Freitag, 6 Stunden Deutschunterricht am Stück. Im ersten Semester hatte ich 60 Studenten in einer Gruppe.Auf deren und meinen eigenen Wunsch hin bin ich daher alle Instanzen durchlaufen: Institutsleiterin, Vizedekanin, Dekan, Rektor. Mit der Bitte um eine Aufteilung in zwei Gruppen. Und zum Dank haben sich jetzt trotzdem fast alle in einen Kurs eingeschrieben. Einer mit 40 Leuten, einer mit 5. Wo bleibt da der Rest, mag der aufmerksame Beobachter sich fragen? Ich habe sie aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse durchfallen lassen. Zum Einen, weil ich es nicht einsehe, Studenten bestehen zu lassen, die nicht einmal meine alltägliche Frage „Hallo, wie geht es Euch?“ beantworten können, durchkommen zu lassen. Zum Anderen aber auch, ich gebe es ja zu, als eine Art Albanien-Experiment. Um zu sehen, was passiert, wenn tatsächlich Studenten nicht bestehen. Und siehe da, sie tauchen in der Tat nicht mehr auf! Aus Elbasan habe ich gerade erfahren, dass einige Studenten, die im 3. Jahr absolut kein Deutsch beherrschten und bei mir durchgefallen waren, wundersamerweise wieder aufgetaucht waren. Sie hatten wohl eine Nachholprüfung bestanden, zu der ich vorsichtshalber nicht eingeladen worden war.
Nun ja, jedenfalls saß ich mit den 5 Studenten der 2. Gruppe im Klassenzimmer, als der Vizerektor zur Kontrolle vorbeikam. Das an sich ist nichts Ungewöhnliches. Wir müssen vor und nach jeder Stunde unterschreiben, dass wir anwesend waren und Dekane, Vizerektoren und Chefsekretärinnen kommen zusätzlich vorbei und stecken ihre Köpfe zur Tür herein. „Vertrauen ist gut, Kontrolle…“. Der Vizerektor machte anhand der kleinen Gruppe allerdings ein überraschtes Gesicht. „Das müssen wir mit dem Dekan besprechen“.
„Ja ja, aber heute nicht mehr“, waren meine ersten – selbstverständlich nicht geäußerten – Gedanken. Ihm gegenüber wippte ich mit einem Lächeln auf den Lippen meinen Kopf hin und her, ähnlich wie beim Kopfschütteln. „Ja,“ bedeutet das hier. Manchmal ganz praktisch. Es macht es einem einfacher, Ja zu sagen, aber Nein zu denken.
Jedenfalls hatte ich andere Pläne. Es war Freitag der 13. März (in diesem Jahr hatten wir 2 Mal Freitag den 13. hintereinander. Ist das irgendjemandem aufgefallen?), also Zeit zum Sommerfest nach Elbasan zu fahren. Ja, Ihr habt schon richtig gelesen. Am 14. März wird in Albanien traditionell der „Tag des Sommers – Dita e Verës“ gefeiert. Und damit der Winter verabschiedet! Es tut mir leid, das so sagen zu müssen, wo in Deutschland ja gerade einmal wieder Schneefall angesagt ist…
Also, zurück zu besagtem Freitag. Da ich vom Unterrichten müde war, beschloss ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Um vielleicht ein bißchen schlafen zu können. Ab ging es also zu Fuß zum Bahnhof. Nicht das es um diese Uhrzeit Züge nach Elbasan geben würde. Es gibt nur einen pro Tag und der fährt morgens um fünf. Aber die privaten Minibusse fahren von dort. Leider war es schon zu 17.30 Uhr und daher sah ich keine mehr. Auf meine Anfrage sagt mir ein Mann, dass die Minibusse, Furgon heißen sie hier, manchmal vom Ende der Stadt fahren. Ich sprang also in den nächsten Bus und fuhr zum Ende der Stadt. Als ich dort ankam war es dunkel geworden und das ist in Albanien nie ein gutes Zeichen. Bei Einbruch der Dunkelheit verabschieden sich die Menschen mit „Natën e mirë“, was „Gute Nacht“ bedeutet und es gilt als ziemlich riskant, noch von einer Stadt in die andere zu reisen. Was habe ich mit liebevollen albanischen Mamas nicht schon für Kämpfe ausgestanden
„Du schläfst heute hier!“„Nein, ich fahre nach Hause.“
„Du spiiiiinnst ja! Das ist viel zu gefährlich.“
„Ich glaube nicht.“
„Ja, weil Du keine Albanerin bist. Du hast ja keine Vorstellung wiiiiiieeee gefährlich es hier ist. Nicht einmal ich gehe nachts aus dem Haus. Nur Männer sind dann unterwegs.“
„Das stimmt. Aber ich werde trotzdem nach Hause fahren.“
„Du spiiiinnst ja!“ usw.
