bißchen anders vor.
Die Letzte, aus Italien, sah folgendermaßen aus.


Neuigkeiten aus Albanien? Ich muss schon sagen, es fällt mir langsam schwer die Dinge aufzuschreiben, die mir hier als ungewöhnlich erscheinen. Es erscheint mir ja irgendwie Deutschland schon ungewöhnlicher, als Albanien. Komisch…


Es tut mir daher aber immer wieder gut, wenn Besuch kommt und Albanien zum ersten Mal kennen lernt: „Das ist ja toll hier, total modern, und die Palmen, toll!“ „Ach es ist ja gar nicht so schlimm hier wie ich es mir vorgestellt hatte.“ „Na kuck mal, die haben Mc Donalds nachgemacht. Und man kann hier einen Skander Burger essen. Das ist ja wirklich zum Schreien!“ „Sieh mal den Namen von dem Mädchen in meiner Klasse: Merixhons. Wie zur Hölle soll man das denn aussprechen? Ach Wahnsinn – Mary Jones! Die spinnen, die Albaner“ „Mensch, hier schmecken die Tomaten wenigstens nach Tomaten. Nicht nach Wasser, wie in Deutschland.“ „Ich weiß auch nicht genau, aber seit ich hier angekommen bin habe ich irgendwie Bauchweh. Ich vertrage das Essen nicht so richtig. Und es ist fast wie eine Depression – ich will gar nicht aus dem Haus!“ „Wahnsinn, es ist mir selten passiert, dass ich in einem Land so wenig verstanden habe. Ich höre zu, aber ich verstehe wirklich kein einziges Wort von dieser Sprache!“ „’Shitet’ heißt ’zu verkaufen’? Das ist ja zum Schreien!“ „Sag mal, kann man hier auch Brot kaufen? Oder nur diese eingebackene Luft, die nach einem halben Tag grün wird?“ „Nee, also wir schnallen uns in Deutschland im Auto immer an. Nicht nur auf der Autobahn oder wenn die Polizei vorbei kommt.“ „Nein, ehrlich, bei uns ist Eifersucht kein Zeichen von Liebe. Ein Mann liebt seine Frau auch, wenn er ihr nicht verbietet alleine weg zu gehen.“„Also wenn die Mädels hier alle so aussehen, dann bleibe ich noch ein bißchen länger!“ „Ich bin extra nach Vlora gefahren, um mir die Stadt anzusehen. Aber nach 3 Stunden hatte ich alles gesehen. Darum bin ich jetzt wieder da.“ „Sag mal, kannst Du mal die Heizung anmachen? Wie? Ihr habt keine?“ „Also mal ganz ehrlich, ich will gar nicht aus dem Busfenster sehen. So deprimierend ist das hier. Ja wirklich, oder?! Deprimierend!“


Wie ihr seht, ich bin erst seit einem Monat wieder hier im Lande, aber wir hatten schon eine Menge Besuch und daher eine Menge neuer Überraschungen. Auch wenn ich inzwischen eher fröhlich über die überraschten Gesichter lache als selbst überrascht zu sein. Für Euch alle gilt natürlich wie immer: Ihr seid herzlich willkommen! Ich freue mich über alle Überraschungen…


Die Uni hat wieder angefangen. Hier seht Ihr die Begrüßungsveranstaltung des Rektors

vor der Universität. Bzw seht Ihr unsere Studenten, die dem Rektor gespannt lauschen.

Mittwoch, 24. Juni 2009

... und ein paar Photoeindrücke


Traditionelle Kostüme der Region Diber in Ostalbanien

Selimi: Kaufland & Tagesschau in Einem

Baywatch Albanien


Regensburger Partisani in Vlora

Begegnungen mit Kuh und Kalb - Euter fühlen sich wie Nippel an...

Abschiedseindrücke


Abschiedseindrücke, wollte ich diesen Text eingentlich nennen. Aber so ganz zutreffend ist das nun nicht mehr. Zwar bin ich gerade für eine Woche in mein liebes Regensburg zurück gekehrt, wo es wie immer wunderbar ist und ich eigentlich nie wieder weg will, aber dennoch werde ich zurück nach Albanien gehen. Für weitere zwei Jahre, wie es aussieht. Als Koordinatorin für internationale Beziehungen der Universität Durrës. Insallah. Hier dennoch meine Eindrücke vom letzten zeitweiligen Abschied aus Durrës.

4.30 Uhr, mein Wecker klingelt. Gleich wird meine Taxifahrer anrufen, also raus aus dem Bett. Gott sei Dank war ich so vernünftig, gestern um Mitternacht noch meine Tasche zu packen. Kurz hatte ich ja überlegt, ob nicht nach dem Aufstehen auch genug Zeit sein würde. Zeitplanung ist immer weniger meine Stärke…
Ich habe einen mittelgroßen, das heißt für meine Verhältnisse sehr kleinen Rucksack, meinen Laptop und mal wieder eine Tasche mit Kleidung für meine albanische Freundin in Regensburg dabei. Ich frage mich, wie viel Kleidung der Mensch brauchen kann. Jedes Mal wenn ich nach Deutschland fliege, habe ich eine Tasche für sie dabei. Und natürlich einen Umschlag mit Geld von ihren Eltern. Es tut mir jedes Mal Leid, wenn ich von ihnen Geld mitnehme. Die Familie arbeitet so hart, um Geld zu verdienen – der Vater auf dem Bau, die Mutter im Gefängnis, die Brüder in Griechenland, der Schwager in Italien – und das Geld ist in Deutschland so leicht ausgegeben.

