Mittwoch, 15. Dezember 2010

Über den Wolken - Ja Ja Ja














... muss die Freiheit wohl grenzenlos sein!

15. Dezember 2010: die Visafreiheit für Albanien und Bosnien-Herzegowina tritt in Kraft.

Habt Ihr gar nicht mitbekommen? Hier wird gefeiert.

Was wird gefeiert?

Ganz simpel, dass die Menschen frei in den Schengen-Raum reisen dürfen, um zum Beispiel ihre Familienangehörigen zu besuchen. Unglaublich, aber es gibt Mütter, die seit 10 Jahren ihre Söhne nicht gesehen haben.

Montag, 6. Dezember 2010

Zusatz

FOLGENDER POST "REISEFLUT" WURDE TATSÄCHLICH WÄHREND DER BUSFAHRT GESCHRIEBEN UND SOLLTE EIGENTLICH EIN REISEBERICHT WERDEN. ERST WÄHREND DER FAHRT VERWANDELTE ER SICH IN EINEN KATASTROPHENBERICHT, WEIL ICH DANN ERST DAS AUSMASS LANGSAM ZU ERKENNEN BEGANN.

ICH WEISS NICHT, OB IN DEUTSCHEN MEDIEN ÜBER DIE ÜBERSCHWEMMUNG HIER BERICHTET WIRD, ABER DIE SITUATION FÜR DIE MENSCHEN IST SEHR SCHWIERIG. DIE REGIERUNG HAT EIN SPENDENKONTO EINGERICHTET, AUF DAS ICH GERNE EINZAHLEN MÖCHTE. WER VON EUCH SICH BETEILIGEN MÖCHTE, KANN MIR SCHREIBEN UND DANN ETWAS ÜBERWEISEN. 10 EURO SIND AUCH ETWAS... DANKE.

Reiseflut

Wir befinden uns in einem Tunnel. Der Bus bewegt sich rückwärts, biegt nach links ab, bleibt stehen. Steht. Links aus dem Fenster sehe ich eine Reihe von Häusern. Es ist immer noch dunkel. Als ich aufwache wird es langsam hell. Dieselbe Reihe von Häusern hinter dem linken Fenster. Eigentlich hätten wir um 5.00 Uhr morgens in Podgorica sein soll. Montenegro. Titograd, wie unsere bosnischen Gastgeber die Stadt genannt hatten, beim Abendessen, bevor wir aufbrachen.

Es hatte Hühnchen gegeben mit Kartoffeln und Karotten, im Ofen gebraten. Hausgemachten Käse und leider im Gegensatz zu sonst kein hausgemachtes Brot. Dafür Tee aus den Wiesen ums Haus herum für meinen Magen, der irgendwie keine so rechte Lust auf 24 Stunden Busfahrt zu haben schien. Und angewärmte Wollsocken vom Ofen. Gemütlich. Beim Essen lief der Fernseher, natürlich, und die Tochter der Familie rief aus Holland an, über Messenger. So unterhält man sich, über das Essen hinweg, den Fernseher hinweg, das Internet hinweg und parallel über mehrere Themen. Ich folge mal dem einen Gesprächsfaden, mal dem Anderen, verliere irgendwann völlig die Orientierung und konzentriere mich auf die warmen Socken und meinen Magen. Dann wird die allgemeine Trägheit plötzlich durchbrochen „Wann müssen wir los, ach wir müssen los, auf, auf, auf…“ Auch das, wie mir scheint, keine wirkliche Überraschung über das Fortschreiten der Zeit, sondern Teil des Besuchsrituals, ebenso wie Socken und Hühnchen.

Dann also ab in den Bus, und Dämmerzustand einschalten. Was soll man auch sonst machen, bei kurvigen Straßen und Dunkelheit? Im Halbschlaf durch zwei Grenzkontrollen, ein Grenzbeamter sammelt die Pässe im Bus ein – wenigstens muss man nicht mit Sack und Pack aussteigen, wie bei der Einreise in die EU – dann wird der Stapel wieder verteilt. Die Vornamen werden ausgerufen. Wenn der Ausrufer zögert, zögert, zögert und dann „Anna“ sagt, bin ich gemeint.