Ich weiß, man sollte sich über Warnungen nicht lustig machen, denn dann kommt es genau so. Wir kennen das ja von den Märchen – wer die alten Weiber auslacht, wird vom Einäugigen gefressen. Aber einmal ehrlich, es ist doch schwierig eine Warnung vor dem Reisen bei Dunkelheit von jemandem anzunehmen, der selbst bei Dunkelheit noch nie draußen war, oder nicht?
Ich schweife schon wieder ab…Also, ich stieg aus dem Stadtbus am Ende der Stadt, wo nur ein paar dunkle Männer-Cafes und Sendviç-Buden zu finden waren. Wer schon mal auf dem Balkan unterwegs war, versteht denke ich diesen Neologismus – er bezeichnet eigentlich einfach nur Räume, ohne Dekoration, ohne irgendetwas Gemütliches, einfach mit Plastikstühlen, Plastiktischen und trinkenden und rauchenden (Plastik-)Männern. Ich entschied mich gegen die Männer-Cafes und fragte an einer Bude um Rat. „Wenn Du bis nach Rrogozhinë, in die nächste Stadt kommst, findest Du da sicher eine Möglichkeit.“ Ähnlich wie die Warnungen der älteren Frauen kam mir auch dieser Ratschlag suspekt vor. Ob dieser Sendvicler jemals um diese Uhrzeit in Rrogozhinë war? Gerade wollte ich mich geschlagen geben und zurück fahren, als eine weibliche Stimme aus dem Auto neben der Bude rief „Steig ein, wir nehmen Dich bis dahin mit. Hab keine Angst.“
Die liebe Mama mit ihrem Sohn und ihrem Neffen kamen gerade von der Arbeit in Tirana. Sie war Chefin einer Baufirma, die sie nach der Wende selbst gegründet hatte. „Meine beiden Jungs hier sind meine Kumpels“, sagte sie lachend und schlug dem Fahrer auf die Schulter, der gerade zum Überholen angesetzt hatte. Eine Powerfrau, wie ich bisher nicht viele kennengelernt habe. „Wärst Du Albanerin, hätten wir Dich nie mitgenommen, aber als Ausländerin…Komisch, wir Albaner helfen immer mehr den Ausländern, als unseren eigenen Leuten. Denen gegenüber sind wir immer mißtrauisch.“ Als sie herausgefunden hatten, dass ich Deutsche bin, folgte die übliche Lobeshymne auf die Deutschen „Ach, was für korrekte Leute das doch sind. So zuverlässig und fleißig. Wir haben oft mit deutschen Baufirmen zusammen gearbeitet, das war immer sehr angenehm. Und sogar als Belagerer waren die Deutschen viel angenehmer als die Italiener. Zumindest wenn keine Partisanen im Spiel waren!“ Der übliche gutgemeinte Satz „Wir und die Deutschen, wir sind ja eigentlich eine Rasse“, blieb dieses Mal Gott sei Dank aus. Vielleicht hatten sie instinktiv gespürt, wie viel Überwindung es mich immer kostet mit einem Lächeln zu erwiedern „Ach wissen Sie, wir Deutschen sprechen gar nicht so gerne über dieses Thema. Wir hatten mal einen Führer, der zu lange darauf rumgeritten ist, wenn Sie verstehen was ich meine. Jetzt finden wir die Rasse einer Person nicht mehr so wichtig…“.