Zehn Minuten vor der abgemachten Zeit klingelt mein Handy. Es klingelt ein Mal, dann wird wieder aufgelegt – Zile, heißt das. „Ich bin da“ ist die Botschaft. Telefonieren mit dem Handy ist in Albanien unverschämt teuer. Scheiß Vodafone, Halsabschneider sind das! Mein Taxifahrer ist der pünktlichste Mensch Albaniens. Er heißt Zeneli. Ich bin das erste Mal mit ihm zum Flughafen gefahren und seitdem rufe ich ihn immer an. Er kommt mich abholen, mitten in der Nacht, morgens um vier, alles kein Problem. Einmal hat er seine Frau mitgebracht, damit sie mich kennenlernt. Und damit ich weiß, dass ich zu keiner Tages- oder Nachtzeit Angst haben muss, allein mit ihm im Auto zu sein. Ich weiß alles über seine beiden Söhne, seine verheiratete Tochter (natürlich habe ich ihren Ehemann ausgesucht, ich kann sie doch nicht einfach mit irgendeinem zusammen kommen lassen. Ich trage doch die Verantwortung für sie…) und er viel über mich. Nur dass er denkt, dass ich in Durrës Albanisch studiere. Ich erzähle den Menschen manchmal unterschiedliche Geschichten darüber, wer ich bin, weil mich die ewige Fragerei und die ewige gleiche Antworterei langweilen. Jedes Mal sagt er mir liebe Grüße an meinen Vater.

Ich packe den restlichen Käse, die letzte Gurke und den Rest Brot aus der Küche ein. Ich werde das alles Zeneli geben – dann hat er gleich was zum Frühstück. Dann schalte ich den Boiler aus, schließe ab und fahre mit dem Fahrstuhl die 14 Stockwerke hinunter. Normalerweise gehe ich zu Fuss, für ein bißchen Fitness, und manchmal auch zu Fuss hinauf – aber um 4.30…

Zeneli erwartet mich mit seinem kleinen Golf. Eigentlich ist er kein Taxifahrer, denn sein Auto ist kein Taxi. Einfach nur ein PKW, der Leute hin und her fährt. Taxischein hat er keinen und Steuern zahlt er auch nicht. Einmal kamen wir in eine Polizeikontrolle und er flüsterte mir aufgeregt zu „Nenn mich Djadji Zeneli, Onkel Zeneli – sie dürfen nicht wissen, dass ich als Taxifahrer arbeite“. Wir fahren also los, um die Ecke, und dort liegt ein schwarzer Jeep auf dem Dach auf der Straße. Das Glas ist aus allen Fenstern gebrochen und über den Asphalt verstreut. Darum herum stehen ein paar junge Männer und rauchen. Wir fahren kommentarlos vorbei. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon wach bin, oder noch träume. Dieses Land ist doch wundersam…

Als wir auf die Autobahn in Richtung Tirana fahren und wir uns gerade über den letzten politischen Mord (nächsten Sonntag sind Wahlen) unterhalten, geht die Sonne hinter den Bergen auf. Ich kenne kein Land, in dem man so schnell vom Meer zu den Bergen kommt wie in Albanien. Wolken und Nebel hängen vor den Bergen und die Sonne scheint mitten hindurch – die Umrisse der Berge leuchten phantastisch. Und wieder weiß ich nicht sicher, ob ich schon wach bin, oder noch träume. Dieses Land ist doch wunderbar…

Fünfwöchentliche Magengeschwüre

Eigentlich habe ich ja schon ziemlich viel über den Alltag an der Uni berichtet. Ich weiß daher nicht, inwieweit ich mich wiederhole. Überhaupt muss ich gestehen, dass es bei all den vielen Eindrücken, die mich die vergangenen zwei Jahre überflutet haben, sehr schwer ist zu wissen, wem ich wovon schon erzählt habe und wem nicht. Oder selbst eine klare Erinnerung daran zu haben, was ich auf diesem Blog schon gepostet habe.


Es gibt ein Thema, welches mich halbjährlich, das heißt semesterendlich, zur Verzweiflung bringt: das Thema Prüfungen. Um es genau zu sagen, hat es mich in Elbasan halbjährlich zur Verzweiflung gebracht. Hier in Durres haben wir alle fünf Wochen Prüfungen und so bring es mich nun fünfwöchentlich zur Verzweiflung. So ein Chaos, so ein Lärm, so eine Disziplinlosigkeit und Unverfrohrenheit habe ich selten erlebt! Nun mag es wie gesagt sein, dass ich einigen von Euch bereits davon erzählt habe. Aber nachdem ich jedes Mal wieder so sehr von den Zuständen überrascht werde, kann ich wohl riskieren Euch ein zweites Mal davon zu berichten. Und das Gute ist: ich habe einen Ersatz für meine in Sarajevo flügge gewordene Kamera gefunden und so könnt Ihr Euch das Geschehen ein wenig besser vorstellen.



