„Wo sind Eure Kostüme?“ „Warum kannst Du Deinen Text immer noch nicht?“ „Wo ist der Brief, den Du auf der Bühne benötigst?“ „Warum fehlt die halbe Truppe, obwohl wir vor einer Stunde anfangen wollten?“ „Wie bitte, Du kommst erst 2 Tage vor der Premiere aus Griechenland zurück?“ Ach so, es tut Dir leid, aber am Tag der Generalprobe musst Du Deine Tante ins Krankenhaus begleiten?“ „Klar, Du wolltest noch schnell Deinen Kaffee austrinken, daher die zwei Stunden Verspätung“ „Klar verstehe ich, dass Dir jetzt auffällt, dass Du wenig Zeit zum Theater spielen hast. Ich kann ja leicht einen anderen männlichen Hauptdarstellung finden“ …
… soweit mein psychischer Zustand Anfang Oktober, kurz vor unserer Premiere von NORA – ein Puppenheim nach Henrik Ibsen. 15 Schauspieler/ Studenten/ Puppen/ mich in den Wahnsinn treibende „Ich will berühmt werden“-Träumer, fünf Aufführungsorte und ich alleine am Ruder dieses Kahns. Hinzu kamen eine Lebensmittelvergiftung mit anschließender Blasen- und Nierenentzündung. Einmal auskuriert und wieder gekommen. Drei Wochen Antibiotikum und einen wollenen Schal um die Hüften, der viele Glückwünsche von albanischen Kolleginnen einbrachte, die mich fröhlich umarmten „Der wievielte Monat ist es denn?“. Von deutscher Seite nur Sorgen „Mit den Nieren darf man nicht scherzen“ und meinerseits ein Gefühl der Überforderung mit der Welt. Aber dennoch, der alte Ehrgeiz ist auch durch Nierenkoliken nicht klein zu kriegen. Daher musste diese Aufführung stattfinden, irgendwie.
In Elbasan waren wir Teil des internationalen Festivals „Skampa“, studenisches Plenum. Was, so stellt sich bei unserer Ankunft heraus, bedeutet, dass wir in einem Hörsaal spielen, ohne Lichteinstellungen und mit einem Publikum, das, fürchte ich, gerade aus einem Hörsaal hinaus, in den Theaterhörsaal hinein verpflichtet worden war. Macht nichts, im Festival Programm stehen wir drin. Wie alle anderen, wenn auch mein Name nur eine ungefähre Annäherung an meinen tatsächlichen Namen darstellt.
Zweite Station, Durrёs. Der neue Theaterdirektor war begeistert von unserem Engagement und bot uns Kostüme aus der Garderobe an. Welche Garderobe? Mir war schon vor zwei Jahren gesagt worden, dass die gesamte Garderobe in Durrёs vernichtet worden sei. Leider. So sagte jedenfalls der alte Direktor. Mitleidiges Lächeln und Schulterzucken, sonst keine Reaktion. Jetzt jedenfalls dürfen wir die Garderobe benutzen. Und so schnell wie möglich soll eine Jugendtheatergruppe gegründet werden. Von mir.
Dritte Station, Tirana. Meine inzwischen völlig abgehobenen Starschauspieler-Puppen bemängeln, die Studentenbühne der Kunstakademie sei zu klein für sie. Meine Nieren fangen als Reaktion sofort an zu zwicken und ich frage mich, ob ich trotz Psychologiestudiums das Opfer einer psychosomatischen Krankheit bin? Ich unterdrücke den Tobsuchtsanfall, lasse sie ihre Kostüme ordnen und mache lieber Bühne, Lichteinstellung und Musik fertig. Während der gar nicht so böse Krogstad und ich noch kurz vor der Aufführung ein Interview geben: ich mit ziemlich unbrauchbarem Albanisch und er vor lauter Aufregung ziemlich wortkarg, schicken die Mitarbeiter der Kunstakademie unser halbes Publikum nach Hause: „NORA? Nein, das wird hier nicht gespielt. Abgesagt.“ Gott sei Dank wurde die deutsche Botschaft nicht nach Hause geschickt, unser Hauptsponsor. Die hatten gar nicht geplant zu kommen. Posteriorität.
