Donnerstag, 29. April 2010

Die ausländische Wandercommunity

Während meines letzten Heimaturlaubs – der erfreulicher Weise durch das Wirken meines isländischen Freundes Eyjafjallajökull und unseren sympathischen Verkehrsminister um zwei ganze Tage und ein Blokschoijkonzert verlängert worden ist – las ich in meiner Lieblingssüddeutschen Zeitung einen Artikel zu Expatriate Wanderklubs in Afrika, den sogenannten HASH-Gruppen. Ich finde es erstaunlich, dass, egal wie viele Zeitungen man in seinem Leben liest, man sich doch immer mit der am wohlsten fühlt, die man als erstes in die Finger bekommen hat! Das soll hier jetzt allerdings nicht weiter vertieft werden. Eher hat mich die SZ auf den Gedanken gebracht vom HASH-Club Tirana zu berichten.
Wie gesagt, je länger ich hier bin, desto gewöhnlicher kommt mir alles vor. Das ist selbstverständlich gut, denn irgendwann wird das ständige „Ach kuck mal hier“, „Ja, wie lustig, die Albaner!“, „Man sind die bekloppt, oder was?!“ etc. etwas anstrengend. Es tut gut, sich nicht ständig über chaotischen Verkehr, verstaubte Straßen, korrupte Unirektoren und leckeres Gemüse aufzuregen oder zu freuen, je nachdem, sondern manche Dinge einfach als normal hinzunehmen. Es tut gut abzustumpfen – ist es das, was ich sagen will? Erschreckend, aber wohl doch ein stückweit wahr. Jedenfalls hat diese wohltuende Abstumpfung zur Folge, dass mir immer weniger markante Dinge auffallen, die ich in meine Blog schreiben könnte, um Euch zu erfreuen, zu schockieren oder zu langeweilen. Daher also ein Lob an die gute alte SZ.

Albanien ist ein bergiges Land und insbesondere Rund um Tirana gibt es viele nette Hügelchen, auf die es sich zu steigen lohnt. Nun ist der moderne Albaner an sich kein Wanderfreak und der klassische Ausländer in Albanien immer etwas scheu alleine in die albanischen Dörfer zu rennen. Hinzu kommt, dass es nicht wie in meiner wunderbaren bayerischen Heimat oder bei unseren österreichischen Freunden klare rote, grüne oder wie auch immer farbige Tupfer am Wegrand gibt, die anzeigen, wo man lang muss und wie lange es noch bis zur nächsten Brotzeit und Halben dauert. Zwar ist Brotzeit bekanntermaßen die schönste Zeit – auch in Albanien ist dieses bayerische Sprichwort altbekannt: im Wirtschaftsbericht der Botschaft habe ich gerade gelesen, dass Gastronomie der best funktionierende Wirtschaftszweig ist – aber selbige muss man sich schon selbst auf seinem Rücken mittragen, wenn man nicht mit hungrigem Magen wandern will. Nebenbei erwähnt, die Bemerkung von österreichischen Freunden ist keineswegs ironisch zu verstehen. Ich bin in den Genuss gekommen, den theaterbegeisterten österreichischen Konsul hier kennen zu lernen, der erstens kluge Dinge sagt wie „Jeder Mensch sollte mindestens ein Mal in seinem Leben Theater gespielt haben – das ist für die persönliche Entwicklung unbedingt von Nöten“ und zweitens deshalb beschlossen hat, meine neu gegründete Studententheatergruppe „Aleksander Moisiu“ finanziell zu unterstützen.

Kurzum, aus diesem Grunde haben die Internationalen in Tirana, unter Anleitung der Amerikaner, wie sollte es auch sonst sein – Albanien und Afghanistan werden ja auch immer gerne verwechselt, sich zusammen getan und ziehen unter dem Namen HASH jedes Wochenende gemeinsam in die Bergwelt um Tirana. Auch der Anteil der Albaner wird bei diesen Ausflügen immer größer. Manchmal kommen zwar gerade die albanischen Damen in erschreckend unpassendem Schuhwerk daher, aber da sie es gewohnt sind Schuhe zu tragen, in denen man nicht laufen kann, halten sie wunderbar Schritt.
Mein erster HASH 2010 führte einen schlammigen Abhang hinunter, und dann in einem Canyon entlang zu einem Stausee. Von dort sollte es zurück gehen. Problem: Der deutschen Gemeinschaft war das nicht genug Abenteuer und so zogen der deutsche Botschafter, ein Mitarbeiter des Goethe Instituts, eine ZFA-Lehrerin, eine Irin, ein Bosnier, eine Albanerin (die sich der Tragweite ihrer Entscheidung sicherlich nicht bewusst war) und ich los, um über den nächsten Hügel einen alternativen Rückweg zu finden. Mir nach, sprach der Goethemann, den wir im Folgenden Leitwolf nennen wollen und zog los, den Hang hinauf, der Rest der Truppe hechelnd hinterher. Bis auf den Botschafter, einen großen Mann, dem manchmal die Füße wegrutschten und der von hinten häufiger undiplomatische Ausrufe wie „Scheiße!“ und „Ah, Mist!“ hören lies, und der Albanerin, die zu der Art „Ungeeignetes Schuhwerk“ gehörte, kamen alle relativ unbeschadet oben an. Nur oben zeigte sich, was Bergkenner nicht überraschen wird, nämlich, dass sich der Rückweg längst nicht mehr so klar abzeichnete, wie beim Aufstieg angenommen. Auf Gutdeutsch – es war absolut nicht zu erkennen, wo überhaupt ein Weg weiterführte. „Zurück, zurück!“ rief die Albanerin. „Mir nach“ rief der Leitwolf. „Aua, aua“ murmelte der Botschafter. Und nachdem der Leitwolf bereits losgerannt war, folgten wir ihm. Wie gesagt, keine Punkte, keine Wirtshäuser und so kam es, dass wir nach einer weiteren Stunde mitten im Gebüsch steckten. Und mit mitten im Gebüsch meine ich Dornen in den Fingern, Blätter im Gesicht und Äste, die einem an die Schienbeine knallen. „Uff, uff“ murmelte der Botschafter. Ich hatte gedacht es sei ein kluger Schachzug, sich an ihn zu hängen, er würde mir den Weg bahnen, mit seiner hühnenhaften Gestalt. Die Gefahr hatte ich allerdings unterschätzt, der eine Maus ausgesetzt ist, wenn sie hinter einem Elefanten läuft. Dieser wuchtet Bäume und Äste beiseite und lässt sie zurückschnalzen – die Maus hingegen wird von einem dieser Äste erfasst und auf den Mond geschleudert. Wir kennen das alles von Tom und Jerry....