Auf diesem ersten Photo seht Ihr meine Gruppe in Entwicklungspsychologie II. Diese ‚II’ ist das Schöne an dieser Gruppe. Sie bedeutet, dass alle unmotivierten Studenten im ersten Semester bereits rausgeflogen sind. Und so hatte ich im Sommersemester eine phantastische Truppe von 21 interessierten und klugen Leuten. Es war eine Freude! Nun klingt es ganz einfach dieses ‚rausgeflogen’, in Wirklichkeit hat mich das jedoch einige Nerven gekostet und mir einige Feinde beschert. Ich habe mich bei den Studenten, die sich zumindest ein wenig bemüht hatten zu lernen, doch wirklich sehr schwer getan, sie durchfallen zu lassen. Das lag zum Einen daran, dass ich nicht gerne die Böse bin. Beliebt sein ist doch schöner als unbeliebt. Zum Anderen aber auch daran, dass ich mir bewusst wurde, dass meine Anforderungen im Vergleich zu den anderen Fächern sehr hoch waren. Ich kam ins Zweifeln, ob dies bei einem Wahlfach wie Entwicklungspsychologie gerechtfertigt sei? Und schließlich quälte mich die Tatsache, dass ich nicht genau wußte, welche Konsequenzen ein Durchfallen für die Studenten haben würde. So wie sie mir entgegen traten, war es das Ende der Welt. Wirklich? Einige Tränen hatte es dann leider gegeben, am Ende des Semsters und ‚die Deutsche’ hatte ihren Ruf weg… Einige Studenten kamen dennoch auch im zweiten Semster wieder zu mir „Unsere Noten sind zwar schlechter als bei den anderen Dozenten, aber wir lernen mehr und es interessiert uns so sehr, Dein Fach,“ begründeten sie ihre Wahl. Bei so einem Lob kann man ein paar feindliche Blicke im Treppenhaus schon ertragen. Mit diesen meinen Studenten hatte ich also während des zweiten Semesters und während der Prüfungen keinerlei Probleme. Nur Freude! Ab und zu musste ich höchstens schmunzeln, zum Beispiel darüber, dass sie Zucker auf die Bänke streuen. Das soll Glück für die Prüfung bringen.



Schwierig wurden für mich die Prüfungen, in denen ich meinen Kollegen als Aufsicht zur Seite stehen mußte. Da bot sich manchmal ein Anblick wie in diesem Photo:



Ich weiß noch, wie wir in interkultureller Psychologie über unvereinbare Werte und die Unmöglichkeit gewisse Prinzipien an die fremdkulturelle Lebensweise anzupassen geredet hatten. Stichwort: Schiffbruchs-Dilemma, falls sich noch jemand erinnert. Und ebenso eingeklemmt wie bei der Frage, wer von Bord des Schiffs ins Meer springen soll, um die anderen zu retten: der Ehebrecher, die alte Frau, das Kleinkind, die Drogenabhängige (welches Leben also am wenigsten Wert sei), fühlte ich mich bei diesen Prüfungsaufsichten eingeklemmt. Für mich ist es kein Kavaliersdelikt, wenn man in der Prüfung die Antworten aus seinem Handy abschreibt, wenn man das aufgeklappte Kursbuch unter dem Tisch liegen hat, wenn man die gesamte Wand zu seiner Linken, Bank und Stuhl mit dem Lernstoff verziert hat, wenn man sich die Oberschenkel mit Kugelschreiber tätowiert hat und ab und zu das Röckchen lüpft, wenn kleine beschriebene Zettelchen in der Klasse herumfliegen wie Staubkörner oder wenn man sogar die Unterseite seiner Handtasche mit den wichtigsten Stichwörtern versehen vor sich auf die Bank legt. Nicht dass ich nicht verstehe, dass man das versucht. Ich war ja selbst lange genug in Schule und Uni, Gott bewahre! Aber wenn man dann ertappt wird, kann man höchstens noch weinen und um Verzeihung bitten, aber doch nicht hervorrotzen: „Nimm die Hände von meinem Buch. Ich bin viel zu schlecht, ich kann die Prüfung ohne das Buch gar nicht schaffen. Was verlierst Du denn bitte, wenn ich diese Prüfung bestehe?“ In diesem Moment, wenn ich diskuttieren muss, weil ich frecher Weise einen Studenten beim Spicken erwischt habe, wenn der Lärmpegel im Prüfungssaal so hoch ist, dass man die Fragen der Studenten nicht mehr verstehen kann und der jeweilige Kollege nur lächelnd die Reihen entlang spaziert, dann kriege ich dasselbe Gefühl im Bauch wie beim Schiffbruchs-Dilemma. Könnte Schreien, Kotzen und die Studeten verprügeln. Wozu machen wir uns denn die Arbeit, alle fünf Wochen Prüfungen zu entwerfen, durchzuführen und zu korrigieren, wenn sie dann in solch einer Clownshow enden? Wozu überhaupt dieser ganze Scheinapparat von Universität, wenn man nicht lernen muss, um seinen Abschluss zu erhalten? Mir ist das wirklich zu blöd…


