Also los, mit meinem Fahrrad in den Park am anderen Ende der Stadt. Dorthin laufen will ich nicht – die Leute glotzen schon so, wenn sie mich auf dem Fahrrad sehen. Der Park ist der einzige Ort in der Stadt, in dem ich bisher sportliche Betätigung gesehen habe. Und das auch nur bis 8:00 Uhr morgens. Dann sitzen alte Männer dort und spielen Domino.
Ich drehe also meine Runden. Eine Runde dauert 5 Minuten. Mehr als 6 schaffe ich meistens nicht, weil ich dieses Rundenlaufen soo langweilig finde. Außer mir sind noch drei Männer und zwei dicke Frauen in Jogginganzügen da. Aber sie laufen nicht, sie spazieren im Kreis. Richtig aktiv sind nur die Streuner. Aber vor denen fürchten sich die Frauen in Jogginganzügen.
Frühstück
Nach dem Joggen sitze ich auf meiner Terrasse, trinke türkischen Kaffee (das ist der, wo der ganze Satz unten in der Tasse bleibt, aus dem man die Zukunft lesen kann) und esse meinen selbstgemachten Joghurt mit Früchten. Lieblingsfrucht derzeit: Granatapfel. Leider ist die Saison schon vorbei und es gibt nur noch ganz kleine auf dem Markt. Das wunderbare: es ist der 1.12.2007 und ich sitze Pullover draußen in der Sonne. Lerne albanische Pluralformen – es gibt in dieser Sprache 36 verschiedene Arten den Plural zu bilden.
Ich gebe auf und gehe zur Post um ein Päckchen von meiner Mama abzuholen. Obwohl in der Post nichts los ist, dauert das eine Stunde. Dafür bekomme ich einen Adventskalender aus 24 kleinen Geschenken, der sofort im Wohnzimmer aufgestellt wird. Passt nicht so ganz zum Wetter draußen, aber gibt mir ein schönes Gefühl. Wenn ich 19 Geschenke geöffnet habe, bin ich zuhause!
Telefon klingelt. Meine Freundin Nevila: „Sharlot, wann kommst Du zu meine Hause?“. Nevila wohnt unter der Woche in Elbasan und arbeitet als Lehrerin. Am Wochenende fährt sie zu ihrer Familie in einer Kleinstadt (Peqin) in der Nähe. Dorthin bin ich eingeladen. Korrigiere noch ein paar Psychologieklausuren und fahre los.
Nevila und ihre Mutter sind zuhause, der Vater und der Bruder sind irgendwo draußen. Wie immer. Die beiden älteren Brüder arbeiten in Griechenland, die ältere Schwester ist mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Italien. Auch typisch. Begrüßung: Küsschen links-rechts, ca. 2-4 Mal. Die Mutter gibt ein Küsschen, dann reibt sie ihre Backe fest an meine. Machen die älteren Frauen in Peqin so. Nevila ist im Jogginganzug, ungeschminkt. Wir ziehen los, um noch ein bisschen Sonne zu ergattern. Mit Mama und ihrer besten Freundin, in meinem Auto. Vorher: umziehen und schminken. Klaro!
Ich habe ein unglaubliches Bedürfnis in den wunderschönen Bergen um Peqin herum spazieren zu gehen. Die anderen drei wollen aber in die Nachbarstadt fahren, in die Geschäfte kucken und Kaffee trinken. Auf dem Rückweg vom einzigen Geschäft (Ramsch!!!) kommen wir an einer Hochzeitsfeier vorbei. Natürlich kennt die Mama eine der Frauen, also: jeder küsst jeden (2-4) oder Backenreiben, je nach Alter. Und ehe ich mich versehe werde ich an der Hand gepackt und zum tanzen gezerrt. Direkt neben der Braut stolpere ich vor mich hin – so ein traditioneller Kreistanz und ich habe keine Ahnung wie der geht – und die ganze Gesellschaft schaut mich an und denkt „1. Wer ist die? 2. Was hat die für furchtbare Klamotten an: Jeans, Pulli und Turnschuhe? 3. Warum tanzt sie so beschissen?“ Bei der ersten Pause mache ich mich mit hundert Danke, Danke davon. Jemand rennt mir hinterher – Schock – aber nur, um mir noch einen Apfel und eine Banane für den Heimweg mitzugeben.
