Es hatte Hühnchen gegeben mit Kartoffeln und Karotten, im Ofen gebraten. Hausgemachten Käse und leider im Gegensatz zu sonst kein hausgemachtes Brot. Dafür Tee aus den Wiesen ums Haus herum für meinen Magen, der irgendwie keine so rechte Lust auf 24 Stunden Busfahrt zu haben schien. Und angewärmte Wollsocken vom Ofen. Gemütlich. Beim Essen lief der Fernseher, natürlich, und die Tochter der Familie rief aus Holland an, über Messenger. So unterhält man sich, über das Essen hinweg, den Fernseher hinweg, das Internet hinweg und parallel über mehrere Themen. Ich folge mal dem einen Gesprächsfaden, mal dem Anderen, verliere irgendwann völlig die Orientierung und konzentriere mich auf die warmen Socken und meinen Magen. Dann wird die allgemeine Trägheit plötzlich durchbrochen „Wann müssen wir los, ach wir müssen los, auf, auf, auf…“ Auch das, wie mir scheint, keine wirkliche Überraschung über das Fortschreiten der Zeit, sondern Teil des Besuchsrituals, ebenso wie Socken und Hühnchen.
Dann also ab in den Bus, und Dämmerzustand einschalten. Was soll man auch sonst machen, bei kurvigen Straßen und Dunkelheit? Im Halbschlaf durch zwei Grenzkontrollen, ein Grenzbeamter sammelt die Pässe im Bus ein – wenigstens muss man nicht mit Sack und Pack aussteigen, wie bei der Einreise in die EU – dann wird der Stapel wieder verteilt. Die Vornamen werden ausgerufen. Wenn der Ausrufer zögert, zögert, zögert und dann „Anna“ sagt, bin ich gemeint.
Soweit also bis zum Parkmanöver vor besagter Häuserreihe. Was war los? Erdrutsch,
die Straße ist nicht mehr befahrbar. Wir müssen warten, bis am Morgen die Stadt die Straße wieder frei räumt. Erdrutsch, warum? Es ist so viel Regen gefallen, die letzten Tage. Überall Überschwemmungen. Ach wirklich? Wir hatten gar nichts mitbekommen. Naja… Immer noch ist es erst sieben Uhr morgens, im Halbschlaf erscheinen die Katastrophen der Welt irgendwie nebensächlich. Nur noch einmal kurz die Augen schließen…
Schließlich angekommen in Titograd, machen wir uns auf die Suche nach einem Fahrer für Albanien. Busverbindung gibt es zwischen den beiden Ländern keine, aber Händler, die aus Shkodra nach Montenegro kommen, einkaufen, und Leute zurück nehmen. Wie man die findet? Alte Mercedese aus den 80ern, 200D, mit Autokennzeichen „SH“ und dem albanischen Adler. Nach einer halben Stunde stehen fährt einer vorbei „Oh Schwester, O moj motra, wollt Ihr mit?“.
„Oh moj motra“ ist einer von wenigen Sätzen, die ich auf dem Rest der Fahrt von unserem Fahrer verstehe. Der Dialekt Nordalbaniens ist so wie sich mit einem Bauern aus Bichl, Oberbayern, zu unterhalten. Bichl kommt hier keine spezielle Bedeutung bei, sondern steht nur stellvertretend für starken bayerischen Dialekt. Und als Gruß an meine Schwester, die jahrelang kicherte, wenn wir auf dem Weg zur Oma in Garmisch-Partenkirchen am Ort Bichl vorbei fuhren. Obwohl dafür eigentlich noch viel zu jung, war sie heimlich in einen Jungen mit Nachnamen Bichl verliebt.
Wir saßen also auf der von alten Kunstfellen bezogenen Rückbank des 200D und unser Fahrer redete von Wasser. So viel Wasser hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Gleich werdet Ihr sehen, gleich werdet Ihr sehen. Und tatsächlich, kaum nach der Grenze um die Kurve gefahren, versank die Straße. Versank im Skadar See, der zwischen Montenegro und Albanien liegt. Und wir fuhren trotzdem einfach weiter, in den See hinein. „Keine Sorge, motra, wir dürfen nur nicht stehen bleiben. Wenn der Motor ausgeht kostet das 500 Euro Reparatur“ beruhigte mich unser Fahrer und gab Gas. 500 Euro Reparatur war, denke ich, seine Beschreibung von: eine scheiß Situation. Instinktiv zog ich die Füße hoch, doch es dauerte eine Weile, bis das erste Wasser durch den Boden kam. „Kein Problem, motra, kein Problem“ und schon überholten wir einen Minibus, der sich zu langsam durch das Seewasser kämpfte. Und schon waren wir wieder heraus. „Nichts geht über deutsche Autos, motra“, schmunzelte unser Fahrer, der mir trotz meines deutschen Passes abgenommen hatte, dass ich Albanerin aus Tirana bin. „Da war ich noch nie, große Stadt“.
Nach jeder Seezunge, die wir durchquerten, hielten wir kurz an, um denjenigen auf der anderen Seite Wartenden unnütze Tipps wie „Fahr schnell, fahr links, etc.“ zu geben und viel Glück zu wünschen. Jeeps waren dabei, Busse, alte Mercedese wie unserer und ein Ferrari mit Kennzeichen aus Monaco. Die Dame des Wagens saß scheinbar ungerührt auf dem Beifahrersitz und zog ihren Lippen nach. Der Herr stand vor dem Wagen und besah sich mit ernster Expertenmiene die Wassermassen vor seinen Füßen. Ich blickte auf das Wasser, das um die Fußmatte zu meinen Füssen schwappte, und musste schmunzeln.
Unser Bus aus Shkodra fuhr auf einer kleinen Seitenstraße Richtung Tirana, die ich noch nie gesehen hatte. Helikopter am Himmel. Notarztsirenen. Was war denn nun schon wieder los? Ich fühle mich ein wenig an einen Tag im März vor zwei Jahren erinnert. Gerade war ich mit einem Freund aus Deutschland in Tirana gelandet. Wir nahmen den Flughafenbus Richtung Tirana und müde von Abschiedsparty und Seminar in Deutschland dämmerte ich im Bus vor mich hin. Einmal öffnete ich kurz die Augen und sah durchs Fenster eine große schwarze Rauchwolke. Ach die Albaner, dachte ich, verbrennen wieder ihren Hausmüll, und schlief wieder ein. Als wir in Tirana in den Bus nach Elbasan umstiegen, schienen alle in heller Aufregung, Polizei und Notarzt überall, nur ich verstand nicht worum es ging. Erst zuhause am Fernseher wurde die Situation langsam klar: eine Demunitionsfabrik im Dorf Gerdec war in die Luft geflogen und hatte das halbe Dorf mitgenommen. Eine riesige Katastrophe und ein politischer Skandal bis heute. Und ich im Halbschlaf dachte nur an Hausmüll.
Heute bin ich aufmerksamer, es ist aber nichts zu erkennen. Bis eine Schweizer Freundin anruft „Premierminister Sali Berisha hat gestern Abend den Notstand ausgerufen. Wegen starker Überschwemmungen in Nordalbanien. Menschen werden evakuiert und Straßen sind zum größten Teil gesperrt“. Ähnliche Situation in Bosnien und Kroatien, meldet das Radio.
Inzwischen sind wir zurück auf der Hauptstraße nach Tirana. Wir fahren am Grab von Skanderbeg vorbei und die Sonne geht knallrot am Horizont unter. Sieben Stunden Verspätung und links am Himmel ein Rettungshubschrauber.
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