Und nach jeder dieser Assistenzen bin ich völllig fix und fertig, durch den Kampf der in mir tobt, zwischen meinen Werten und dem Versuch, alles gelassen dem Dozenten zu überlassen, der für die Klasse zuständig ist. Und aus diesem Kampf heraus entsteht auch das Bedürfnis, Euch allen immer wieder davon zu berichten. Verzeiht mir also die Wiederholungen! Und versteht mich nicht falsch – es sind nicht alle albanischen Studenten faul und undiszipliniert. Einigen Dozenten fehlt es nur am Mut ihnen gegenüber die Strenge zu zeigen, die sie bräuchten, um zu lernen. Und um mir ein paar Magengeschwüre zu ersparen.


Das ist jedenfalls meine Sichtweise. Aber vielleicht nehme ich auch alles zu ernst. Und mir fehlt einfach nur die nötige Gelassenheit, um mir selbst meine Magengeschwüre zu ersparen?

Freitag, 3. April 2009

Einwanderung - Auswanderung - Umwanderung: Immer eine Frage der Perspektive

Schon lange möchte ich etwas über das Thema illegale Einwanderer, Visa etc. schreiben. Es ist in Albanien ein unendlich wichtiges Thema. Hier habe ich die andere Seite der Medallie kennen gelernt. Ich habe lange überlegt, wie ich es schaffen kann, in Deutschland Verständnis für die Situation der "Illegalen" zu gewinnen. Jetzt habe ich mich entschieden zunächst einmal einen meiner Studenten sprechen zu lassen.


Diesen Text bekam ich von ihm zum Thema "schwierige Ereignisse in meinem Leben/ difficult life events":


It was May 2005. At this time I worked for a shipping company which operated in the Adriatic Sea with two passenger ships, whose names were “La Vikinga Lines” and “Millenium Star”. They transported passengers from Bari Port (Italy) to Durrës Port (Albania) and vice versa.


One day the captain cancelled sailing for bad weather so we stayed in Bari. All crew members had trouble because they had not been payed for more than six months. In the morning the captain came on board and informed us about financial difficulties of the company. He predicted that the company may be bankrupt soon. All of us were worried about loosing our job and money. But the most important decision for us to take was: to stay illegally in Italy or to go back to Durrës? I had never been in such a dilemma in my life.


It was a tag of war. First I called my wife who reminded me about the difficult age of our two sons. Moreover she said that the father’s presence at home is more authoritative than that of the mother especially for boys. Then I called my sister who invited me to go to work in Livorno, Italy, the city where she lived with her family. But she advised me to think of my family which I had left in Albania. In addition my sister advised me that “Your sons being adolescents and thinking that their father is abroad they can become victims of drugs, smoking etc….”


Being in this condition I had to choose between staying in Italy, which offered having a better life than in Albania, but far away from my family. Or coming back to Albania, which offered unemployment and poverty, but being close to my family, to which I had dedicated all my life…


The next day I came back to Durrës.


Now, after 4 years, in spite of all the difficulties I have, I haven’t regretted this decision I made. Family is much more precious than money.

Freitag, 20. März 2009

Freitag der 13. Schon wieder?

Freitag, 6 Stunden Deutschunterricht am Stück. Im ersten Semester hatte ich 60 Studenten in einer Gruppe.Auf deren und meinen eigenen Wunsch hin bin ich daher alle Instanzen durchlaufen: Institutsleiterin, Vizedekanin, Dekan, Rektor. Mit der Bitte um eine Aufteilung in zwei Gruppen. Und zum Dank haben sich jetzt trotzdem fast alle in einen Kurs eingeschrieben. Einer mit 40 Leuten, einer mit 5. Wo bleibt da der Rest, mag der aufmerksame Beobachter sich fragen? Ich habe sie aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse durchfallen lassen. Zum Einen, weil ich es nicht einsehe, Studenten bestehen zu lassen, die nicht einmal meine alltägliche Frage „Hallo, wie geht es Euch?“ beantworten können, durchkommen zu lassen. Zum Anderen aber auch, ich gebe es ja zu, als eine Art Albanien-Experiment. Um zu sehen, was passiert, wenn tatsächlich Studenten nicht bestehen. Und siehe da, sie tauchen in der Tat nicht mehr auf! Aus Elbasan habe ich gerade erfahren, dass einige Studenten, die im 3. Jahr absolut kein Deutsch beherrschten und bei mir durchgefallen waren, wundersamerweise wieder aufgetaucht waren. Sie hatten wohl eine Nachholprüfung bestanden, zu der ich vorsichtshalber nicht eingeladen worden war.

Nun ja, jedenfalls saß ich mit den 5 Studenten der 2. Gruppe im Klassenzimmer, als der Vizerektor zur Kontrolle vorbeikam. Das an sich ist nichts Ungewöhnliches. Wir müssen vor und nach jeder Stunde unterschreiben, dass wir anwesend waren und Dekane, Vizerektoren und Chefsekretärinnen kommen zusätzlich vorbei und stecken ihre Köpfe zur Tür herein. „Vertrauen ist gut, Kontrolle…“. Der Vizerektor machte anhand der kleinen Gruppe allerdings ein überraschtes Gesicht. „Das müssen wir mit dem Dekan besprechen“.