Zurück in Peqin gehen wir einen Kuchen essen, in dem einzigen Kaffe im Ort, das auch für Frauen gedacht ist. Die Straßen sind voll – aber nur von Männern. Es dämmert und es ist keine einzige Frau zu sehen.
Nach dem Kuchen – ab nach Hause, um das das Abendessen vorzubereiten. Sobald das Huhn im Oven ist gibt es Kaffee und die Haustür wird von innen abgesperrt: Die Mamas und die Töchter rauchen heimlich eine Zigarette zusammen.
Dann wird gelüftet und ferngesehen: spanische Liebesserien und das Video vom 1. Geburtstag des Enkelkindes. Folgendermaßen: ein großer Raum mit zwei langen Tischen und einer Band. Einem kleinen Kind im Prinzenkostüm und vielen Leuten, die ununterbrochen tanzen. Während wir den Film sehen kommen Vater und Bruder nach Hause und setzen sich dazu. 2, 5 Stunden insgesamt. Musste zwischendrin an meinen Vater denken, der schon 20 Minuten Urlaubsfilm von anderen Leuten „Eine Zumutung…!“ findet. Kaum war das geschafft, kramte der Bruder das Video von seinem 18. Geburtstag heraus, noch mehr Leute, die im Kreis tanzen. Soll ich durchdrehen, oder… - aber in diesem Moment wollte das Huhn, Gott sei’s gedankt, endlich aus dem Oven heraus und wir konnten Abendessen. Meine Portion ist doppelt so groß, wie die der anderen Familienmitglieder. Wie immer. Ein halbes Blech Burek mit Käse, Hühnchen, Käse, Oliven, Paprika und Tomatensalat.
Nach dem Abendessen gehen Vater und Bruder los – in den Bars von Peqin Fussball kucken. Und wir? – frage ich. Mal sehen, was im Fernsehen kommt, sagt Nevila, denn die Mädchen und Frauen gehen in Peqin nach der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße. Peqin ist eine fanatische Stadt…
Kaum haben wir angefangen „Albanien sucht den Superstar“ zu sehen, kommen strahlend zwei von den Nachbarmädels herüber. Sperrt die Tür zu, wir haben Zigaretten mitgebracht!! Also wurde abgesperrt und schnell, schnell rauchte jeder 3 Zigaretten. Dann Fenster auf, Luft rausfächern, Aschenbecher verstecken. Das kommt mir doch irgendwie so bekannt vor?! Ach ja, Schullandheim. 6. Klasse. Gesprächsthema – Krise zuhause, weil ein Cousin den Eltern erzählt hat, dass eine der Schwestern einen Jungen trifft. Er hat sie aus dessen Auto aussteigen sehen. Sie studiert im zweiten Jahr Englisch an der Uni in Elbasan. Daher der Plan: die Andere wird ihren Freund am nächsten Tag lieber in Elbasan oder Tirana treffen. Und was macht ihr dann, frage ich. Wir trinken Kaffee. Wir gehen ins Hotel, antwortet sie, grinst.
Nachdem sie gegangen sind sehen wir „Njerzit te Humbur - Vermisste Personen“ im Fernsehen. Mama kommt dazu und weint. Nebenan im Wohnzimmer schaut der Vater Nachrichten. Das würde mich mehr interessieren…Um 22:00 Uhr schläft Nevila neben mir ein. Ich denke leicht frustriert daran, dass Samstagabend ist. Und schlafe auch. Mama schaut weiter und weint. Wir drei Frauen schlafen im Schlafzimmer, die Männer im Wohnzimmer. Mehr Zimmer gibt es nicht.
Um 7:30, Sonntag, quäle ich mich aus dem Bett und komme ins Wohnzimmer. Vater und Bruder sind schon wieder unterwegs. Nevila legt Wäsche zusammen und Mama macht uns Auf dem Gasherd Milch heiß. Der Generator von nebenan läuft, das heißt es gibt keinen Strom. Ich schließe mein Handy ans Ladegerät an. Ich brauche sehr lange, um mich daran zu gewöhnen welche Dinge alle Strom brauchen. Heiße Milch, Butter und Brot zum Frühstück. Zum Toasten wird das Brot kurz auf die Gasheizung gelegt. Wir müssen los, eine Kollegin in Elbasan treffen. Nevila muss sich erst schminken. Viele Küsse, vielen Dank, komm bald wieder! Danke, klar! Viel zu spät fahren wir los.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen