Für mich ist sie inzwischen eine Kombination aus albanischer Mama, Mitbewohnerin, Lehrerin und Freundin geworden. Wenn ich Schwierigkeiten oder Hunger habe oder einfach gerne Gesellschaft hätte, brauche ich nur die paar Treppen nach oben zu steigen. Wenn sie mit Hysen spricht schreit sie einfach, damit er sie versteht. Wenn sie auf andere Menschen trifft braucht sie meist einige Sätze um die Lautstärke wieder auf normal zu regulieren. Benci ist ein fröhlicher Typ – was sich hauptsächlich dadurch äußert, dass er sobald ich ein Wort Albanisch spreche, in Gelächter ausbricht. Da er allerdings sonst nur Italienisch und Französisch spricht, verlaufen unsere Unterhaltungen äußerst humorvoll. Leider hängt im Wohnzimmer der Dedejs auch ein schwarz umrahmtes Photo von Bencis älterem Bruder. Vor 6 Jahren ist dieser bei einem Verkehrunfall verstorben, wie Vera mir sagte. Seitdem trägt sie schwarz. Die Frauen hier tragen für den Rest ihres Lebens schwarz, wenn sie nicht mehr daran glauben, dass es noch einmal eine positive Wendung nahmen kann. Von Nachbarn habe ich erfahren, dass er sich im Wohnzimmer selbst erschossen hat. Es gibt denke ich wenig Schlimmeres, was einer Mutter passieren kann. Als mir die Familie zum ersten Mal vorgestellt wurde, war mein erster Gedanke, hoffentlich stirbt Hysen nicht, während ich hier wohne. Ich habe keine Ahnung, wie ich darauf kam – war einfach ein Gedanke, der plötzlich da war.
Leider ist genau dies gerade eingetreten. Im März war er krank geworden und als ich mit meiner Theatergruppe aus Mazedonien zurückkehrte empfing mich die Nachricht schon auf der Straße: Hysen ist tot. Mit wackeligen Knien rannte ich nach Hause. Die Frauen der Familie und der Nachbarschaft saßen im Wohnzimmer versammelt, die Männer im Erdgeschoss bei mir. Alle weiblichen Familienangehörigen ganz in Schwarz, für 1 Monat. Als ich versuchte auf Albanisch mein Beileid auszusprechen lachte der fröhliche Benci zum ersten Mal nicht. „Ngushellime te mia“, sagt man. Ich sprach auf Deutsch weiter, weil solche Ausdrücke in einer Fremdsprache doch nichts weiter als Phrasen sind. Sie verstanden mich ganz gut.
Mir gegenüber versucht Vera meist die Fassung zu bewahren, fröhlich zu bleiben. Daher verbrachte sie die nächsten Tage damit, mir detailliert zu berichten, was geschehen war. Hysen war am Freitagmorgen gestorben, einfach eingeschlafen auf dem Sofa zuhause. Während seiner ganzen Krankheit war er zuhause gewesen, weil die Krankenhäuser in Albanien in so schlechtem Zustand sind. Ich hatte mir nie wirklich bewusst gemacht, dass das zwar angenehmer für den Kranken ist, für die Familie aber eine große Belastung darstellt. Vera war aus Angst, ihn alleine zu lassen, praktisch 2 Monate nicht aus dem Haus gegangen.
An diesem Freitag schlief er also einfach ein – Vera und Benci riefen nicht einmal einen Arzt. „Es war doch klar, was passiert war,“ sagte sie mir. Nur die engsten Familienmitglieder und die Trauerhilfe wurden verständigt. Sofort kam eine Frau, die sich mit dem Toten ins Wohnzimmer einsperrte, in wusch, umzog und herrichtete - und dann wurde er dort aufgebart. Schon nach zwei Stunden kamen die Ersten um ihr Beileid auszusprechen und dieser Besucherstrom ist bis heute nicht abgerissen. Nur montags kommt niemand – montags ist Beileidsurlaubstag, oder wie man das nennen soll.
In dieser ersten Nacht wird nicht geschlafen. Die Frauen bleiben bei dem Toten – ist das nicht die so genannte Totenwache, die es auch in Deutschland bis vor nicht allzu langer Zeit gab? Sie weinen und klagen laut. Richtige traditionelle Totengesänge gibt es. Die Männer sitzen im Garten, rauchen und trinken Raki. Am nächsten Tag findet die Beerdigung statt. Ich habe im Kopf, dass man im muslimischen Glauben nur 3 Tage Zeit hat, um den Toten zu beerdigen, bin mir aber nicht sicher. Viele Menschen gehen auf den Friedhof, mit Blumen, und es werden viele Reden gehalten. Nur die Witwe bleibt mit einer Schwester oder anderen älteren Frauen zuhause. Nach der Beerdigung kommen alle zum Haus und sprechen der Familie ihr Beileid aus. Ein Teil der Besucher wird dann zum Leichenschmaus eingeladen. Dort gibt es vor allem Raki und Wein, Suppe, Fleisch, Byrek und eine besondere Nachspeise, die nur bei Beerdigungen gegessen wird. Beim Kaffee sagt man anstelle von „zum Wohl“ so etwas wie „auf das Schlechte“ und dass es vorüber gehen möge. Alle Gäste dieses Essens kommen dann innerhalb des nächsten Wochen wiederholt zur Familie nach hause, um ihnen Gesellschaft zu leisten. In den ersten Tagen werden nur Zigaretten angeboten, später gibt es Kaffee und Raki. Im Gegenzug lassen die Gäste Geld bei der Familie, um sie finanziell zu unterstürzen. Nach einer Woche fahren die engsten Freunde und die Familie wieder zum Grab und es gibt ein weiteres Mittagessen. Ebenso nach einem Monat. Und nach einem Jahr. Bei diesem Essen nach einer Woche war auch ich anwesend. „Shtatat – der Siebte“ heißt dieser Tag. Wir hatten einen Bus gemietet, mit dem alle zum Friedhof fuhren. Dort legte jeder eine Blume auf dem Grab nieder und streichelte und küsste den Grabstein und das Photo. Auf dem Friedhof in Elbasan liegen Christen und Moslems gemeinsam begraben, nur durch einen Weg getrennt.
In meiner Vorstellung war diese große Anzahl an Traditionen und Regeln sehr anstrengend für die Familie. Allerdings fängt es sie auf und lässt sie nicht alleine. Die Trauer wird ein Stück weit auf die ganze Stadt verteilt, so dass der Einzelne nicht so viel alleine zu tragen hat. Aber wenn der ganze Spuk dann irgendwann vorbei ist, muss man wohl doch selbst mit dem neuen Leben klar kommen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen