Sonntag, 28. Februar 2010
Valentinstag
Wer etwas mehr Geld hat, geht schön zum Mittagessen, am besten in Durres, oder sonstwo am Meer. Ganz Tirana machte sich an diesem schönen Sonntag auf ans Meer.
Und wer noch mehr Geld hat, packt seine Liebste ins Auto und fährt das Wochenende über weg. Am besten nach Montenegro oder Ohrid in Mazedonien. Das sind die angesagtesten Romantikorte. Manche waren auch auf dem Dajti, dem Hausberg von Tirana, da dort ausnahmsweise Schnee lag. Und andere weiter oben im Norden, in einem Wellness Hotel, dass eigentlich 150 Euro die Nacht kostet, sie aber für 20 bekommen haben...
Woher ich das alles weiß? Na, das ist natürlich das allerwichtigste am Valentinstag: Gesehen werden oder möglichst lange darüber sprechen, was man gemacht hat. Denn was ist schon ein Geschenk wert, wenn die Anderen nicht wissen, dass man es bekommen hat? Und ein tolles Hotel, wenn man den Kolleginnen keine Photos davon zeigen kann?
Montags morgens komme ich also zur Uni – inzwischen sind wir verpflichtet worden, jeden Morgen um 8.00 Uhr zu unterschreiben, damit wir uns nicht mehr verspäten – und noch wärend ich die Tür aufmache, schallt es mir entgegen: „Sharlota, ku ishe ti per Shen Valentin? Charlotte, wo warst Du denn am Valentinstag?“
Ob ich ihnen sagen soll, dass ich zuhause Masterarbeit geschrieben habe? Dass ich auch kein Geschenk bekommen habe und niemandem eines gemacht habe? Und vor allem, dass das daran liegt, dass ich den Liebeszwang am Valentinstag abstoßend und heuchlerisch finde? Aber dann heißt es gleich wieder, die Deutschen sind so ein klates Volk.
Ich habe in der Schule von meiner Mama gelernt, dass man an St. Valentin anonym Briefe an die Menschen schreibt, die man liebt. Den ersten habe ich damals auf einen weißen Bogen mit kleinen roten Herzen darauf geschrieben, in einen roten Umschlag gesteckt und beim Jungen gegenüber eingeschmissen. Und als er mich am nächsten Tag in der Schule fragte, ob der Brief von mir sei, lachte ich und leugnete es.
Inzwischen möchte ich den Jungen von gegenüber (der das jetzt vielleicht liest – entschuldige für die Lüge, aber das mußte so sein!) nicht mehr heiraten, aber mein Verständnis vom Valentinstag hat sich trotzdem nicht verändert. Es geht nicht darum, öffentlich einen Tag im Jahr zur Schau zu stellen, wie sehr man seinen Partner liebt, so dass es alle sehen können. Sondern lieber kleine heimliche Freuden zu schenken...
Sollte ich den Damen und Kolleginnen von der Verwaltung so antworten? Ihnen in ihre strahlenden Augen schleudern, was ich von dem ganzen Krampf hielte? Nein? Aber was dann antworten? „Ich habe ein neues Parfum bekommen und wir waren in Vlora am Meer beim Essen, mit Freunden.“ Klingt gut? Ist aber wieder gelogen.
Beste Verteidigung in diesem Falle, die Frage umzudrehen. „Wo wart Ihr denn? Ihr seht ja so glücklich und gut gelaunt aus!“ Und schon strahlen die Augen noch mehr und die Geschichte vom Hotel wird wieder erzählt, mit ein paar neuen, schönen Details. Und meine Valentinsgeschichte hebe ich mir fürs nächste Mal auf.
Regendauer: Dauerregen
Jetzt fängt die schon wieder an über das Wetter zu jammern, werden einige von Euch vermutlich denken und genervt die Augen verdrehen. Die hat ja keine Ahnung, dass wir seit Monaten nur Schnee Schnee Schnee haben und gar nicht mehr wissen welche Farbe Gras haben könnte (Weiß vermutlich, oder, denn die einzigen verbliebenen Farben auf Erden scheinen ja weiß und schneematschgrau zu sein?). Aber ich muss Euch wiedersprechen, ich habe eine Ahnung von Eurer Lage. Mein liebster blau-weißer Freund Superman „S“ (Ihr dürft mich auch Skype nennen), vollbringt die geniale Leistung, mich wenigstens mit einigen von Euch hin und wieder direkt (und nicht nur gedanklich) zu verbinden. Ich schreibe also nicht aus Unwissenheit und Selbstmitleid über das albanische Wetter, sondern im Gegenteil um evtl. Vorstellungen von Euch - ich schwämme auf einer rosaroten Insel aus Palmen und weißem Sand, umringt von Delphinen und singenden Meerjungmännern - zu wiederlegen und Neid und Mißgunst zu bekämpfen.
