Donnerstag, 14. Januar 2010

Winterschlaf

Zwei Decken habe ich auf den Beinen, bis zum Bauchnabel hochgezogen. Eine Jogginganzughose und ein langärmliges T-Shirt an. Und einen langen grauen wollenen Strickmantel. Seinerseits bei einem Auslandsstudium in Durham, England, als Geschenk von meiner Mama erhalten. Manchmal, wenn ich an diese Zeit zurück denke, kommt es mir vor, als wäre das damals gar nicht ich gewesen. Ich meine, ich kenne die Geschichte der Person dort ziemlich gut, auch deren Gefühle, Gedanken und Liebeskummer – aber ICH kann das irgendwie trotzdem schlecht gewesen sein. Oder?

Jetzt bin es jedenfalls ich, das ist sicher. Meine kalte Nasenspitze und das Kratzen in meinem Hals sind zu präsent, als dass sie jemand anderem gehören könnten. Das ewige Kratzen und Ziepen in meinem Hals und meinen Mandeln, dass einen bedeutenderen Teil meiner Identität eingenommen zu haben scheint, als manche gute Eigenschaft. Gute Eigenschaften wie zum Beispiel... Findet Ihr nicht auch, dass das eine der schwierigsten Aufgaben ist, seine eigenen guten Eigenschaften zu benennen? Ich meine nicht im Bewerbungsgespräch, sondern ehrlich. Schlechte, ja, kein Problem. Egoismus, Ungeduld, Intoleranz, Unpünktlichkeit, Egoismus... Aber Gute? Vielleicht, dass Menschen die mich nicht sehr gut kennen diese schlechten Eigenschaften an mir nicht erkennen. Also Falschheit und Schleimerei?

Schon gut, ich möchte den Blog und Euer Interesse im neuen Jahr 2010 nicht zu übermäßiger Selbstreflexion ausnutzen. Schließlich habe ich mich gegen eine Therapieausbildung entschieden und kämpfe mich lieber durch die albanische Hochwasserlandschaft. Im Ernst, gedacht war dieser Einstieg, um meine momentane Situation darzustellen. Auch in Albanien ist Januar, und es gibt keine Zeitverschiebung zwischen hier und Deutschland (nur um das jetzt ein für alle Mal zu klären). Dennoch ist es draußen schon frühlinglich warm (und heute auch sonnig gewesen), im Haus allerdings eiszeitlich kalt. Hier scheint die Meinung vorzuherrschen, dass es sich bei 9 warmen bis heißen Monaten im Jahr nicht lohnt, für die 3 übrigen eine Heizung in den Wohnungen zu installieren. Wir haben dafür eine Klimaanlage, die zehn Minuten warme Luft bläst und dann aus Langeweile auf kalt umstellt. Zudem einen kleinen Gasofen, aus dem so viel Gas entweicht, dass einem nach kurzer Zeit die Augen brennen und man sie zumachen muss. Es ist erstaunlich zu erfahren, wie wenig man mit geschlossenen Augen anfangen kann. Auch wenn einem warm ist. Schlafen kann man nämlich auch nicht, da der liebe Gasofen in unregelmäßigen Abständen eine hohe Stichflamme ausstößt und dann erlischt – d.h. man hört dann nur noch das bedrohliche Pfeifen von entweichendem Gas, muss aufspringen und den Hahn zudrehen. Die dritte Alternative sind zwei verschiebbare Elektroheizkörper, die so viel Strom fressen, dass einem beim bloßen Gedanken an die nächste Stromrechnung alleine schon warm genug wird. Es heißt also Suppe und Tee kochen, alte Wollsachen rauskramen und früh unter die Decke krabbeln. Und schnell weiß man gar nicht mehr, ob es hier oder im verschneiten Bayern kälter ist?

Unsere neue Wohnung - die in der ich gerade bibbere - ist wunderbar. Ein riesiges Wohnzimmer, drei Balkone, einer zur Meerseite hin, zwei zur Stadtseite mit einem bezaubernden Blick, da die Wohnung auf einem Hügel liegt, neben der Villa des ehemaligen König Zogu, Wireless, zwei Badezimmer, Gästezimmer und eine Küche mit Meerblick, alles mit geschmackvollen grauen Fließen ausgelegt und in bunten Farben gestrichen. Kleines Plus: Mini-Privatbibliothek, die ich im Laufe der vergangenen zwei Jahre mit Lufthansas Hilfe nach und nach eingeflogen habe.

Wie immer, seid Ihr also alle herzlich eingeladen. Wenn ich auch vorschlagen würde, ab März zu kommen. Die Wohnungsbeschreibung für Januar und Februar sieht nämlich folgendermaßen aus: Riesiges Wohnzimmer – das man einfach nicht warm bekommt, drei Balkone – die man nicht betreten kann, da aufgrund der exponierten Lage auf einem Hügel oft starke Winterwinde wehen, zwei Badezimmer – aus denen man die Feuchtigkeit nur schwer vertreiben kann, weil sie immer kalt und klamm sind – sich zum Duschen auszuziehen ist eine ziemliche Überwindung, ein Haufen alter Bücher – die man in einem mit Gas gefüllten Wohnzimmer schlecht lesen kann, und gefließter Boden – der einem ohne Hausschuhe und dicke Wollsocken wie die Eisfläche der Regensburger Donauarena in die Zehen beißt.

Ich hoffe Ihr nehmt meine Einladung trotzdem ernst?

Bevor ich auch meine kalte Nase unter der Bettdecke verschwinden lasse, ist mir vielleicht doch noch eine gute Eigenschaft eingefallen. Lockerheit. Nicht extrem, aber doch ein wenig Lockerheit habe ich dazugewonnen. Ich liebe diese Wohnung, dass könnt Ihr mir wirklich glauben. Eineinhalb Wintermonate sind immerhin schon vorbei und die Tage werden wieder länger. Und es wird wunderbar werden, im Sommer. Und hoffentlich ein wunderbares Jahr. Auch für Euch alle!

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