Donnerstag, 30. September 2010

Der Fahrtwind

Aufruf zur Suche des scheinbar verlorenen Gefühl

Leserbrief zum Artikel „Der Fahrtwind – Nachruf auf ein verlorenes

Gefühl“ DIE ZEIT Nr.31, 29.07.2010, S. 43



Eisenbahnstrecke zwischen Brasov und Bukarest, Rumänien. Endziel: Ruse, Bulgarien. Fahrtgeschwindigkeit 35km/h. Die obere Scheibe des Fensters ist heruntergezogen, der Wind jagt ins Abteil, gleichzeitig mit dem lauthalsen Rattern der Räder. Neben dem geöffneten Fenster ist ein Aufkleber angebracht: eine Flasche in einem roten Kreis. Die Botschaft kommt einem bekannt vor: Bitte keinen Müll aus dem Fenster schmeißen! Neben diesem Aufkleber hängt hingegen ein Schild, das neu erscheint. Und das nicht nur, weil es auf Rumänisch geschrieben ist: „Bitte bedenken Sie, dass die in diesem Zug installierte Klimaanlage besser funktioniert, wenn die Fenster geschlossen bleiben“. Von „Bitte nicht hinauslehnen!“ fehlt jede Spur. Dennoch lehnt man sich hinaus.

Das von Florian Illies beschriebene Lebensgefühl des Fahrtwindes scheint also nicht grundsätzlich verloren gegangen zu sein. Die Verbindung zwischen innen und außen ist nicht überall gekappt worden und auch die Beschleunigung muss nicht bis zur Unerträglichkeit gesteigert werden, um sich heutzutage fortbewegen zu können. Auch hier, im neuen Europa, gibt es Fortschritt. Die Bahnstrecke nach Bukarest wird ausgebaut, Baustelle, wohin das Auge blickt „Hier baut die E.U.“ Deshalb fährt der Zug Schrittgeschwindigkeit. So bleibt Zeit mit dem Gesicht in Sonne und Fahrtwind wichtige Fragen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft an sich vorbei ziehen zu lassen. Zudem kann man sich wundern und erfreuen über die Gelassenheit des rumänischen Zuges. Es existiert eine Klimaanlage, um eine angenehme Temperatur zu erzeugen. Dennoch kann man das Fenster öffnen, wenn einem dann wohler ist. Technik als Möglichkeit, nicht als Zwang.

Es gibt also einen Ort, wo man das Lebensgefühl Fahrtwind noch finden kann. Die Frage bleibt jedoch, ob man es wirklich finden will, oder sich wohler fühlt, im melancholischen Klagen über den Verlust der Vergangenheit. Wer fährt schon noch mit dem Zug nach Bulgarien, wo es doch Instanturlaub am Sonnenstrand mit Flugreise gibt? Im Flugzeug konnte man schließlich noch nie den Kopf zum Fenster hinaus strecken. Und wer stellt sich noch gerne diejenigen Fragen, die nur der Wind beantworten kann? Fragen sind anstrengend. So wie Zug fahren.

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