Kurz und knapp: Es regnet. Es regnet schon den ganzen Monat, jeden Tag, jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend. Und ich brauche Euch wohl nicht zu sagen, dass sich das irgendwie auf die Psyche niederschlägt. Manchmal höre ich selbst in meinem eigenen Kopf nur noch das stetige Tropfen auf Fensterscheiben, Autodächer, Regenschirme... Irgendwie scheint mir der Regen hier allerdings intensiver zu sein, als in Deutschland. Aggressiver. Problematisch ist, dass man nicht einfach nur etwas naß wird, wenn es regnet. Man wird völlig getränkt, da erstens der Regenschirm keinerlei Funktion erfüllt, weil der Wind ihn einfach hin und her bläst, nach Gutdünken. Zweitens ist von Kanalisation hier keine Spur, so dass die Straßen und Städte einfach voller Wasser laufen. So wird man also simultan von oben und unten naß. Schließlich ist das größte Problem, dass der Regen hier nicht wie zuhause aus klarem Wasser besteht. Hier scheint er mir grau-braun-grün zu sein. Nach einem zehnminütigen Spaziergang zur Arbeit ist man also nicht nur von oben und unten naß (und kann sich nicht trocknen, weil der zweite kleine Heizlüfter jetzt unsere zweite und letzte Steckdose durchgeschmort hat), sondern auch noch wie eine gesuhlte Sau von unten bis oben mit Sand und Matsch bespritzt. Nun könnte das gleichgültig sein, falls alle so aussehen würden. Leider bin ich allerdings die Einzige, die jeden Morgen denkt, Ach das bißchen Regen kann mich doch nicht vom zu Fuß gehen abhalten. Die anderen Mitarbeiter und Studenten lassen sich – von ihren Männern größtenteils - mit dem Auto vorfahren, was jeden Morgen zu einem riesigen Stau und Verkehrschaos führt. Und für mich den entscheidenden Nachteil hat, dass ich noch den Spritzverkehr der vorbeifahrenden Autos abbekomme...
Es ist seltsam, aber ich habe das Gefühl, man bekommt das Leben hier intensiver mit, als in Westeuropa. Wie eben beschrieben, ist der Regen viel anstrengender zu ertragen. Wohl weil nicht einfach nur Wasser vom Himmel fällt, sondern flüssiger Schmutz, die Straßen überflutet und die Löcher in den Straßen ausgespült und riesig werden, die Autoscheiben von innen beschlagen, so dass die Stadt halb blind durch die Gegend fährt, der Strom und das Internet ausfallen und man sich ständig naß und kalt fühl, weil es nirgends einen Heizungskeller gibt, in dem man seine Socken aufhängen kann. Und dann berichtet mir eine meiner Studentin, wie schwer es für sie ist konzentriert auf die Prüfungen zu lernen. Denn ihr kleiner Tisch, an dem sie gewöhnlich sitzt, steht im Gang der Wohnung. Der Gang ist aber völlig ungeheizt und selbst wenn sie sich in eine Decke wickelt, ist es schwer bei der Sache zu bleiben und sich nicht nur auf die klammen Finger zu konzentrieren. Wenn sie sich allerdings ins warme Wohnzimmer setzt, tummelt sich da die ganze Familie, der Fernseher läuft und es gibt ständig irgendetwas zu tun. So unwichtig dieses Beispiel vielleicht klingt, es zeigt wie viel größeren Einfluß die Natur hier hat, als bei uns. Nicht dramatisch - versteht mich nicht falsch, ich will hier nichts dramatisieren - aber doch so, dass alles ein wenig anstrengender ist. Und ich mich so fühle, als hätte ich in Deutschland immer in einer bequemen Blase gelebt. Wo man, wenn man z.B. lernend zuhause sitzt, ganz erfolgreich ausblenden kann, dass draußen gerade ein halber Meter Schnee gefallen, oder die Donau die arme Wurstküchl mal wieder in ihre naßen Armen geschlossen hat.
Vielleicht klingt das jetzt ein wenig so, als würde ich das harte Leben hier romantisieren und Euch vorschlagen, dass wir alle mehr unter der Natur leiden sollten. Das meine ich ganz und gar nicht so. Ein Stromausfall kann eine tolle Erfahrung sein. Erst diese Woche fiel einen Abend in ganz Albanien der Strom aus. Wir waren von unserem Haus auf die Aussichtsplattform über Durres geklettert und haben die gespenstisch dunkle Stadt gesehen – und nur die Schiffe auf dem Meer spendeten etwas Licht. Zurück zuhause gab es kein Licht, keinen Fernseher, kein Internet – es war die totale Entspannung von Arbeit, Hektik und Lichtverschmutzung. Aber ständig Stromausfall ist lästig, behindert die Wirtschaft, die Produktivität, läßt den Gefrierschrank abtauen und die Milch schlecht werden. Ich sehe das also nicht romantisch, sondern weiß, dass wir ein großes Glück mit diesen produktiven und geschützten Bedingungen haben. Aber schade ist, dass wir uns der heilsamen Blase gar nicht bewusst sind.