Soweit also bis zum Parkmanöver vor besagter Häuserreihe. Was war los? Erdrutsch, die Straße ist nicht mehr befahrbar. Wir müssen warten, bis am Morgen die Stadt die Straße wieder frei räumt. Erdrutsch, warum? Es ist so viel Regen gefallen, die letzten Tage. Überall Überschwemmungen. Ach wirklich? Wir hatten gar nichts mitbekommen. Naja… Immer noch ist es erst sieben Uhr morgens, im Halbschlaf erscheinen die Katastrophen der Welt irgendwie nebensächlich. Nur noch einmal kurz die Augen schließen…

Schließlich angekommen in Titograd, machen wir uns auf die Suche nach einem Fahrer für Albanien. Busverbindung gibt es zwischen den beiden Ländern keine, aber Händler, die aus Shkodra nach Montenegro kommen, einkaufen, und Leute zurück nehmen. Wie man die findet? Alte Mercedese aus den 80ern, 200D, mit Autokennzeichen „SH“ und dem albanischen Adler. Nach einer halben Stunde stehen fährt einer vorbei „Oh Schwester, O moj motra, wollt Ihr mit?“.

„Oh moj motra“ ist einer von wenigen Sätzen, die ich auf dem Rest der Fahrt von unserem Fahrer verstehe. Der Dialekt Nordalbaniens ist so wie sich mit einem Bauern aus Bichl, Oberbayern, zu unterhalten. Bichl kommt hier keine spezielle Bedeutung bei, sondern steht nur stellvertretend für starken bayerischen Dialekt. Und als Gruß an meine Schwester, die jahrelang kicherte, wenn wir auf dem Weg zur Oma in Garmisch-Partenkirchen am Ort Bichl vorbei fuhren. Obwohl dafür eigentlich noch viel zu jung, war sie heimlich in einen Jungen mit Nachnamen Bichl verliebt.

Wir saßen also auf der von alten Kunstfellen bezogenen Rückbank des 200D und unser Fahrer redete von Wasser. So viel Wasser hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Gleich werdet Ihr sehen, gleich werdet Ihr sehen. Und tatsächlich, kaum nach der Grenze um die Kurve gefahren, versank die Straße. Versank im Skadar See, der zwischen Montenegro und Albanien liegt. Und wir fuhren trotzdem einfach weiter, in den See hinein. „Keine Sorge, motra, wir dürfen nur nicht stehen bleiben. Wenn der Motor ausgeht kostet das 500 Euro Reparatur“ beruhigte mich unser Fahrer und gab Gas. 500 Euro Reparatur war, denke ich, seine Beschreibung von: eine scheiß Situation. Instinktiv zog ich die Füße hoch, doch es dauerte eine Weile, bis das erste Wasser durch den Boden kam. „Kein Problem, motra, kein Problem“ und schon überholten wir einen Minibus, der sich zu langsam durch das Seewasser kämpfte. Und schon waren wir wieder heraus. „Nichts geht über deutsche Autos, motra“, schmunzelte unser Fahrer, der mir trotz meines deutschen Passes abgenommen hatte, dass ich Albanerin aus Tirana bin. „Da war ich noch nie, große Stadt“.

Nach jeder Seezunge, die wir durchquerten, hielten wir kurz an, um denjenigen auf der anderen Seite Wartenden unnütze Tipps wie „Fahr schnell, fahr links, etc.“ zu geben und viel Glück zu wünschen. Jeeps waren dabei, Busse, alte Mercedese wie unserer und ein Ferrari mit Kennzeichen aus Monaco. Die Dame des Wagens saß scheinbar ungerührt auf dem Beifahrersitz und zog ihren Lippen nach. Der Herr stand vor dem Wagen und besah sich mit ernster Expertenmiene die Wassermassen vor seinen Füßen. Ich blickte auf das Wasser, das um die Fußmatte zu meinen Füssen schwappte, und musste schmunzeln.

Unser Bus aus Shkodra fuhr auf einer kleinen Seitenstraße Richtung Tirana, die ich noch nie gesehen hatte. Helikopter am Himmel. Notarztsirenen. Was war denn nun schon wieder los? Ich fühle mich ein wenig an einen Tag im März vor zwei Jahren erinnert. Gerade war ich mit einem Freund aus Deutschland in Tirana gelandet. Wir nahmen den Flughafenbus Richtung Tirana und müde von Abschiedsparty und Seminar in Deutschland dämmerte ich im Bus vor mich hin. Einmal öffnete ich kurz die Augen und sah durchs Fenster eine große schwarze Rauchwolke. Ach die Albaner, dachte ich, verbrennen wieder ihren Hausmüll, und schlief wieder ein. Als wir in Tirana in den Bus nach Elbasan umstiegen, schienen alle in heller Aufregung, Polizei und Notarzt überall, nur ich verstand nicht worum es ging. Erst zuhause am Fernseher wurde die Situation langsam klar: eine Demunitionsfabrik im Dorf Gerdec war in die Luft geflogen und hatte das halbe Dorf mitgenommen. Eine riesige Katastrophe und ein politischer Skandal bis heute. Und ich im Halbschlaf dachte nur an Hausmüll.

