Mittwoch, 24. Juni 2009

... und ein paar Photoeindrücke


Traditionelle Kostüme der Region Diber in Ostalbanien

Selimi: Kaufland & Tagesschau in Einem

Baywatch Albanien


Regensburger Partisani in Vlora

Begegnungen mit Kuh und Kalb - Euter fühlen sich wie Nippel an...

Abschiedseindrücke


Abschiedseindrücke, wollte ich diesen Text eingentlich nennen. Aber so ganz zutreffend ist das nun nicht mehr. Zwar bin ich gerade für eine Woche in mein liebes Regensburg zurück gekehrt, wo es wie immer wunderbar ist und ich eigentlich nie wieder weg will, aber dennoch werde ich zurück nach Albanien gehen. Für weitere zwei Jahre, wie es aussieht. Als Koordinatorin für internationale Beziehungen der Universität Durrës. Insallah. Hier dennoch meine Eindrücke vom letzten zeitweiligen Abschied aus Durrës.

4.30 Uhr, mein Wecker klingelt. Gleich wird meine Taxifahrer anrufen, also raus aus dem Bett. Gott sei Dank war ich so vernünftig, gestern um Mitternacht noch meine Tasche zu packen. Kurz hatte ich ja überlegt, ob nicht nach dem Aufstehen auch genug Zeit sein würde. Zeitplanung ist immer weniger meine Stärke…
Ich habe einen mittelgroßen, das heißt für meine Verhältnisse sehr kleinen Rucksack, meinen Laptop und mal wieder eine Tasche mit Kleidung für meine albanische Freundin in Regensburg dabei. Ich frage mich, wie viel Kleidung der Mensch brauchen kann. Jedes Mal wenn ich nach Deutschland fliege, habe ich eine Tasche für sie dabei. Und natürlich einen Umschlag mit Geld von ihren Eltern. Es tut mir jedes Mal Leid, wenn ich von ihnen Geld mitnehme. Die Familie arbeitet so hart, um Geld zu verdienen – der Vater auf dem Bau, die Mutter im Gefängnis, die Brüder in Griechenland, der Schwager in Italien – und das Geld ist in Deutschland so leicht ausgegeben.

Zehn Minuten vor der abgemachten Zeit klingelt mein Handy. Es klingelt ein Mal, dann wird wieder aufgelegt – Zile, heißt das. „Ich bin da“ ist die Botschaft. Telefonieren mit dem Handy ist in Albanien unverschämt teuer. Scheiß Vodafone, Halsabschneider sind das! Mein Taxifahrer ist der pünktlichste Mensch Albaniens. Er heißt Zeneli. Ich bin das erste Mal mit ihm zum Flughafen gefahren und seitdem rufe ich ihn immer an. Er kommt mich abholen, mitten in der Nacht, morgens um vier, alles kein Problem. Einmal hat er seine Frau mitgebracht, damit sie mich kennenlernt. Und damit ich weiß, dass ich zu keiner Tages- oder Nachtzeit Angst haben muss, allein mit ihm im Auto zu sein. Ich weiß alles über seine beiden Söhne, seine verheiratete Tochter (natürlich habe ich ihren Ehemann ausgesucht, ich kann sie doch nicht einfach mit irgendeinem zusammen kommen lassen. Ich trage doch die Verantwortung für sie…) und er viel über mich. Nur dass er denkt, dass ich in Durrës Albanisch studiere. Ich erzähle den Menschen manchmal unterschiedliche Geschichten darüber, wer ich bin, weil mich die ewige Fragerei und die ewige gleiche Antworterei langweilen. Jedes Mal sagt er mir liebe Grüße an meinen Vater.

Ich packe den restlichen Käse, die letzte Gurke und den Rest Brot aus der Küche ein. Ich werde das alles Zeneli geben – dann hat er gleich was zum Frühstück. Dann schalte ich den Boiler aus, schließe ab und fahre mit dem Fahrstuhl die 14 Stockwerke hinunter. Normalerweise gehe ich zu Fuss, für ein bißchen Fitness, und manchmal auch zu Fuss hinauf – aber um 4.30…