Vierte Station. Westen, wild. Auch Peshkopia genannt. Eine Hauptstraße mit Bäumen rechts und links. Allee. Und darauf laufen Männer mit spitzen Lederschuhen auf und ab. Morgens, mittags, abends. Und so auch unser Theatersaal. Männer. Oben, Mitte, unten. Die Nora in unserem Stück will sich nicht mehr wie eine Puppe behandeln lassen und verlässt daher ihren Mann. Ich war gespannt wie diese Botschaft in Peshkopia - 120km, sieben Stunden Fahrt und Welten von Tirana - ankommen würde. Die Antwort darauf ist relativ simpel: die Message kam überhaupt nicht an, aber meine Mädchen dafür umso mehr. Shakespeare´sches Theater aus dem 15. Jahrhundert kann man das romantisch vielleicht nennen. Das Publikum lebte mit, grölte, fragte und lachte mit und hatte am Ende nichts begriffen. Nur ich hatte begriffen, warum Shakespeare keine weiblichen Schauspieler hatte. Der Lichttechniker, in dessen Kabine ich saß, schimpfte während der gesamten Vorführung darüber, dass das Publikum nicht zuhörte. Und erzählte mir dabei 1,5 Stunden lang von den Erfolgen seines Theaters im Kommunismus, während ich versuchte mich auf das Stück und die richtigen Einsätze für den Lichtwechsel zu konzentrieren. Und der äußerst hilfreiche und bescheidene Direktor des Theaters schlug in seinem Büro wohl die Hände über dem Kopf zusammen. Nicht einmal die herbei bestellten Polizisten oder der anwesende Bürgermeister konnten Ruhe schaffen. Der Bürgermeister hatte Dringendes an seinem Handy zu besprechen. Den Polizisten machte es wiederum mehr Spaß die anwesenden Jungs zu ärgern, als sich das langweilige Theaterstück anzuschauen.
Alle Romantik verflog aber, als einer unserer männlichen Begleiter, wie ich später hören durfte, beim Abendessen eine Pistole hervorzog, um die Mädchen zu beeindrucken. Und als die ganze Truppe schon auf dem Weg in die Disko wieder kehrt machte und sich verängstigt im Hotel sammelte, „weil die Männer ziemlich betrunken sind.“ Ich weiß nicht, ob es wirklich Schüsse waren, was wir dann von der Straße hörten, denn ich darf zu meinem Glück sagen, dass ich mit dem Geräusch von Schüssen nicht allzu vertraut bin. Aber es reichte aus, um uns den Abschiedsschmerz erheblich zu lindern. Gott sei Dank bekamen wir die Batterie des Unibusses wieder zum Laufen und verzogen uns am nächsten Morgen. Hätte die Batterie nicht funktioniert, einige meiner Mädchen hätten es trotz ihrer Stöckelschuhe zu Fuss versucht nach Hause zu kommen.
Letzte Station Shkodra. War im Publikum nicht viel ruhiger, aber machte trotzdem alle glücklich. Zum Einen, weil die Aufführung gut lief. Zum Anderen – und entscheidenderen in dem Moment – weil es die letzte war. Alles war überstanden, ohne Nervenzusammenbruch, ohne Nierenversagen und ohne Kopfschuss. Jetzt beginnt die schöne Zeit, das sich zurück Erinnern und darüber reden, was man Großartiges geleistet hat. Bei einem Kaffee. Am Meer. In Durres. In Sicherheit.
1 Kommentar:
"Die Bühne ist uns zu klein"
Wie geil is das denn bitte? :-)
Ich kann mir lebhaft vorstellen was da in Dir innerlich abgegangen ist....
Ich bin ein Star, holt mich hier raus! ;-)
Kommentar veröffentlichen