Heute bin ich aufmerksamer, es ist aber nichts zu erkennen. Bis eine Schweizer Freundin anruft „Premierminister Sali Berisha hat gestern Abend den Notstand ausgerufen. Wegen starker Überschwemmungen in Nordalbanien. Menschen werden evakuiert und Straßen sind zum größten Teil gesperrt“. Ähnliche Situation in Bosnien und Kroatien, meldet das Radio.

Inzwischen sind wir zurück auf der Hauptstraße nach Tirana. Wir fahren am Grab von Skanderbeg vorbei und die Sonne geht knallrot am Horizont unter. Sieben Stunden Verspätung und links am Himmel ein Rettungshubschrauber.

Ein Puppentheater












„Wo sind Eure Kostüme?“ „Warum kannst Du Deinen Text immer noch nicht?“ „Wo ist der Brief, den Du auf der Bühne benötigst?“ „Warum fehlt die halbe Truppe, obwohl wir vor einer Stunde anfangen wollten?“ „Wie bitte, Du kommst erst 2 Tage vor der Premiere aus Griechenland zurück?“ Ach so, es tut Dir leid, aber am Tag der Generalprobe musst Du Deine Tante ins Krankenhaus begleiten?“ „Klar, Du wolltest noch schnell Deinen Kaffee austrinken, daher die zwei Stunden Verspätung“ „Klar verstehe ich, dass Dir jetzt auffällt, dass Du wenig Zeit zum Theater spielen hast. Ich kann ja leicht einen anderen männlichen Hauptdarstellung finden“ …

… soweit mein psychischer Zustand Anfang Oktober, kurz vor unserer Premiere von NORA – ein Puppenheim nach Henrik Ibsen. 15 Schauspieler/ Studenten/ Puppen/ mich in den Wahnsinn treibende „Ich will berühmt werden“-Träumer, fünf Aufführungsorte und ich alleine am Ruder dieses Kahns. Hinzu kamen eine Lebensmittelvergiftung mit anschließender Blasen- und Nierenentzündung. Einmal auskuriert und wieder gekommen. Drei Wochen Antibiotikum und einen wollenen Schal um die Hüften, der viele Glückwünsche von albanischen Kolleginnen einbrachte, die mich fröhlich umarmten „Der wievielte Monat ist es denn?“. Von deutscher Seite nur Sorgen „Mit den Nieren darf man nicht scherzen“ und meinerseits ein Gefühl der Überforderung mit der Welt. Aber dennoch, der alte Ehrgeiz ist auch durch Nierenkoliken nicht klein zu kriegen. Daher musste diese Aufführung stattfinden, irgendwie.

In Elbasan waren wir Teil des internationalen Festivals „Skampa“, studenisches Plenum. Was, so stellt sich bei unserer Ankunft heraus, bedeutet, dass wir in einem Hörsaal spielen, ohne Lichteinstellungen und mit einem Publikum, das, fürchte ich, gerade aus einem Hörsaal hinaus, in den Theaterhörsaal hinein verpflichtet worden war. Macht nichts, im Festival Programm stehen wir drin. Wie alle anderen, wenn auch mein Name nur eine ungefähre Annäherung an meinen tatsächlichen Namen darstellt.

Zweite Station, Durrёs. Der neue Theaterdirektor war begeistert von unserem Engagement und bot uns Kostüme aus der Garderobe an. Welche Garderobe? Mir war schon vor zwei Jahren gesagt worden, dass die gesamte Garderobe in Durrёs vernichtet worden sei. Leider. So sagte jedenfalls der alte Direktor. Mitleidiges Lächeln und Schulterzucken, sonst keine Reaktion. Jetzt jedenfalls dürfen wir die Garderobe benutzen. Und so schnell wie möglich soll eine Jugendtheatergruppe gegründet werden. Von mir.