„Ja ja, aber heute nicht mehr“, waren meine ersten – selbstverständlich nicht geäußerten – Gedanken. Ihm gegenüber wippte ich mit einem Lächeln auf den Lippen meinen Kopf hin und her, ähnlich wie beim Kopfschütteln. „Ja,“ bedeutet das hier. Manchmal ganz praktisch. Es macht es einem einfacher, Ja zu sagen, aber Nein zu denken.

Jedenfalls hatte ich andere Pläne. Es war Freitag der 13. März (in diesem Jahr hatten wir 2 Mal Freitag den 13. hintereinander. Ist das irgendjemandem aufgefallen?), also Zeit zum Sommerfest nach Elbasan zu fahren. Ja, Ihr habt schon richtig gelesen. Am 14. März wird in Albanien traditionell der „Tag des Sommers – Dita e Verës“ gefeiert. Und damit der Winter verabschiedet! Es tut mir leid, das so sagen zu müssen, wo in Deutschland ja gerade einmal wieder Schneefall angesagt ist…

Also, zurück zu besagtem Freitag. Da ich vom Unterrichten müde war, beschloss ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Um vielleicht ein bißchen schlafen zu können. Ab ging es also zu Fuß zum Bahnhof. Nicht das es um diese Uhrzeit Züge nach Elbasan geben würde. Es gibt nur einen pro Tag und der fährt morgens um fünf. Aber die privaten Minibusse fahren von dort. Leider war es schon zu 17.30 Uhr und daher sah ich keine mehr. Auf meine Anfrage sagt mir ein Mann, dass die Minibusse, Furgon heißen sie hier, manchmal vom Ende der Stadt fahren. Ich sprang also in den nächsten Bus und fuhr zum Ende der Stadt. Als ich dort ankam war es dunkel geworden und das ist in Albanien nie ein gutes Zeichen. Bei Einbruch der Dunkelheit verabschieden sich die Menschen mit „Natën e mirë“, was „Gute Nacht“ bedeutet und es gilt als ziemlich riskant, noch von einer Stadt in die andere zu reisen. Was habe ich mit liebevollen albanischen Mamas nicht schon für Kämpfe ausgestanden

„Du schläfst heute hier!“

„Nein, ich fahre nach Hause.“

„Du spiiiiinnst ja! Das ist viel zu gefährlich.“

„Ich glaube nicht.“

„Ja, weil Du keine Albanerin bist. Du hast ja keine Vorstellung wiiiiiieeee gefährlich es hier ist. Nicht einmal ich gehe nachts aus dem Haus. Nur Männer sind dann unterwegs.“

„Das stimmt. Aber ich werde trotzdem nach Hause fahren.“

„Du spiiiinnst ja!“ usw.

Ich weiß, man sollte sich über Warnungen nicht lustig machen, denn dann kommt es genau so. Wir kennen das ja von den Märchen – wer die alten Weiber auslacht, wird vom Einäugigen gefressen. Aber einmal ehrlich, es ist doch schwierig eine Warnung vor dem Reisen bei Dunkelheit von jemandem anzunehmen, der selbst bei Dunkelheit noch nie draußen war, oder nicht?

Ich schweife schon wieder ab…

Also, ich stieg aus dem Stadtbus am Ende der Stadt, wo nur ein paar dunkle Männer-Cafes und Sendviç-Buden zu finden waren. Wer schon mal auf dem Balkan unterwegs war, versteht denke ich diesen Neologismus – er bezeichnet eigentlich einfach nur Räume, ohne Dekoration, ohne irgendetwas Gemütliches, einfach mit Plastikstühlen, Plastiktischen und trinkenden und rauchenden (Plastik-)Männern. Ich entschied mich gegen die Männer-Cafes und fragte an einer Bude um Rat. „Wenn Du bis nach Rrogozhinë, in die nächste Stadt kommst, findest Du da sicher eine Möglichkeit.“ Ähnlich wie die Warnungen der älteren Frauen kam mir auch dieser Ratschlag suspekt vor. Ob dieser Sendvicler jemals um diese Uhrzeit in Rrogozhinë war? Gerade wollte ich mich geschlagen geben und zurück fahren, als eine weibliche Stimme aus dem Auto neben der Bude rief „Steig ein, wir nehmen Dich bis dahin mit. Hab keine Angst.“