Zeneli erwartet mich mit seinem kleinen Golf. Eigentlich ist er kein Taxifahrer, denn sein Auto ist kein Taxi. Einfach nur ein PKW, der Leute hin und her fährt. Taxischein hat er keinen und Steuern zahlt er auch nicht. Einmal kamen wir in eine Polizeikontrolle und er flüsterte mir aufgeregt zu „Nenn mich Djadji Zeneli, Onkel Zeneli – sie dürfen nicht wissen, dass ich als Taxifahrer arbeite“. Wir fahren also los, um die Ecke, und dort liegt ein schwarzer Jeep auf dem Dach auf der Straße. Das Glas ist aus allen Fenstern gebrochen und über den Asphalt verstreut. Darum herum stehen ein paar junge Männer und rauchen. Wir fahren kommentarlos vorbei. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon wach bin, oder noch träume. Dieses Land ist doch wundersam…

Als wir auf die Autobahn in Richtung Tirana fahren und wir uns gerade über den letzten politischen Mord (nächsten Sonntag sind Wahlen) unterhalten, geht die Sonne hinter den Bergen auf. Ich kenne kein Land, in dem man so schnell vom Meer zu den Bergen kommt wie in Albanien. Wolken und Nebel hängen vor den Bergen und die Sonne scheint mitten hindurch – die Umrisse der Berge leuchten phantastisch. Und wieder weiß ich nicht sicher, ob ich schon wach bin, oder noch träume. Dieses Land ist doch wunderbar…

Fünfwöchentliche Magengeschwüre

Eigentlich habe ich ja schon ziemlich viel über den Alltag an der Uni berichtet. Ich weiß daher nicht, inwieweit ich mich wiederhole. Überhaupt muss ich gestehen, dass es bei all den vielen Eindrücken, die mich die vergangenen zwei Jahre überflutet haben, sehr schwer ist zu wissen, wem ich wovon schon erzählt habe und wem nicht. Oder selbst eine klare Erinnerung daran zu haben, was ich auf diesem Blog schon gepostet habe.


Es gibt ein Thema, welches mich halbjährlich, das heißt semesterendlich, zur Verzweiflung bringt: das Thema Prüfungen. Um es genau zu sagen, hat es mich in Elbasan halbjährlich zur Verzweiflung gebracht. Hier in Durres haben wir alle fünf Wochen Prüfungen und so bring es mich nun fünfwöchentlich zur Verzweiflung. So ein Chaos, so ein Lärm, so eine Disziplinlosigkeit und Unverfrohrenheit habe ich selten erlebt! Nun mag es wie gesagt sein, dass ich einigen von Euch bereits davon erzählt habe. Aber nachdem ich jedes Mal wieder so sehr von den Zuständen überrascht werde, kann ich wohl riskieren Euch ein zweites Mal davon zu berichten. Und das Gute ist: ich habe einen Ersatz für meine in Sarajevo flügge gewordene Kamera gefunden und so könnt Ihr Euch das Geschehen ein wenig besser vorstellen.



Auf diesem ersten Photo seht Ihr meine Gruppe in Entwicklungspsychologie II. Diese ‚II’ ist das Schöne an dieser Gruppe. Sie bedeutet, dass alle unmotivierten Studenten im ersten Semester bereits rausgeflogen sind. Und so hatte ich im Sommersemester eine phantastische Truppe von 21 interessierten und klugen Leuten. Es war eine Freude! Nun klingt es ganz einfach dieses ‚rausgeflogen’, in Wirklichkeit hat mich das jedoch einige Nerven gekostet und mir einige Feinde beschert. Ich habe mich bei den Studenten, die sich zumindest ein wenig bemüht hatten zu lernen, doch wirklich sehr schwer getan, sie durchfallen zu lassen. Das lag zum Einen daran, dass ich nicht gerne die Böse bin. Beliebt sein ist doch schöner als unbeliebt. Zum Anderen aber auch daran, dass ich mir bewusst wurde, dass meine Anforderungen im Vergleich zu den anderen Fächern sehr hoch waren. Ich kam ins Zweifeln, ob dies bei einem Wahlfach wie Entwicklungspsychologie gerechtfertigt sei? Und schließlich quälte mich die Tatsache, dass ich nicht genau wußte, welche Konsequenzen ein Durchfallen für die Studenten haben würde. So wie sie mir entgegen traten, war es das Ende der Welt. Wirklich? Einige Tränen hatte es dann leider gegeben, am Ende des Semsters und ‚die Deutsche’ hatte ihren Ruf weg… Einige Studenten kamen dennoch auch im zweiten Semster wieder zu mir „Unsere Noten sind zwar schlechter als bei den anderen Dozenten, aber wir lernen mehr und es interessiert uns so sehr, Dein Fach,“ begründeten sie ihre Wahl. Bei so einem Lob kann man ein paar feindliche Blicke im Treppenhaus schon ertragen. Mit diesen meinen Studenten hatte ich also während des zweiten Semesters und während der Prüfungen keinerlei Probleme. Nur Freude! Ab und zu musste ich höchstens schmunzeln, zum Beispiel darüber, dass sie Zucker auf die Bänke streuen. Das soll Glück für die Prüfung bringen.