Die Albanerin hing inzwischen permanent am Telefon und fragte verschiedenste ihrer Tiraner Freunde um Rat, wie wir aus dem Wald wieder herauskommen würden... Der Leitwolf rief „Mir nach“ und rannte einfach weiter. Seltsam war das, lustig und skurril, ein Haufen Erwachsener, Akademiker und Diplomaten, die sich ihre Backen im Dorngestrüpp zerkratzen wie wilde Buben. Und immer mit dem Witzchen auf den Lippen „Naja, zur Not wird uns die Bundeswehr schon finden...“

Die Stimmung schlug um als es zu dämmern begann, als die Lehrerin sagte „Ich habe Diabetes und ich glaube ich habe nicht genug gegessen. Ich kann jeden Moment unmächtig werden“ und als die Irin von irgendwo aus den Dornen rief „Where are you? Oh for fucks sake where are you? I´ve lost track...“ und der Leitwolf unbeirrt sein „Mir nach, mir nach“ zur Antwort gab. Was soll man da machen? Wieder einmal trat das Psychologiestudium in Kraft. Ich erzählte fröhliche Geschichten und betone immer wieder, was für ein schönes Abenteuer wir doch gerade durchlebten. Und das auf Deutsch, Albanisch und Englisch – wenn nur die Stimmung nicht kippte! Auch der Botschafter hat eigentlich Psychologie studiert. Der war aber gerade in inniger Umarmung mit einem Dornbusch, in den er gefallen war und murmelte zur Abwechslung „Oh je, das tut jetzt aber wirklich weh...“.

Naja, bei Einbruch der Dunkelheit erreichen wir ein Dorf, von dort die Strasse und unsere geparkten Autos. Und alle waren fröhlich – Was für ein Spaß! Gefürchtet, wir? Natürlich nicht, wir sind ja keine Kinder!

PS.: Nur wenige Wochenenden später, der nächste Ausflug. Ein kleiner Spaziergang um eine Burg herum. Ach viel zu kurz, sagten sich der DAAD-Lektor und ich, lass uns zu Fuss zurück nach Tirana gehen. Tirana konnte man von der Burg aus deutlich sehen. Zwei Stunden Fussmarsch, weiter kann es nicht sein!
Wir wateten einen Matschweg hinunter, versanken im Schlamm, zerkratzten uns wieder die Gesichter, rutschten aus und mussten uns an Ästen festklammern um nicht in einen Bach zu fallen, kletterten über Felsen und mussten uns schließlich – ungelogen – an einem Baumstamm über einen drei Meter breiten Fluss hangeln, um beim Einbruch der Dunkelheit gerade noch die Hauptstrasse zu erreichen. Tirana lag immernoch eine halbe Autostunde entfernt...
Erstaunlich, wie man sich so nah an der Hauptstadt so sehr in der Wildnis befinden kann, dass einem fast Angst und Bange wird. Aber nur fast, natürlich...

4 Kommentare:

Petzi79 hat gesagt…

Großartige Geschichte! Die Deutschen im Ausland sind doch alle gleich...

Kigo hat gesagt…

Sehr geile Story und (wie nicht anders zu erwarten) super nett geschrieben!
Bin am WE in Berlin und werde den Ben nochmal auf einen möglichen Albanien Besuch ansprechen!
Lass es Dir gut gehen und vor allem wieder von Dir hören...
LG
Sascha

esiebenefünf hat gesagt…

Wahnsinn... fast als wäre ich dabeigewesen...;-)))
Übrigens, einige Zeit danach kam ich mit einigen Deutschen auf dem wunderschönen Fußweg zur malerischsten Burg, die man sich nur denken kann (Petrela, kurz hinter Tirana), die aber auch, da nun einmal albanisch, mit prima Restauration versehen, vom rechten Wege ab und ins Gestrüpp, ins Unterholz, kurz: in die Dornen... ja man lernt doch nie aus! Auch diesmal kamen wir wieder raus, und ganz sicher werde ich irgendwann auch wieder hineingeraten, ins albanische Unterholz, das man - wie symbolisch!? - immer ahnt, aber nie rechtzeitig bemerkt...

Sr. Mirjam hat gesagt…

Viele Grüße aus Korca, schön, diesen Blog gefunden zu haben! Ja, wir Deutschen haben sie auch nicht mehr alle an der Klatsche, nicht nur die Shqipetaren... das zeigt dieser Bericht ganz klar und deutlich. Ich könnte mich schlapplachen! (Und ich meine, ich habe den von einem der Teilnehmer sogar live berichtet bekommen)