Also, allgemein fällt es mir gerade sehr schwer, irgendetwas zu schreiben. Befinde mich, denke ich, gerade auf dem Teil der Kulturschock-Kurve, die sich vom Honeymoon entfernt. Es gibt immer noch viele Dinge, von denen ich begeistert erzählen will. Aber zugleich passiert viel, was mir weniger gefällt. Oder mich schockt. Und diese Mischung aus heiß und kalt vermischt sich in meinem Bauch zu einem seltsamen, lauwarmen Brei. Dennoch ein Versuch, auch im Oktober:
(zu)Haus
Relativ klar und einfach zu beschreiben ist meine Wohnsituation. Die Bilder seht Ihr ja. Habe 4 Zimmer in einem kleinen Altstadthaus, mit einer hohen Mauer außenrum und einem wunderschönen Garten. Mein Ziel ist es, das ganze Jahr hier immer das gleiche wunderbare Gefühl aufrecht zu erhalten, wenn ich diesen Garten sehe.
Ansonsten kommt alle 2 Tage der Bauer mit 1,5 Litern frischer Milch vorbei, aus der ich meinen eigenen Joghurt mache. Käse habe ich auch schon versucht. Dabei ist mir die Milch allerdings einfach nur vergammelt…
Außer mir wohnt im ersten Stock eine albanische Familie. Der Vater ist sehr alt und ziemlich taub. Er lächelt meistens einfach. Sehr sympathisch – das tue ich hier auch hauptsächlich, wenn mich jemand anspricht. Seine Frau ist es gewohnt mit ihrem Gegenüber sehr laut zu sprechen und schreit mich daher meistens aus vollem Halse an. Ist aber eine gute Seele. Im Garten wohnt mein blaues Rennrad, mein treuester Begleiter. Der Gute hat mir schon einige verwunderte albanische Blicke beschert. Ich werde doch ziemlich beäugt, wenn ich bei strömendem Regen mein Hosenbein hochschlage und losflitze. „Gelebte Landeskunde“ nennt das die Robert Bosch Stiftung. Und ich lache.
Schließlich gibt es viele kleine Tiere – Eidechsen, Spinnen, Schnecken, Kellerasseln und sogar einen kleinen Skorpion hatte ich schon zu Besuch – und natürlich Geister. Sie öffnen die Türen, wenn sie durchs Haus gehen und spiegeln sich nachts in dunklen Fensterscheiben. Einmal haben sie beim Spielen mitten in der Nacht meinen Glastisch zum Zusammenbrechen gebracht. Ich bin ein wenig erschrocken (Oh mein Gott, jemand hat mein Wohnzimmerfenster zerschlagen und kommt herein…). Ansonsten kommen wir gut klar. Aber ich kann verstehen, warum die Menschen auf dem Balkan abergläubischer sind als in Deutschland.
Männer und Frauen
Das Thema ist vielleicht schon ein wenig langweilig, aber es muss einfach sein. Die getrennten Welten von unseren beiden Lieblingsgeschlechtern fallen einem schon auf, wenn man hier durch die Stadt spaziert. Es gibt unzählige Bars und Cafes – voller Männer. Nur bei einigen wenigen steht an der Tür „für Familien“. Was so viel bedeutet wie: Ihr könnt Eure Mädels mitbringen.
Ich möchte Euch nicht mit den altbekannten Details langweilen. Daher nur 2 kleine Anekdoten von heute Nachmittag: Ich war mit meiner Nachbarin in der Post, um meine Telefonrechnung zu bezahlen. Der halben Engländerin in mir dreht sich beim Anblick der Schlange dort natürlich der Magen um. Die Schlange besteht aus einem riesigen Pulk von Menschen, die sich alle gleichzeitig auf die kleine Öffnung in der Glasscheibe zu bewegen. Und wer nicht mit schiebt, bleibt eben stehen. Chaos total, dachte ich. Doch weit gefehlt. Es bestand eine klare Ordnung: Auf der linken Seite der Öffnung drängelten sich alle Frauen, auf der rechten Seite alle Männer. Damit niemand niemandem im Gedrängel an den Hintern fassen kann.
Gleich danach gingen wir zum Markt. Ich wollte einen neuen Schirm. Meinen anderen hatte ich für 1.- Euro in Belgrad gekauft und er hatte ungelogen keine 10 Minuten Wind und Regen überstanden. Fragte also diesmal nach einem größeren und stabileren Schirm. „Tut mir leid, aber der ist für Männer,“ sagte der Verkäufer zu mir. In den nächsten Minuten der Diskussion, als er versuchte, mir doch den kleinen rosafarbenen anzudrehen und ich mich weigerte, wurde seine Laune immer schlechter. Schließlich bekam ich den Herren-Schirm. Aber widerwillig.
Das sind so kleine Geschichten, die jeden Tag passieren. Über die ich mich wundere, über die ich lache und über die ich mich manchmal hinwegsetze. Die ganze Sache hat aber eine sehr traurige Seite. In nur 1,5 Monaten habe ich von 4 Frauen persönlich erfahren, dass sie von ihren Freunden, Verlobten oder Ehemänner geschlagen wurden. Zwei davon krankenhausreif. Das passiert hier so viel und mit so wunderbaren, starken und gebildeten Frauen. Das tut mir weh und erschreckt mich sehr. Da merke ich, wie tief das moralische Empfinden bei uns – bei Männern und Frauen gleichermaßen – dafür ist, dass das einfach unter keinen Umständen passieren darf. Und ich habe sicher noch nicht viel gesehen, von diesem Land.
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