Die liebe Mama mit ihrem Sohn und ihrem Neffen kamen gerade von der Arbeit in Tirana. Sie war Chefin einer Baufirma, die sie nach der Wende selbst gegründet hatte. „Meine beiden Jungs hier sind meine Kumpels“, sagte sie lachend und schlug dem Fahrer auf die Schulter, der gerade zum Überholen angesetzt hatte. Eine Powerfrau, wie ich bisher nicht viele kennengelernt habe. „Wärst Du Albanerin, hätten wir Dich nie mitgenommen, aber als Ausländerin…Komisch, wir Albaner helfen immer mehr den Ausländern, als unseren eigenen Leuten. Denen gegenüber sind wir immer mißtrauisch.“ Als sie herausgefunden hatten, dass ich Deutsche bin, folgte die übliche Lobeshymne auf die Deutschen „Ach, was für korrekte Leute das doch sind. So zuverlässig und fleißig. Wir haben oft mit deutschen Baufirmen zusammen gearbeitet, das war immer sehr angenehm. Und sogar als Belagerer waren die Deutschen viel angenehmer als die Italiener. Zumindest wenn keine Partisanen im Spiel waren!“ Der übliche gutgemeinte Satz „Wir und die Deutschen, wir sind ja eigentlich eine Rasse“, blieb dieses Mal Gott sei Dank aus. Vielleicht hatten sie instinktiv gespürt, wie viel Überwindung es mich immer kostet mit einem Lächeln zu erwiedern „Ach wissen Sie, wir Deutschen sprechen gar nicht so gerne über dieses Thema. Wir hatten mal einen Führer, der zu lange darauf rumgeritten ist, wenn Sie verstehen was ich meine. Jetzt finden wir die Rasse einer Person nicht mehr so wichtig…“.

Wir fuhren also unter lebhafter Diskussion an der Kleinstadt, in der die drei eigentlich wohnten weiter, in besagte Stadt. Und dort angekommen fanden wir…

Nichts. Die Stadt war wie leergefegt. Kein Furgon, kein Bus, kein Taxi. Nichts. In diesem Moment verließ mich zum ersten Mal mein übliches Gottvertrauen, dass alles sich schon lösen läßt. Mir wurde etwas mulmig zumute.

„Wir lassen Dich auf keinen Fall einfach hier alleine zurück“, sagte die Baufirmafrau mit Namen Shukria, die plötzlich auch ihre albanische Mama-Seite zu entdecken schien. Und zum ersten Mal war mir das in diesem Moment gar nicht unangenehm. Wir warteten etwas hilflos, bis ein großer Reisebus anhielt. „Der fährt bestimmt nach Mazedonien , also an Elbasan vorbei“, schlug ich vor und so fuhren wir hin. Kaum angekommen, lief der Fahrer uns entgegen „Elbasan? Elbasan?“ rief er und wedelte völlig aufgeregt mit den Händen. Wir drei im Auto lachten vor Glück, verabschiedeten und mit Küßchen links-rechts, wie das hier üblich ist, ich packte meine Sachen und rannte zum Bus.

Ich stockte erst, als ich das Pappschild mit der Aufschrift „Milano“ in der Windschutzscheibe sah. Na klar, woher hätten sie auch wissen können, dass ich nach Elbasan will? Wie dumm! Sie hatten auf einen Fahrgast aus Elbasan gewartet.

Nächste Idee: die Polizeistreife von Rrogozhinë anhalten, mit der der Neffe befreundet war. Die Jungs würden dann eine Fahrzeugkontrolle durchführen und das sympathischste Auto verpflichten mich mitzunehmen. Ganz einfach. Einige Telefonnate später begann ich langsam vor Scham in meinem Sitz zu verschwinden, bis der Sohn schließlich sagte „Also bei dem Theater hätten wir sie doch längst selbst nach Elbasan fahren können, oder?!“. Shukria drehte sich zu mir um: „Gibst Du uns einen Kaffee aus, in Elbasan?“ und schon waren wir wieder unterwegs.

Shukria kicherte wie ein junges Mädchen und auch die Jungs waren plötzlich äußerst munter. Wieder wurden die Deutschen gelobt und ich versuchte sie vergebens davon zu überzeugen, dass gerade so eine spontane Aktion mit Deutschen absolut undenkbar wäre.Eine Familienmama (wow, ein schönes Wort) auf dem Heimweg von der Arbeit nimmt – einfach Fahrtzeit – 1.5 Stunden in Kauf, um eine kleine Ausländerin zu ihren Freundinnen zu bringen? Mitten in unser ausgelassenes Kichern hinein klingelte das Telefon des Sohnes, „Nusja, die Ehefrau“. Wir verstummten und er nahm ab. „Schatz, Du wirst es nicht glauben, aber wir sind auf dem Weg nach Elbasan… Ja, wirklich… Nein, das war natürlich nicht meine Idee…“ Er wurde blaß. „Gib sie mir,“ sagte Shukria, „Na, mein Herz, wie geht es Dir? … Nein, er macht natürlich nur Spaß. Wir sind noch in Tirana. Wir hatten heute so viel Arbeit! … Nein, nein, warte nicht mit dem Essen auf uns, es wird sehr spät heute. … ja, mach Dir keine Sorgen, bis später.“ Als sie auflegte platzten wir alle vier vor Lachen und hörten bis Elbasan nicht mehr auf. Aus dem versprochenen Kaffee wurde ein Abendessen in der schönen Burg von Elbasan, das mit den Worten endete „Ich freue mich, heute Abend eine Tochter gewonnen zu haben.“ So begann meine Sommernacht in Elbasan schon auf der Fahrt, die ich eigentlich schlafend verbringen wollte. Was einem nicht alles entgehen kann, wenn man schläft?!