Schwierig wurden für mich die Prüfungen, in denen ich meinen Kollegen als Aufsicht zur Seite stehen mußte. Da bot sich manchmal ein Anblick wie in diesem Photo:



Ich weiß noch, wie wir in interkultureller Psychologie über unvereinbare Werte und die Unmöglichkeit gewisse Prinzipien an die fremdkulturelle Lebensweise anzupassen geredet hatten. Stichwort: Schiffbruchs-Dilemma, falls sich noch jemand erinnert. Und ebenso eingeklemmt wie bei der Frage, wer von Bord des Schiffs ins Meer springen soll, um die anderen zu retten: der Ehebrecher, die alte Frau, das Kleinkind, die Drogenabhängige (welches Leben also am wenigsten Wert sei), fühlte ich mich bei diesen Prüfungsaufsichten eingeklemmt. Für mich ist es kein Kavaliersdelikt, wenn man in der Prüfung die Antworten aus seinem Handy abschreibt, wenn man das aufgeklappte Kursbuch unter dem Tisch liegen hat, wenn man die gesamte Wand zu seiner Linken, Bank und Stuhl mit dem Lernstoff verziert hat, wenn man sich die Oberschenkel mit Kugelschreiber tätowiert hat und ab und zu das Röckchen lüpft, wenn kleine beschriebene Zettelchen in der Klasse herumfliegen wie Staubkörner oder wenn man sogar die Unterseite seiner Handtasche mit den wichtigsten Stichwörtern versehen vor sich auf die Bank legt. Nicht dass ich nicht verstehe, dass man das versucht. Ich war ja selbst lange genug in Schule und Uni, Gott bewahre! Aber wenn man dann ertappt wird, kann man höchstens noch weinen und um Verzeihung bitten, aber doch nicht hervorrotzen: „Nimm die Hände von meinem Buch. Ich bin viel zu schlecht, ich kann die Prüfung ohne das Buch gar nicht schaffen. Was verlierst Du denn bitte, wenn ich diese Prüfung bestehe?“ In diesem Moment, wenn ich diskuttieren muss, weil ich frecher Weise einen Studenten beim Spicken erwischt habe, wenn der Lärmpegel im Prüfungssaal so hoch ist, dass man die Fragen der Studenten nicht mehr verstehen kann und der jeweilige Kollege nur lächelnd die Reihen entlang spaziert, dann kriege ich dasselbe Gefühl im Bauch wie beim Schiffbruchs-Dilemma. Könnte Schreien, Kotzen und die Studeten verprügeln. Wozu machen wir uns denn die Arbeit, alle fünf Wochen Prüfungen zu entwerfen, durchzuführen und zu korrigieren, wenn sie dann in solch einer Clownshow enden? Wozu überhaupt dieser ganze Scheinapparat von Universität, wenn man nicht lernen muss, um seinen Abschluss zu erhalten? Mir ist das wirklich zu blöd…


Und nach jeder dieser Assistenzen bin ich völllig fix und fertig, durch den Kampf der in mir tobt, zwischen meinen Werten und dem Versuch, alles gelassen dem Dozenten zu überlassen, der für die Klasse zuständig ist. Und aus diesem Kampf heraus entsteht auch das Bedürfnis, Euch allen immer wieder davon zu berichten. Verzeiht mir also die Wiederholungen! Und versteht mich nicht falsch – es sind nicht alle albanischen Studenten faul und undiszipliniert. Einigen Dozenten fehlt es nur am Mut ihnen gegenüber die Strenge zu zeigen, die sie bräuchten, um zu lernen. Und um mir ein paar Magengeschwüre zu ersparen.


Das ist jedenfalls meine Sichtweise. Aber vielleicht nehme ich auch alles zu ernst. Und mir fehlt einfach nur die nötige Gelassenheit, um mir selbst meine Magengeschwüre zu ersparen?