Bei einer kurzen Stöberrunde durch meine bisherigen Erzählungen ist mir aufgefallen, dass ich Euch meine neue Heimatstadt Durrës eigentlich noch gar nicht vorgestellt habe. Durrës ist (vermutlich – denn exakte Zahlen hat irgendwie niemand – Volkszählung? Aufwendig…) die zweitgrößte Stadt Albaniens, nach Tirana. Die Stadt Durrës hat drei entscheidende Vorteile: erstens, sie liegt am Meer. Ich denke dazu ist nicht viel zu sagen. Der Genuss lässt sich ganz schlicht und überzeugend in diesem kleinen Satz ausdrücken: Durrës liegt am Meer.Wobei ich mich in manchen dieser seltenen Momente, in denen ich mir überlege, ob ich nicht doch anfangen sollte, an Gott zu glauben, frage, womit ich das alles verdient habe. Nicht genug damit, dass ich jetzt am Meer wohne. Sondern das Meer liegt auch noch im Westen, was bedeutet, dass die Sonne allabendlich ganz wunderbar darin versinkt.
Der zweite Vorteil ist, dass die Stadt nur 30 Minuten von Tirana entfernt liegt. Dies katapultiert das verfügbare Nachtleben im Vergleich zu Elbasan in schwindelerregende Höhen und stellt meiner hungrigen Seele eine Oper, ein Nationaltheater, eine Kunstakademie und ein alternatives Kino in der Filmakademie zur Seite. „Ansichten eines Clowns“, „Monsieur Ibrahim und die Blüten des Koran“, „Dreigroschenoper“, „The dumb waitor“, „Antigone“, „Die drei (albanischen) Tenöre“, „Lucia di Lammermoor“, „Whistle in the dark“ und zwei weitere Opern, deren Namen ich bereits vergessen habe – Asche auf mein Haupt – hat mir das alleine im November und Dezember bereits beschert.
Schließlich hat Durrës – vielleicht aufgrund der frischen Meerluft, aufgrund des Hafens und der Nähe zu Italien (d.h. aufgrund von Vorteil 1), vielleicht aufgrund seiner Größe und seiner Nähe zu Tirana (d.h. aufgrund von Vorteil 2) bedeutend weniger erstickende Provinzialität als Elbasan.
Als ich meine Nachfolgerin in Elbasan, die neue Boschlektorin, vor ihrer Ausreise kennen lernte und ihr von Albanien erzählte, widersprach sie mir zunächst einmal ständig. Nein, die Uni ist doch gar nicht so chaotisch. Übertreib nicht, die Studenten sind doch gar nicht so schlecht. Ach was, es ist doch gar kein Problem als Frau alleine unterwegs zu sein. Das ist ganz normal. Nein, es wird auch in Albanien abends gefeiert und weggegangen. Ach komm, die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in Albanien sind doch wie bei uns auch… Sie ist mit einem Albaner verheiratet und hat bereits längere Zeit in Tirana gelebt, so dass ich mir ziemlich dämlich vorkam. Hatte ich denn alles falsch verstanden? War ich denn in einem Gedankengebilde von Albanien gefangen, das in meinem Kopf entstanden war und die Realität ausblendete?
In Durrës fällt der Strom auch aus. Aber im nächsten Augenblick springen die Generatoren an, so dass einem das Dunkel im Treppenhaus so vorkommt, als hätte man zu langsam geblinzelt. Kein Vergleich mit den langen, stillen Abenden bei Kerzenschein. Auch in Durrës habe ich Studenten, die nichts verstehen und auch gar keinen Wert darauf legen. Aber es gibt auch diejenigen, die zwischen den Unterrichtsstunden in mein Büro kommen und fragen, was denn für die nächste Woche zu lesen sei. Die die Gesamtzahl aller möglichen Punkte in der Klausur erreichen. Die fragen, ob sie nicht vielleicht einmal ein Referat halten dürften, weil sie das so gerne üben würden. Kein Vergleich mit meinen stummen G
ermanistikstudenten in Elbasan, die stolz verkündeten, 4 Wörter Deutsch zu können, da sie sich im 4. Jahr befänden! Einer von denen hat gerade als Deutschlehrer angefangen, wohingegen meine ehemals beste Studentin immernoch verzweifelt eine Stelle sucht. Sie weigert sich die 3000 Euro Bestechungsgeld an den Bildungsbeauftragten vom Kreis Elbasan zu bezahlen. Und ihre Familie ist sehr arm, ihr Bruder sitzt im Gefängnis – sie haben wenig einflußreiche Freunde. Soviel zum Thema Korruption in Elbasan.
In Durrës an der Uni habe ich Leute kennen gelernt, die ihre Stellen haben, weil sie dafür qualifiziert sind. Die motiviert sind, die hart arbeiten und die ich sehr schätze.Abends gehen die Leute in der Stadt und auf der Promenade spazieren, auch im Winter. Morgens küssen sich die Liebespaare auf dem Weg zur Uni. Zwar flüchtig. Und mit Blick über die Schulter. Aber wer nimmts schon so genau? Und in mei
ner Theatergruppe sind dieses Mal auch drei Jungs. Sehr kompetente und engagierte Jungs, mit denen ich ganz wunderbar arbeiten kann. So wie mit den Mädchen eben auch. Wir arbeiten jetzt sogar mit festem Probenplan und dürfen den Konferenzsaal der Uni für unsere Proben benutzen. Naja, die Uni heißt ja auch Aleksander Moisiu, nach dem bekannten albanischen Schauspieler, der in Österreich lebte.
Was das zuvor beschriebene Gedankenbilde im Kopf angeht, so muss ich mir nun hinsichtlich meines Albanienbildes selbst widersprechen. Und meiner Nachfolgerin Recht geben. Und zugleich weiß ich auch, dass ich Recht hatte. Ich habe Elbasan schon richtig verstanden. Und ich bin überzeugt, dass es Orte in Albanien gibt, die noch extremer sind. Mit einem Anfang in Elbasan bin ich ganz schön ins kalte Wasser geworfen worden. Aber die guten Herzen der Menschen dort haben mich aufgefangen und aufgewärmt. Ich bin froh, dass ich jetzt auch die modernere Seite von Albanien kennen lernen durfte. Und ich bin froh, dass mein Leben dieses Jahr etwas weniger abenteuerlich ist. Aber Elbasan will ich nicht missen, auf keinen Fall!
Immerhin, Durrës hat nicht nur Vorteile. Ich habe bedeutend mehr Abende alleine in meiner Wohnung verbracht als in Elbasan. Und mein liebes blaues Fahrrad ist schon im ersten Monat gestohlen worden. Obwohl es fest abgesperrt war…Ganz Elbasan wußte wem dieses Fahrrad gehört und nie hätte es jemand angerührt. Es hat eben alles seine Vor- und Hinterteile, wie mein Papa so schön sagt.
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