Donnerstag, 30. September 2010

Tadschikistan Blog

Obwohl ich in den letzten beiden Jahren viel gereist bin – projektgebunden vor allem auf dem Balkan hin und her, also irgendwie nie richtig Urlaub – war mein Leitsatz für den Blog immer: Nur Albanien! Dieses Mal hat es mich aber, nur halb proje

kt- und halb urlaubsmäßig, in ein Land verschlagen, das es ebenso verdient auf diesem Blog erwähnt zu werden, wie Albanien. Dieselben verständnis- bis hilflosen Reaktionen erhielt ich bei der Ankündigung meines diesjährigen Reisevorhabens wie bei meiner Ausreise vor drei Jahren. Niemand wusste, wo dieses Land eigentlich liegt, geschweige denn was ich dort verloren habe. Und niemand erwartet von den versprochenen Postkarten, dass sie tatsächlich ankommen. Daher habe ich zum ersten Mal seit drei Jahren beschlossen, einem weiteren Land Zugang zu meinem Blog zu gestatten: Tadschikistan.

Duschanbe, so heißt die Hauptstadt von Tadschikistan, was auf Persisch/ Iranisch/ Tadschikisch Montag bedeutet. Wie passend also, dass ich an einem Montag schreibe. Warm ist es hier, dass ist wohl das bemerkenswerteste nachdem man den August 2010 in Deutschland hinter sich gebracht hat. Es gibt viele Moslems, was allerdings nicht besonders auffällt oder Ernst genommen wird, es gibt Probleme mit Wasser und Strom, Mafia, billige Zigaretten, guten Fetakäse, wunderbare Berge und Liebespaare halten sich heimlich im botanischen Garten an den Händen. Wie in Albanien.

Aber selbstverständlich ist nicht alles mit Albanien vergleichbar. Gesprochen wird hier Tadschikisch und Russisch, d.h. ich verstehe mal wieder ziemlich wenig. Die Nachbarländer sind unter anderem China und Afghanistan, die Frauen tragen traditionelle bunte Gewänder: Hosen unter knöchellangen, weiten Kleidern, mit denen die emanzipierten Tadschikinnen die Burkas abgelöst hatten. Gegessen wird gestempeltes Fladenbrot, Plov und Schaschlik. Die jungen Frauen sehen aus wie zarte Rehe im Magdeburger Stadtpark, und lächeln schüchtern aus großen braunen Augen. Und der Geruch auf den Teppichen im Taptschan erinnert an eine Zugfahrt von Istanbul mitten ins Herz der Türkei, auch wenn das nicht vielen von Euch etwas sagen wird. Wer diese Zugfahrt allerdings einmal erlebt hat, dem wird der süßlich bittere Geruch bei seiner Erwähnung sofort wieder in die Nase steigen. Fortbewegungsmittel ist hier allerdings nicht der Zug, sondern Sammeltaxis, die man nach russischem Vorbild Marschrutka nennt. Ein Albanern würde diese als Furgon bezeichnen und genau wissen, was gemeint ist.

Richtige Berge

Zu unserem Glück fiel das Ende des Fastenmonats Ramadan auf unser erstes Wochenende, so dass ein paar Tage frei waren und wir in die phantastischen tadschikischen Berge losziehen konnten. Es ging also mit dem Bus zum Treffpunkt der Sammeltaxis im Norden von Duschanbe. Wir müssen versuchen einen älteren Fahrer zu finden, die fahren nicht allzu schnell. Und einen Jeep, der so aussieht, als würde er die fünf-stündige Strecke durch die Berge ohne Probleme bewältigen können, wurden wir von unseren Gastgebern aufgeklärt. Und ein Ersatzreifen ist wichtig, klaro. Los ging es also, fachmännisch begutachteten wir die geparkten Jeeps, lehnten empört ab, lehnten spöttisch lächelnd ab, lehnten mitleidig grinsend ab. Bis wir ein Fahrzeug samt Fahrer gefunden hatten, das uns zusagte. Rücksäcke und Zelte wurden aufs Dach geschnallt und wir stiegen ein. Und wir stiegen aus. Schon nach der ersten halben Stunde qualmte es unter der Motorhaube und es war an unserem Fahrer, mitleidig zu lächeln. Oh nein, das hatte er schon öfter. Aber ich wollte es doch einmal versuchen…