Dritte Station, Tirana. Meine inzwischen völlig abgehobenen Starschauspieler-Puppen bemängeln, die Studentenbühne der Kunstakademie sei zu klein für sie. Meine Nieren fangen als Reaktion sofort an zu zwicken und ich frage mich, ob ich trotz Psychologiestudiums das Opfer einer psychosomatischen Krankheit bin? Ich unterdrücke den Tobsuchtsanfall, lasse sie ihre Kostüme ordnen und mache lieber Bühne, Lichteinstellung und Musik fertig. Während der gar nicht so böse Krogstad und ich noch kurz vor der Aufführung ein Interview geben: ich mit ziemlich unbrauchbarem Albanisch und er vor lauter Aufregung ziemlich wortkarg, schicken die Mitarbeiter der Kunstakademie unser halbes Publikum nach Hause: „NORA? Nein, das wird hier nicht gespielt. Abgesagt.“ Gott sei Dank wurde die deutsche Botschaft nicht nach Hause geschickt, unser Hauptsponsor. Die hatten gar nicht geplant zu kommen. Posteriorität.

Vierte Station. Westen, wild. Auch Peshkopia genannt. Eine Hauptstraße mit Bäumen rechts und links. Allee. Und darauf laufen Männer mit spitzen Lederschuhen auf und ab. Morgens, mittags, abends. Und so auch unser Theatersaal. Männer. Oben, Mitte, unten. Die Nora in unserem Stück will sich nicht mehr wie eine Puppe behandeln lassen und verlässt daher ihren Mann. Ich war gespannt wie diese Botschaft in Peshkopia - 120km, sieben Stunden Fahrt und Welten von Tirana - ankommen würde. Die Antwort darauf ist relativ simpel: die Message kam überhaupt nicht an, aber meine Mädchen dafür umso mehr. Shakespeare´sches Theater aus dem 15. Jahrhundert kann man das romantisch vielleicht nennen. Das Publikum lebte mit, grölte, fragte und lachte mit und hatte am Ende nichts begriffen. Nur ich hatte begriffen, warum Shakespeare keine weiblichen Schauspieler hatte. Der Lichttechniker, in dessen Kabine ich saß, schimpfte während der gesamten Vorführung darüber, dass das Publikum nicht zuhörte. Und erzählte mir dabei 1,5 Stunden lang von den Erfolgen seines Theaters im Kommunismus, während ich versuchte mich auf das Stück und die richtigen Einsätze für den Lichtwechsel zu konzentrieren. Und der äußerst hilfreiche und bescheidene Direktor des Theaters schlug in seinem Büro wohl die Hände über dem Kopf zusammen. Nicht einmal die herbei bestellten Polizisten oder der anwesende Bürgermeister konnten Ruhe schaffen. Der Bürgermeister hatte Dringendes an seinem Handy zu besprechen. Den Polizisten machte es wiederum mehr Spaß die anwesenden Jungs zu ärgern, als sich das langweilige Theaterstück anzuschauen.

Alle Romantik verflog aber, als einer unserer männlichen Begleiter, wie ich später hören durfte, beim Abendessen eine Pistole hervorzog, um die Mädchen zu beeindrucken. Und als die ganze Truppe schon auf dem Weg in die Disko wieder kehrt machte und sich verängstigt im Hotel sammelte, „weil die Männer ziemlich betrunken sind.“ Ich weiß nicht, ob es wirklich Schüsse waren, was wir dann von der Straße hörten, denn ich darf zu meinem Glück sagen, dass ich mit dem Geräusch von Schüssen nicht allzu vertraut bin. Aber es reichte aus, um uns den Abschiedsschmerz erheblich zu lindern. Gott sei Dank bekamen wir die Batterie des Unibusses wieder zum Laufen und verzogen uns am nächsten Morgen. Hätte die Batterie nicht funktioniert, einige meiner Mädchen hätten es trotz ihrer Stöckelschuhe zu Fuss versucht nach Hause zu kommen.

Letzte Station Shkodra. War im Publikum nicht viel ruhiger, aber machte trotzdem alle glücklich. Zum Einen, weil die Aufführung gut lief. Zum Anderen – und entscheidenderen in dem Moment – weil es die letzte war. Alles war überstanden, ohne Nervenzusammenbruch, ohne Nierenversagen und ohne Kopfschuss. Jetzt beginnt die schöne Zeit, das sich zurück Erinnern und darüber reden, was man Großartiges geleistet hat. Bei einem Kaffee. Am Meer. In Durres. In Sicherheit.