Hatte ich mal erwähnt, dass Albanien voller wunderbarer Überraschungen steckt? Und würde jetzt erst das eigentliche Fest in Elbasan werden? Und wer hat eigentlich behauptet, dass Freitag der 13. ein Unglückstag ist?

Dienstag, 10. Februar 2009

Ungewöhnlich gewöhnlich? Gewöhnlich ungewöhnlich?


Ich dachte mir, jetzt werde ich einfach mal den Augenblick festhalten. Ganz authentisch. Es ist Samstag Abend, 00:43 Uhr. Das heißt, eigentlich ja dann schon Sonntag früh, 00:43 Uhr. Es kommt nur auf die Perspektive an. Blickt man nach vorne oder zurück. Wie beim Zugfahren also. Die Pessimisten und die Optimisten…


Ich bin gerade nach Hause gekommen. Vielleicht etwas früh, aber doch nicht ungewöhnlich früh. Ich war mit meiner Büro-Mitbewohnerin und ihrem Mann im Irish Pub. Es hat eine Liveband gespielt, Guns n’ Roses, Tracey Chapman u.a. und wir haben dazu zwei Flaschen Wein ausgetrunken. Klingt ganz gewöhnlich, oder? Der Irish Pub befindet sich in dem Hochhaus, in dem ich wohne. Meine Wohnung ist im 14. Stock, der Pub im 3. Vielleicht nicht ganz gewöhnlich, aber praktisch! Zum Essen hatten wir uns eine Pizza vom Restaurant nebenan bestellt, die in den Pub geliefert wurde - nicht ganz gewöhnlich? Als wir unsere zweite Flasche italienischen Rotwein für 25.- Euro bestellten kam diese ohne Rechnung. „Ist schon bezahlt,“ sagte der Kellner, „von dem Herrn am Tisch hinter Ihnen.“ Am Tisch hinter uns saß eine meiner Studentinnen mit ihrem Ehemann, Das ist vielleicht doch eher etwas ungewöhnlich, aber meine lautstarken Proteste wurden von allen Seiten einfach ignoriert. Sowohl von meiner Begleitung als auch von derjenigen meiner Studentin.


Eine halbe Stunde später kam dann die Polizei, weil die Nachbarn sich beschwert hatten. Ich hatte die Musik aus dem Pub bevor wir losgezogen waren bei mir im 14. Stock auch hören können. Die Beschwerde daher, denke ich, ganz gewöhnlich. Zumindestens, wenn man zwei Jahre über Tarantels gewohnt hat… Als die Polizei wieder weg war, hatte sich nichts geändert. Die Band spielte in voller Lautstärke weiter. Gewöhnlich, oder ungewöhnlich?


Soeben sitze ich im Pulli auf meinem Balkon, blicke über Durrës und schreibe diese Zeilen auf. Es ist der 07. Februar. Ungewöhnlich frühlingshaftes Wetter, aber genial! Ich bin etwas betrunken von dem Wein und werde jetzt einfach schlafen gehen. Ganz gewöhnlich, oder?! Naja, wer bestimmt schon, was gewöhnlich oder ungewöhnlich ist? Ois reladiv, wie man bei uns so schön sagt.

Donnerstag, 29. Januar 2009

Meine neue Heimat – oder dass ich doch Recht hatte




Bei einer kurzen Stöberrunde durch meine bisherigen Erzählungen ist mir aufgefallen, dass ich Euch meine neue Heimatstadt Durrës eigentlich noch gar nicht vorgestellt habe. Durrës ist (vermutlich – denn exakte Zahlen hat irgendwie niemand – Volkszählung? Aufwendig…) die zweitgrößte Stadt Albaniens, nach Tirana. Die Stadt Durrës hat drei entscheidende Vorteile: erstens, sie liegt am Meer. Ich denke dazu ist nicht viel zu sagen. Der Genuss lässt sich ganz schlicht und überzeugend in diesem kleinen Satz ausdrücken: Durrës liegt am Meer.Wobei ich mich in manchen dieser seltenen Momente, in denen ich mir überlege, ob ich nicht doch anfangen sollte, an Gott zu glauben, frage, womit ich das alles verdient habe. Nicht genug damit, dass ich jetzt am Meer wohne. Sondern das Meer liegt auch noch im Westen, was bedeutet, dass die Sonne allabendlich ganz wunderbar darin versinkt.



Der zweite Vorteil ist, dass die Stadt nur 30 Minuten von Tirana entfernt liegt. Dies katapultiert das verfügbare Nachtleben im Vergleich zu Elbasan in schwindelerregende Höhen und stellt meiner hungrigen Seele eine Oper, ein Nationaltheater, eine Kunstakademie und ein alternatives Kino in der Filmakademie zur Seite. „Ansichten eines Clowns“, „Monsieur Ibrahim und die Blüten des Koran“, „Dreigroschenoper“, „The dumb waitor“, „Antigone“, „Die drei (albanischen) Tenöre“, „Lucia di Lammermoor“, „Whistle in the dark“ und zwei weitere Opern, deren Namen ich bereits vergessen habe – Asche auf mein Haupt – hat mir das alleine im November und Dezember bereits beschert.