Rücksäcke vom Dach, Geschirrtuch um den Kopf gebunden, Buch raus und warten also. Bis der rettende weiße Engel vorbeigefahren kam: die deutsche GTZ. Weiter ging es, und nur wenig später fuhren wir in den furchterregendsten Tunnel, den ich je erlebt habe. Sarajewo – Visegrad ist ein Katzenpfurz dagegen. Sechs Kilometer lang, keine Beleuchtung, Löcher, Steinbrocken und Wasser überall und wir rasten nur so hindurch. Halleluja, ich hasse diesen Tunnel, stieß unsere italienische Fahrerin hervor, als wir am Ende herausgeschossen kamen. Deshalb fahre ich immer so schnell ich kann hindurch. Da geht es schneller vorbei. Keiner von uns Mitfahrern schien Spucke für eine Antwort zu haben.

Schon nach Einbruch der Dunkelheit trafen wir mitten in den Bergen an dem kleinen Bauernhof ein, wo wir schlafen sollten. Kalt war es, ein Wildbach rauschte betäubend laut, es gab Lamm, das wie Lamm-Essenz schmeckte und wir hatten die Straße überlebt. Großartig! Wo ich darüber nachdenke erscheint es mir lachhaft, dass ich nach drei Jahren Albanien Angst vor tadschikischem Verkehr und Straßen hatte. Aber leugnen lässt es sich nicht. Fast hätte ich mir in die Hosen gemacht.

Was wir am nächsten Morgen allerdings alle in unseren Hosen fanden, war etwas anderes. Es juckte. Ein bisschen nur. Scheiß Mücken. Am Tag, als wir auf phantastischen Bergen herum kletterten, vergaßen wir das Jucken. Aber nachts, als wir uns um acht schon in unsere Zelte verzogen, weil es auf 2.400m einfach zu kalt zum Biertrinken war, fing es wieder an. Scheiß Mücken. Wie kommen die hier her? Und wie kommen die in meinen Schlafsack? Und in meine Unterhose? Und warum krabbeln die? Können Mücken krabbeln? Zaghaft kam das Thema am nächsten Morgen zur Sprache. Ich weiß nicht mehr, wer das schweigsame Kratzen brach und die Sache auf den Punkt brachte. Aber alle waren erleichtert, dass sie nicht die Einzigen waren. Scheiß Flöhe.

Berge ohne Gleichen bekamen wir an diesem Wochenende noch zu sehen, kleine Jungs, die Hänge hinauf und hinunter flitzten, an denen wir uns keuchend abquälten. Bunte Frauen, die lächelnd aus dem grauen Steinmeer auftauchten, wenn man gerade hinter einem Busch die Hose runtergelassen hatte. Adler. Gigantisch. Geier. Unfassbar. Und stahlblaues Wasser. Und als wir, nach einer problemlosen Rückreise, wieder in Duschanbe ankamen, alle in Unterwäsche im Vorgarten – alles in die Waschmaschine! So schafften wir es, Gott sei Dank, unsere neuen kleinen Freunde wieder loszuwerden.


Präsidentenkult

Tadschikistan hat einen wunderbaren Präsidenten. Er eröffnet Schulen, beackert Felder,ubert Flüsse und baut riesige Hochhäuser. Ganz Duschanbe ist voller Poster, die ihn dabei zeigen. Immer in derselben Pose, aber mit unterschiedlichem Hintergrund. Und nun hat er den Frauen von Tadschikistan sogar versprochen, wer sich weiterhin so anzieht, wie die Frauen in Westeuropa, den würde er dahin schicken. Sofort! Großartig. So hat Tadschikistan gar keinen Bedarf an DAAD-Stipendien. Alles erledigt der Präsident selbst.