Wir fuhren also unter lebhafter Diskussion an der Kleinstadt, in der die drei eigentlich wohnten weiter, in besagte Stadt. Und dort angekommen fanden wir…
Nichts. Die Stadt war wie leergefegt. Kein Furgon, kein Bus, kein Taxi. Nichts. In diesem Moment verließ mich zum ersten Mal mein übliches Gottvertrauen, dass alles sich schon lösen läßt. Mir wurde etwas mulmig zumute.
„Wir lassen Dich auf keinen Fall einfach hier alleine zurück“, sagte die Baufirmafrau mit Namen Shukria, die plötzlich auch ihre albanische Mama-Seite zu entdecken schien. Und zum ersten Mal war mir das in diesem Moment gar nicht unangenehm. Wir warteten etwas hilflos, bis ein großer Reisebus anhielt. „Der fährt bestimmt nach Mazedonien , also an Elbasan vorbei“, schlug ich vor und so fuhren wir hin. Kaum angekommen, lief der Fahrer uns entgegen „Elbasan? Elbasan?“ rief er und wedelte völlig aufgeregt mit den Händen. Wir drei im Auto lachten vor Glück, verabschiedeten und mit Küßchen links-rechts, wie das hier üblich ist, ich packte meine Sachen und rannte zum Bus.
Ich stockte erst, als ich das Pappschild mit der Aufschrift „Milano“ in der Windschutzscheibe sah. Na klar, woher hätten sie auch wissen können, dass ich nach Elbasan will? Wie dumm! Sie hatten auf einen Fahrgast aus Elbasan gewartet.
Nächste Idee: die Polizeistreife von Rrogozhinë anhalten, mit der der Neffe befreundet war. Die Jungs würden dann eine Fahrzeugkontrolle durchführen und das sympathischste Auto verpflichten mich mitzunehmen. Ganz einfach. Einige Telefonnate später begann ich langsam vor Scham in meinem Sitz zu verschwinden, bis der Sohn schließlich sagte „Also bei dem Theater hätten wir sie doch längst selbst nach Elbasan fahren können, oder?!“. Shukria drehte sich zu mir um: „Gibst Du uns einen Kaffee aus, in Elbasan?“ und schon waren wir wieder unterwegs.
Shukria kicherte wie ein junges Mädchen und auch die Jungs waren plötzlich äußerst munter. Wieder wurden die Deutschen gelobt und ich versuchte sie vergebens davon zu überzeugen, dass gerade so eine spontane Aktion mit Deutschen absolut undenkbar wäre.Eine Familienmama (wow, ein schönes Wort) auf dem Heimweg von der Arbeit nimmt – einfach Fahrtzeit – 1.5 Stunden in Kauf, um eine kleine Ausländerin zu ihren Freundinnen zu bringen? Mitten in unser ausgelassenes Kichern hinein klingelte das Telefon des Sohnes, „Nusja, die Ehefrau“. Wir verstummten und er nahm ab. „Schatz, Du wirst es nicht glauben, aber wir sind auf dem Weg nach Elbasan… Ja, wirklich… Nein, das war natürlich nicht meine Idee…“ Er wurde blaß. „Gib sie mir,“ sagte Shukria, „Na, mein Herz, wie geht es Dir? … Nein, er macht natürlich nur Spaß. Wir sind noch in Tirana. Wir hatten heute so viel Arbeit! … Nein, nein, warte nicht mit dem Essen auf uns, es wird sehr spät heute. … ja, mach Dir keine Sorgen, bis später.“ Als sie auflegte platzten wir alle vier vor Lachen und hörten bis Elbasan nicht mehr auf. Aus dem versprochenen Kaffee wurde ein Abendessen in der schönen Burg von Elbasan, das mit den Worten endete „Ich freue mich, heute Abend eine Tochter gewonnen zu haben.“ So begann meine Sommernacht in Elbasan schon auf der Fahrt, die ich eigentlich schlafend verbringen wollte. Was einem nicht alles entgehen kann, wenn man schläft?!
Hatte ich mal erwähnt, dass Albanien voller wunderbarer Überraschungen steckt? Und würde jetzt erst das eigentliche Fest in Elbasan werden? Und wer hat eigentlich behauptet, dass Freitag der 13. ein Unglückstag ist?