Sonntag, 28. Februar 2010

Regendauer: Dauerregen

Jetzt fängt die schon wieder an über das Wetter zu jammern, werden einige von Euch vermutlich denken und genervt die Augen verdrehen. Die hat ja keine Ahnung, dass wir seit Monaten nur Schnee Schnee Schnee haben und gar nicht mehr wissen welche Farbe Gras haben könnte (Weiß vermutlich, oder, denn die einzigen verbliebenen Farben auf Erden scheinen ja weiß und schneematschgrau zu sein?). Aber ich muss Euch wiedersprechen, ich habe eine Ahnung von Eurer Lage. Mein liebster blau-weißer Freund Superman „S“ (Ihr dürft mich auch Skype nennen), vollbringt die geniale Leistung, mich wenigstens mit einigen von Euch hin und wieder direkt (und nicht nur gedanklich) zu verbinden. Ich schreibe also nicht aus Unwissenheit und Selbstmitleid über das albanische Wetter, sondern im Gegenteil um evtl. Vorstellungen von Euch - ich schwämme auf einer rosaroten Insel aus Palmen und weißem Sand, umringt von Delphinen und singenden Meerjungmännern - zu wiederlegen und Neid und Mißgunst zu bekämpfen.


Kurz und knapp: Es regnet. Es regnet schon den ganzen Monat, jeden Tag, jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend. Und ich brauche Euch wohl nicht zu sagen, dass sich das irgendwie auf die Psyche niederschlägt. Manchmal höre ich selbst in meinem eigenen Kopf nur noch das stetige Tropfen auf Fensterscheiben, Autodächer, Regenschirme... Irgendwie scheint mir der Regen hier allerdings intensiver zu sein, als in Deutschland. Aggressiver. Problematisch ist, dass man nicht einfach nur etwas naß wird, wenn es regnet. Man wird völlig getränkt, da erstens der Regenschirm keinerlei Funktion erfüllt, weil der Wind ihn einfach hin und her bläst, nach Gutdünken. Zweitens ist von Kanalisation hier keine Spur, so dass die Straßen und Städte einfach voller Wasser laufen. So wird man also simultan von oben und unten naß. Schließlich ist das größte Problem, dass der Regen hier nicht wie zuhause aus klarem Wasser besteht. Hier scheint er mir grau-braun-grün zu sein. Nach einem zehnminütigen Spaziergang zur Arbeit ist man also nicht nur von oben und unten naß (und kann sich nicht trocknen, weil der zweite kleine Heizlüfter jetzt unsere zweite und letzte Steckdose durchgeschmort hat), sondern auch noch wie eine gesuhlte Sau von unten bis oben mit Sand und Matsch bespritzt. Nun könnte das gleichgültig sein, falls alle so aussehen würden. Leider bin ich allerdings die Einzige, die jeden Morgen denkt, Ach das bißchen Regen kann mich doch nicht vom zu Fuß gehen abhalten. Die anderen Mitarbeiter und Studenten lassen sich – von ihren Männern größtenteils - mit dem Auto vorfahren, was jeden Morgen zu einem riesigen Stau und Verkehrschaos führt. Und für mich den entscheidenden Nachteil hat, dass ich noch den Spritzverkehr der vorbeifahrenden Autos abbekomme...


Es ist seltsam, aber ich habe das Gefühl, man bekommt das Leben hier intensiver mit, als in Westeuropa. Wie eben beschrieben, ist der Regen viel anstrengender zu ertragen. Wohl weil nicht einfach nur Wasser vom Himmel fällt, sondern flüssiger Schmutz, die Straßen überflutet und die Löcher in den Straßen ausgespült und riesig werden, die Autoscheiben von innen beschlagen, so dass die Stadt halb blind durch die Gegend fährt, der Strom und das Internet ausfallen und man sich ständig naß und kalt fühl, weil es nirgends einen Heizungskeller gibt, in dem man seine Socken aufhängen kann. Und dann berichtet mir eine meiner Studentin, wie schwer es für sie ist konzentriert auf die Prüfungen zu lernen. Denn ihr kleiner Tisch, an dem sie gewöhnlich sitzt, steht im Gang der Wohnung. Der Gang ist aber völlig ungeheizt und selbst wenn sie sich in eine Decke wickelt, ist es schwer bei der Sache zu bleiben und sich nicht nur auf die klammen Finger zu konzentrieren. Wenn sie sich allerdings ins warme Wohnzimmer setzt, tummelt sich da die ganze Familie, der Fernseher läuft und es gibt ständig irgendetwas zu tun. So unwichtig dieses Beispiel vielleicht klingt, es zeigt wie viel größeren Einfluß die Natur hier hat, als bei uns. Nicht dramatisch - versteht mich nicht falsch, ich will hier nichts dramatisieren - aber doch so, dass alles ein wenig anstrengender ist. Und ich mich so fühle, als hätte ich in Deutschland immer in einer bequemen Blase gelebt. Wo man, wenn man z.B. lernend zuhause sitzt, ganz erfolgreich ausblenden kann, dass draußen gerade ein halber Meter Schnee gefallen, oder die Donau die arme Wurstküchl mal wieder in ihre naßen Armen geschlossen hat.


Vielleicht klingt das jetzt ein wenig so, als würde ich das harte Leben hier romantisieren und Euch vorschlagen, dass wir alle mehr unter der Natur leiden sollten. Das meine ich ganz und gar nicht so. Ein Stromausfall kann eine tolle Erfahrung sein. Erst diese Woche fiel einen Abend in ganz Albanien der Strom aus. Wir waren von unserem Haus auf die Aussichtsplattform über Durres geklettert und haben die gespenstisch dunkle Stadt gesehen – und nur die Schiffe auf dem Meer spendeten etwas Licht. Zurück zuhause gab es kein Licht, keinen Fernseher, kein Internet – es war die totale Entspannung von Arbeit, Hektik und Lichtverschmutzung. Aber ständig Stromausfall ist lästig, behindert die Wirtschaft, die Produktivität, läßt den Gefrierschrank abtauen und die Milch schlecht werden. Ich sehe das also nicht romantisch, sondern weiß, dass wir ein großes Glück mit diesen produktiven und geschützten Bedingungen haben. Aber schade ist, dass wir uns der heilsamen Blase gar nicht bewusst sind.


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