Kurz bevor wir zurück fliegen sollte, kam uns zu Ohren, dass alle AirBaltic Flüge eingestellt worden seien. Ab Ende September. Ein schwerer Schlag, da diese Airline die einzige preiswerte Reisemöglichkeit darstellte. Warum hatten sie ihre Flüge eingestellt, obwohl die Flugzeuge immer voll gewesen waren? Nur einen Tag später war das Rätsel gelöst: Der Präsident, dem SomonAir gehört, die einzige Fluglinie die direkt nach Deutschland fliegt, war mit dem Umsatz seiner Airline in letzter Zeit sehr unzufrieden. Daher lag es nahe, AirBaltic das Anfliegen von Duschanbe zu verbieten und so den Umsatz von Somon Air zu erhöhen. Irgendwie muss er schließlich die Auslandsaufenthalte seiner Untertanen finanzieren. Das wird ihm keiner verübeln. Alles zum Wohl des Volkes.


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Der Fahrtwind

Aufruf zur Suche des scheinbar verlorenen Gefühl

Leserbrief zum Artikel „Der Fahrtwind – Nachruf auf ein verlorenes

Gefühl“ DIE ZEIT Nr.31, 29.07.2010, S. 43



Eisenbahnstrecke zwischen Brasov und Bukarest, Rumänien. Endziel: Ruse, Bulgarien. Fahrtgeschwindigkeit 35km/h. Die obere Scheibe des Fensters ist heruntergezogen, der Wind jagt ins Abteil, gleichzeitig mit dem lauthalsen Rattern der Räder. Neben dem geöffneten Fenster ist ein Aufkleber angebracht: eine Flasche in einem roten Kreis. Die Botschaft kommt einem bekannt vor: Bitte keinen Müll aus dem Fenster schmeißen! Neben diesem Aufkleber hängt hingegen ein Schild, das neu erscheint. Und das nicht nur, weil es auf Rumänisch geschrieben ist: „Bitte bedenken Sie, dass die in diesem Zug installierte Klimaanlage besser funktioniert, wenn die Fenster geschlossen bleiben“. Von „Bitte nicht hinauslehnen!“ fehlt jede Spur. Dennoch lehnt man sich hinaus.

Das von Florian Illies beschriebene Lebensgefühl des Fahrtwindes scheint also nicht grundsätzlich verloren gegangen zu sein. Die Verbindung zwischen innen und außen ist nicht überall gekappt worden und auch die Beschleunigung muss nicht bis zur Unerträglichkeit gesteigert werden, um sich heutzutage fortbewegen zu können. Auch hier, im neuen Europa, gibt es Fortschritt. Die Bahnstrecke nach Bukarest wird ausgebaut, Baustelle, wohin das Auge blickt „Hier baut die E.U.“ Deshalb fährt der Zug Schrittgeschwindigkeit. So bleibt Zeit mit dem Gesicht in Sonne und Fahrtwind wichtige Fragen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft an sich vorbei ziehen zu lassen. Zudem kann man sich wundern und erfreuen über die Gelassenheit des rumänischen Zuges. Es existiert eine Klimaanlage, um eine angenehme Temperatur zu erzeugen. Dennoch kann man das Fenster öffnen, wenn einem dann wohler ist. Technik als Möglichkeit, nicht als Zwang.

Es gibt also einen Ort, wo man das Lebensgefühl Fahrtwind noch finden kann. Die Frage bleibt jedoch, ob man es wirklich finden will, oder sich wohler fühlt, im melancholischen Klagen über den Verlust der Vergangenheit. Wer fährt schon noch mit dem Zug nach Bulgarien, wo es doch Instanturlaub am Sonnenstrand mit Flugreise gibt? Im Flugzeug konnte man schließlich noch nie den Kopf zum Fenster hinaus strecken. Und wer stellt sich noch gerne diejenigen Fragen, die nur der Wind beantworten kann? Fragen sind anstrengend. So wie Zug fahren.