Schließlich hat Durrës – vielleicht aufgrund der frischen Meerluft, aufgrund des Hafens und der Nähe zu Italien (d.h. aufgrund von Vorteil 1), vielleicht aufgrund seiner Größe und seiner Nähe zu Tirana (d.h. aufgrund von Vorteil 2) bedeutend weniger erstickende Provinzialität als Elbasan.


Als ich meine Nachfolgerin in Elbasan, die neue Boschlektorin, vor ihrer Ausreise kennen lernte und ihr von Albanien erzählte, widersprach sie mir zunächst einmal ständig. Nein, die Uni ist doch gar nicht so chaotisch. Übertreib nicht, die Studenten sind doch gar nicht so schlecht. Ach was, es ist doch gar kein Problem als Frau alleine unterwegs zu sein. Das ist ganz normal. Nein, es wird auch in Albanien abends gefeiert und weggegangen. Ach komm, die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in Albanien sind doch wie bei uns auch… Sie ist mit einem Albaner verheiratet und hat bereits längere Zeit in Tirana gelebt, so dass ich mir ziemlich dämlich vorkam. Hatte ich denn alles falsch verstanden? War ich denn in einem Gedankengebilde von Albanien gefangen, das in meinem Kopf entstanden war und die Realität ausblendete?

In Durrës fällt der Strom auch aus. Aber im nächsten Augenblick springen die Generatoren an, so dass einem das Dunkel im Treppenhaus so vorkommt, als hätte man zu langsam geblinzelt. Kein Vergleich mit den langen, stillen Abenden bei Kerzenschein. Auch in Durrës habe ich Studenten, die nichts verstehen und auch gar keinen Wert darauf legen. Aber es gibt auch diejenigen, die zwischen den Unterrichtsstunden in mein Büro kommen und fragen, was denn für die nächste Woche zu lesen sei. Die die Gesamtzahl aller möglichen Punkte in der Klausur erreichen. Die fragen, ob sie nicht vielleicht einmal ein Referat halten dürften, weil sie das so gerne üben würden. Kein Vergleich mit meinen stummen G

ermanistikstudenten in Elbasan, die stolz verkündeten, 4 Wörter Deutsch zu können, da sie sich im 4. Jahr befänden! Einer von denen hat gerade als Deutschlehrer angefangen, wohingegen meine ehemals beste Studentin immernoch verzweifelt eine Stelle sucht. Sie weigert sich die 3000 Euro Bestechungsgeld an den Bildungsbeauftragten vom Kreis Elbasan zu bezahlen. Und ihre Familie ist sehr arm, ihr Bruder sitzt im Gefängnis – sie haben wenig einflußreiche Freunde. Soviel zum Thema Korruption in Elbasan.


In Durrës an der Uni habe ich Leute kennen gelernt, die ihre Stellen haben, weil sie dafür qualifiziert sind. Die motiviert sind, die hart arbeiten und die ich sehr schätze.Abends gehen die Leute in der Stadt und auf der Promenade spazieren, auch im Winter. Morgens küssen sich die Liebespaare auf dem Weg zur Uni. Zwar flüchtig. Und mit Blick über die Schulter. Aber wer nimmts schon so genau? Und in mei

ner Theatergruppe sind dieses Mal auch drei Jungs. Sehr kompetente und engagierte Jungs, mit denen ich ganz wunderbar arbeiten kann. So wie mit den Mädchen eben auch. Wir arbeiten jetzt sogar mit festem Probenplan und dürfen den Konferenzsaal der Uni für unsere Proben benutzen. Naja, die Uni heißt ja auch Aleksander Moisiu, nach dem bekannten albanischen Schauspieler, der in Österreich lebte.


Was das zuvor beschriebene Gedankenbilde im Kopf angeht, so muss ich mir nun hinsichtlich meines Albanienbildes selbst widersprechen. Und meiner Nachfolgerin Recht geben. Und zugleich weiß ich auch, dass ich Recht hatte. Ich habe Elbasan schon richtig verstanden. Und ich bin überzeugt, dass es Orte in Albanien gibt, die noch extremer sind. Mit einem Anfang in Elbasan bin ich ganz schön ins kalte Wasser geworfen worden. Aber die guten Herzen der Menschen dort haben mich aufgefangen und aufgewärmt. Ich bin froh, dass ich jetzt auch die modernere Seite von Albanien kennen lernen durfte. Und ich bin froh, dass mein Leben dieses Jahr etwas weniger abenteuerlich ist. Aber Elbasan will ich nicht missen, auf keinen Fall!


Immerhin, Durrës hat nicht nur Vorteile. Ich habe bedeutend mehr Abende alleine in meiner Wohnung verbracht als in Elbasan. Und mein liebes blaues Fahrrad ist schon im ersten Monat gestohlen worden. Obwohl es fest abgesperrt war…Ganz Elbasan wußte wem dieses Fahrrad gehört und nie hätte es jemand angerührt. Es hat eben alles seine Vor- und Hinterteile, wie mein Papa so schön sagt.