Abschiedseindrücke, wollte ich diesen Text eingentlich nennen. Aber so ganz zutreffend ist das nun nicht mehr. Zwar bin ich gerade für eine Woche in mein liebes Regensburg zurück gekehrt, wo es wie immer wunderbar ist und ich eigentlich nie wieder weg will, aber dennoch werde ich zurück nach Albanien gehen. Für weitere zwei Jahre, wie es aussieht. Als Koordinatorin für internationale Beziehungen der Universität Durrës. Insallah. Hier dennoch meine Eindrücke vom letzten zeitweiligen Abschied aus Durrës.
4.30 Uhr, mein Wecker klingelt. Gleich wird meine Taxifahrer anrufen, also raus aus dem Bett. Gott sei Dank war ich so vernünftig, gestern um Mitternacht noch meine Tasche zu packen. Kurz hatte ich ja überlegt, ob nicht nach dem Aufstehen auch genug Zeit sein würde. Zeitplanung ist immer weniger meine Stärke…
Ich habe einen mittelgroßen, das heißt für meine Verhältnisse sehr kleinen Rucksack, meinen Laptop und mal wieder eine Tasche mit Kleidung für meine albanische Freundin in Regensburg dabei. Ich frage mich, wie viel Kleidung der Mensch brauchen kann. Jedes Mal wenn ich nach Deutschland fliege, habe ich eine Tasche für sie dabei. Und natürlich einen Umschlag mit Geld von ihren Eltern. Es tut mir jedes Mal Leid, wenn ich von ihnen Geld mitnehme. Die Familie arbeitet so hart, um Geld zu verdienen – der Vater auf dem Bau, die Mutter im Gefängnis, die Brüder in Griechenland, der Schwager in Italien – und das Geld ist in Deutschland so leicht ausgegeben.
Zehn Minuten vor der abgemachten Zeit klingelt mein Handy. Es klingelt ein Mal, dann wird wieder aufgelegt – Zile, heißt das. „Ich bin da“ ist die Botschaft. Telefonieren mit dem Handy ist in Albanien unverschämt teuer. Scheiß Vodafone, Halsabschneider sind das! Mein Taxifahrer ist der pünktlichste Mensch Albaniens. Er heißt Zeneli. Ich bin das erste Mal mit ihm zum Flughafen gefahren und seitdem rufe ich ihn immer an. Er kommt mich abholen, mitten in der Nacht, morgens um vier, alles kein Problem. Einmal hat er seine Frau mitgebracht, damit sie mich kennenlernt. Und damit ich weiß, dass ich zu keiner Tages- oder Nachtzeit Angst haben muss, allein mit ihm im Auto zu sein. Ich weiß alles über seine beiden Söhne, seine verheiratete Tochter (natürlich habe ich ihren Ehemann ausgesucht, ich kann sie doch nicht einfach mit irgendeinem zusammen kommen lassen. Ich trage doch die Verantwortung für sie…) und er viel über mich. Nur dass er denkt, dass ich in Durrës Albanisch studiere. Ich erzähle den Menschen manchmal unterschiedliche Geschichten darüber, wer ich bin, weil mich die ewige Fragerei und die ewige gleiche Antworterei langweilen. Jedes Mal sagt er mir liebe Grüße an meinen Vater.
Ich packe den restlichen Käse, die letzte Gurke und den Rest Brot aus der Küche ein. Ich werde das alles Zeneli geben – dann hat er gleich was zum Frühstück. Dann schalte ich den Boiler aus, schließe ab und fahre mit dem Fahrstuhl die 14 Stockwerke hinunter. Normalerweise gehe ich zu Fuss, für ein bißchen Fitness, und manchmal auch zu Fuss hinauf – aber um 4.30…
Zeneli erwartet mich mit seinem kleinen Golf. Eigentlich ist er kein Taxifahrer, denn sein Auto ist kein Taxi. Einfach nur ein PKW, der Leute hin und her fährt. Taxischein hat er keinen und Steuern zahlt er auch nicht. Einmal kamen wir in eine Polizeikontrolle und er flüsterte mir aufgeregt zu „Nenn mich Djadji Zeneli, Onkel Zeneli – sie dürfen nicht wissen, dass ich als Taxifahrer arbeite“. Wir fahren also los, um die Ecke, und dort liegt ein schwarzer Jeep auf dem Dach auf der Straße. Das Glas ist aus allen Fenstern gebrochen und über den Asphalt verstreut. Darum herum stehen ein paar junge Männer und rauchen. Wir fahren kommentarlos vorbei. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon wach bin, oder noch träume. Dieses Land ist doch wundersam…
Als wir auf die Autobahn in Richtung Tirana fahren und wir uns gerade über den letzten politischen Mord (nächsten Sonntag sind Wahlen) unterhalten, geht die Sonne hinter den Bergen auf. Ich kenne kein Land, in dem man so schnell vom Meer zu den Bergen kommt wie in Albanien. Wolken und Nebel hängen vor den Bergen und die Sonne scheint mitten hindurch – die Umrisse der Berge leuchten phantastisch. Und wieder weiß ich nicht sicher, ob ich schon wach bin, oder noch träume. Dieses Land ist doch wunderbar…
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